
Am 5. August trafen sich Wladimir Putin und Recep Erdogan wieder einmal zu einem „informativen Treffen“. Der neue Zar Russlands und der Sultan vom Bosporus einigten sich in Sotschi in einem vierstündigen Treffen auf eine verstärkte Zusammenarbeit in Wirtschafts- und Energiefragen.
Die ehemaligen geopolitischen Gegner Türkei und Russland pflegen schon länger eine Partnerschaft, die vor allem von strategischen Interessen geprägt ist. Beide Länder stehen zwar in Konflikten wie in Syrien, Libyen oder in Berg-Karabach auf entgegengesetzten Seiten, gehen aber in keiner Weise direkt gegeneinander vor.
Ideologisch eint beide Despoten die Revision der je eigenen Geschichte. So strebt Putin eine Wiederherstellung eines großrussischen Reiches in den Grenzen der untergegangenen Sowjetunion bzw. des Zarenreiches in seinen alten Grenzen an – Erdogan trachtet nach dem Aufbau eines neo-osmanischen Reiches.
Die Gemeinde der Putinversteher hierzulande wird diese Einschätzung als üble westliche Propaganda einstufen, wenn man nicht sogar Sympathien für solche Absichten des Kremlherrschers hegt.
In Deutschland haben bei der letzten Wahl mehr als Zweidrittel der wahlberechtigten „Deutschtürken“ für Erdogan gestimmt, er konnte hier prozentual mehr Stimmen erreichen als in der Türkei selbst. Und mit der Ditib hat er eine von den deutschen Ländern gestützte Missionierungs- und Kolonisierungs-Institution um seine Ziele auch auf deutschem Boden durchzusetzen.
Mit den Putinverstehern haben wir eher im Abseits stehende Agenten im Lande, die Türken dürfen mit staatlicher Duldung ihre religiöse und antidemokratische Subversion betreiben.
Kriegsdrohungen und Glorifizierung des osmanischen Erbes
Für nicht wenige zeigt sich darin die Ideologie und das Machtstreben der Regierung Erdogan. Eine der Säulen seiner Weltsicht ist eine äußerst aggressive Außenpolitik.
Es geht ihm um die Verschiebung ungeliebter Grenzen und den Aufbau eines neo-osmanischen Reiches.
„Wir haben unsere Grenzen nicht freiwillig akzeptiert. Wir müssen wieder überall sein, wo unsere Ahnen waren“, droht Erdogan schon seit Jahren laut und offen. Man hat das bislang als bizarre Großmannssucht ebenso belächelt wie die Ausstellung osmanischer Historiensoldaten in seinem Palast. Der türkische Präsident will gefürchtet und ernst genommen werden mit seinen Plänen für ein Sultanat. Nordsyrien und Nordirak mitsamt den Metropolen Aleppo und Mossul gehören seiner Ansicht nach eigentlich zur Türkei. Dabei zielt er auf eine Revision des Vertrages von Lausanne, der 1923 die kleinere Türkei in den heutigen Grenzen völkerrechtlich festlegt hatte.
Erdogan schickt immer wieder Forschungsschiffe in die griechische Ägäis, um nach Erdgasvorkommen zu suchen, die er für sich beanspruchen will.
Erst jüngst reklamierte er griechische Inseln in der Ägäis als Eigentum der Türkei, weil „wir dort Werke, Moscheen und eine Geschichte“ haben.
Er vergiftet bewusst die Beziehungen zu seinem Nachbarn und NATO-Angehörigen Griechenland.
Man muss wissen, dass vor dem Ersten Weltkrieg nur 44 Prozent der 1,1 Millionen Einwohner Konstantinopels Muslime gewesen waren. 23 Prozent waren griechisch-orthodoxe, weitere 18 Prozent armenische Christen. Die meisten der Griechen und der Armenier, der Christen, wurden vertrieben oder umgebracht. Historiker beziffern die Todesopfer im Völkermord an den sog. Pontosgriechen mit Zahlen um 350.000. Heute leben in Istanbul gut 17 Millionen Menschen, unter denen die rund 2500 Griechen eine verschwindend kleine Minderheit sind.
Für Erdogan sind die Völkermorde an Armeniern – 1,5 Millionen Opfer – sowie die systematische Tötung von Christen, Armenier und Griechen, “Lügen des Westens”.
Erdogan sieht sich als Erbe des Eroberers von Konstantinopel, des Sultan Mehmet II., als Triumphator über das Christentum und will sich als Schutzherr der Muslime inszenieren. Er will islamisieren. Wir erinnern uns, wie er offen damit geprahlt hat, dass man mit Flüchtlingen Europa schleichend islamisieren könne. Er initiiert systematisch Moscheebauten vor allem im Zielland Deutschland, um den geflüchteten Gläubigen hernach in der Fremde „eine Heimat zu schenken“.
Insbesondere auf dem Balkan versteht sich Erdogan als religiöser Kulturkämpfer, um „die Tore bis Wien zu öffnen für unsere Leute“. In den muslimisch dominierten Balkanstaaten wie Albanien, Bosnien und dem Kosovo betreibt denn Erdogan eine strategisch angelegte neo-osmanische Imperialpolitik. Dazu gehört die Restauration von Denkmälern und Moscheen, deren Neubauten und dazu muslimische Schulen, Universitäten, Studentenheime und vieles andere.
Putin vergleicht sich mit Peter dem Großen
Peter „der Große“: „Er war ein tausendfacher Mörder und Henker, er war ein Warlord, Kriegs-Hetzer und Kriegstreiber übelster Sorte.Er nutzte das Heimatgefühl und je und je auch die religiösen Gefühle seines Volkes schamlos aus, um seine verbrecherischen Ziele voranzutreiben. Es gelang ihm, manchmal geschickt ein PR-Mäntelchen über seine Taten auszubreiten, mehr aber auch nicht. Er war ein Schurke, ein eitler Pfau, ein Kriegsverbrecher und ein Kommisskopp…“ – so ein Historiker über das Vorbild Putins. Sind da gewisse Analogien in Zweifel zu ziehen?
Putin sagte nach einem Besuch einer Ausstellung zum 350. Geburtstag Peters des Großen in Moskau, es könne der Eindruck entstehen, dass der Zar etwas „an sich gerissen“ habe, indem er gegen Schweden kämpfte. Doch Peter der Große habe „nichts genommen, er hat es zurückgeholt“.
Das „Zurückholen und die Stärkung“ sei auch heute Aufgabe der Verantwortlichen in Russland und für ihn – führte der Kremlchef aus, nicht nur vermutlich in Anspielung auf seine Attacke auf die Ukraine. Und, relativiert er: „Ja, es hat Zeiten in der Geschichte unseres Landes gegeben, in denen wir gezwungen waren, uns zurückzuziehen – aber nur, um unsere Stärke wiederzuerlangen und nach vorne zu gehen.“
Der Zusammenbruch der Sowjetunion war nach seiner Ansicht das „größte geopolitische Unglück des 20. Jahrhunderts“, was er bereits im Jahr 2005 äußerte.
Die Sowjetunion und Russland sind für Putin, wie er hier unmissverständlich deutlich macht, eigentlich identisch. Der Zerfall der Sowjetunion in Einzelstaaten ist für ihn der „Zusammenbruch des historischen Russlands, das den Namen UdSSR trug“. Was er zuvor als konsequente „Entkommunisierung“ bezeichnete, ist für Putin also die Wiederherstellung des vorsowjetischen russischen Reiches.
Noch unverblümter äußert sich Putins kurzzeitiger Vorgänger, jetziger Scherge und Hass- und Lautredner Putins, Dmitri Medwedew.
In einem Post auf „VKontakte“ äußert er geradeheraus seinen (und Putins) Traum von der Rückkehr zur Sowjetunion. Unverfroren stellt er die Souveränität ehemaliger Sowjetrepubliken in Frage.
„Alle Völker, die einst die große und mächtige UdSSR bewohnten, werden wieder in Freundschaft zusammenleben“, heißt es in der auf russisch verfassten Nachricht laut einer Übersetzung. Kasachstan und Georgien seien nur „künstliche Staaten“. Kasachstan wird außerdem beschuldigt, einen Völkermord an der russischen Bevölkerung zu begehen. Mit einer ähnlichen, haltlosen Argumentation rechtfertigte Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine am 24. Februar..
Medwedew geht noch weiter. Er fantasierte öffentlich gar von einem gigantischen russischen Reich mitten durch West-Europa und spricht von „Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok“.
Moskaus großrussischer Imperialismus quillt auch aus einer „Redewendung“ von Medwedjew an eine Kritikerin:
„Eure Freiheit ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis.“
„Klarer kann man es nicht sagen, worum es dem Kreml geht: nicht um angebliche Sicherheitsinteressen, nicht um angebliche Minderheitenrechte im Donbass, nicht um die angebliche Befreiung der Ukraine von den „Nazis“ in Kiew. Moskau will nichts anderes als die abermalige Unterwerfung der Völker, die vor drei Jahrzehnten das sowjetische Joch abgeworfen hatten – und die tatsächlich die Frechheit besitzen, ihre Freiheit nicht als historischen Fehler anzusehen.“ schreibt B. Kohler in einem Kommentar der FAZ
Für Putins und Medwedws Ideologie gibt es eine „philosophische Quelle“, den russischen Philosophen Iwan Iljin. Wladimir Putin ist ein prominenter Fan des Erschaffers des „christlichen Faschismus“. Für Putin bietet die von Iljin vertretene Weltanschauung wesentliche Anknüpfungspunkte.
Iljin war zeitlebens der Meinung, dass eine unabhängige Ukraine ohne Zugehörigkeit zu Russland undenkbar sei und jeder, der dies fordere, als Feind Russlands zu betrachten sei. Er schaffte damit die ideologische Grundlage für den Angriffskrieg, den Putin derzeit in der Ukraine durchführt. Und darüber hinaus meinte er:
„Wir werden unsere Freiheit und unsere Gesetze von unserem russischen Patrioten erhalten, der Russland die Erlösung bringt“.
Wladimir Putin, der Befreier und Erlöser.
„Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mithilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“ So der Historiker Timothy Snyder.
„Russische Werte“ wohl auch für die Putin-Versteher, welche in ihrem Hass auf alles Westliche, auf die in ihren Augen „verworrene und zerbrochene Welt“, dies auf uns übertragen sehen möchten. In einem „Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok“ – unter russischer Oberhoheit?
Und dazu noch ein neo-osmanisches Reich von Damaskus bis hinein in ein russisch gestaltete „Eurasien“!










