„Job Title Bullshit“

Willkommen in der schönen neuen Berufswelt!

Ich habe diese Überschrift gewählt, um den Leser in den Fachjargon, in dem man sich bewegen wird, gleich einzustimmen. Es geht um die (moderne) Berufswelt und die damit verbundenen, nicht nur sprachlich- semantischen Bescheuertheiten.
Wer mag es bezweifeln, wir leben in einer Zeit einer allenthalben grassierenden, auch ideologischen Bescheuertheit.
Bescheuertheit ist ein fast sinnverwandte Bezeichnung für praktizierten „Bullshit“. Bullshit, aus dem Amerikanischen kommend und für „Blödsinn“, „Unfug“, auch „hohles Geschwätz“ stehend.
Mit der Übernahme unzähliger amerikanisch-englischsprachiger Begrifflichkeiten haben wir auch deren Bescheuertheit übernommen.
Bescheuertheit ist ein Syndrom. Es kennzeichnet neben einem bestimmten Typus von Menschen auch Zustände, die durch solche Menschen bestimmt werden. Im Blick auf unsere Zeit, wer mag es bestreiten, hat Bescheuertheit eine durchdringende Kraft. Wo sie an der Macht ist oder die Ordnungsdeutungen gesellschaftlicher Gruppen dominiert, kann sie ganze Gesellschaften verwüsten. Bescheuertheit ist nicht nur eine Befindlichkeit von Menschen, sondern zugleich eine soziale Mechanik und maßt sich auch »ethische Prophetie« (Max Weber) an.

Wie lässt sich nun Bescheuertheit in dem von mir gefundenen Zusammenhang – Berufe und deren Bezeichnung – phänomenologisch näher bestimmen? Ein probates Verfahren ist der Vergleich quasi Tür an Tür. Wie man zum Beispiel auch die Bedeutung des Bullshit im Kontrast zu seinem Eigentlichen präzisieren kann. Ich will dies mal mit dem Neusprech in unserer (modernen) Berufswelt wersuchen.

Vor Jahren habe ich im Zusammenhang mit „Bullshit“ mich schon mit einem Star-Journalisten und dessen bezeichneter Spitzenfunktion im Medienbereich beschäftigt, mit dem „Kommentarchef“. Was ist das? Auf Normal-Deutsch?
Der oberste bezahlte Lügenbeutel einer Zeitung!

Wunschberufe

Einer Statistik zufolge hat die deutsche Jugend folgende Wunschberufe:
Die Mädchen wählen in folgender Rangfolge: Ärztin (15,6 Prozent), dann Lehrerin (9,4 Prozent), Managerin/Geschäftsfrau (5 Prozent), Anwältin/Juristin (4,6 Prozent), Krankenschwester/Hebamme (4,5 Prozent) …
Die Jungen haben folgende Präferenzen: Ingenieur (7,7 Prozent), Manager/Geschäftsmann (6,7 Prozent), Arzt (6 Prozent), Informatiker (5,5 Prozent), Profisportler (4,9 Prozent).
Bei beiderlei Geschlechtern sind dann noch Polizist und Architekt gefragt.
Maurer, Bäcker, Metzger, Schreiner, KfZ-Mechaniker usw. erscheint nicht mehr in den Wunschvorstellungen unseres Nachwuchses. Gut, dass „Bänker“ oder „Politiker“ gleichwohl nicht gefragt erscheinen.

Das klingt (fast) alles sehr vernünftig und ohne Bullshit-Verdünnung in den Köpfen junger Menschen.

Schöne neue Berufswelt

Aber es fällt schon auf, dass die Benennung „Manager/Mangerin“ weit oben steht.
Manager – das Wort kommt aus dem Enlischen von „to manage“ = „handhaben, bewerkstelligen, leiten“. Die Begriffe Manager und Führungskraft werden häufig synonym verwendet, denn mit dem Begriff „Manager“ kann eine durchaus unterwertig angesehene Funktion aufgewertet werden. Am bekanntesten wurde der Hausmeister, der zum „Facility-Manager“ nobilitiert wurde.
Wer möchte denn nicht gerne auch „Art Director“ sein – was immer das auch ist.

Hier eine Liste von dem, was einem heute alles an „Manager“ begegnen kann:

  • Supply Chain Manager
  • Conversion Manager
  • Content Manager
  • Category Manager
  • E-Sports-Manager
  • E-Commerce Manager
  • Marketing Manager
  • Social Media Manager
  • SEO Manager
  • SEA Manager
  • IT-Security Manager
  • Feelgood Manager
  • usw.

Besonders gefällt mir der „Feelgood-Manager“, was immer der auch macht oder welche Qualifikation man dafür braucht, es klingt doch „good“ und den braucht es wohl in diesen besch… eidenen Zeiten.
Wenn man unter den Tätigkeitsbeschreibungen für die einzelnen „Manager“-Eigenarten nachforscht, stößt man unweigerlich neben einigen sachlichen Hinweisen auf nichts als argumentierendes „bla bla bla“. Passend zu den Menschen, die sich im Beruflichen, privat oder in den Medien bevorzugt mit solchen Auszeichnungen schmücken und auftreten.
Hängt das auch damit zusammen, dass Deutschland angeblich einen Nachholbedarf bei der „digitalen Transformation“ hat?

Auch der „Consultant“ (Berater, Fachberater) ist beliebt, denn das Consultant-Unwesen dominiert bereits seit langem Wirtschaft und Politik (Kinsey, Roland Berger, Deloitte etc.). Und man kann dort bereits im zarten Alter unter 30 zum „Senior-Consultant“ aufsteigen. Ohne jemals etwas gearbeitet, auf die „Beine gestellt“ oder eine Sache konkret einfach vielleicht wissenschaftlich und – besonders denn – praktisch durchdrungen zu haben.
Da gibt es auch „Spezialisten“ wie den „Salesforce Consultant“ oder den „Data Consultant“.

Zum Consultant gesellt sich auch der gerne der „Partner“ und der heißt im „Dumb English“ genauso, z.B. der „Human Ressources Partner“.
Oder dann der Coach – „Agile Coach“.

Designer sind auch gefragt („Customer-Experience-Designer“, „Webdesigner“).
Und was gibt es noch alles:_

  • Market Research Analyst
  • virtuelle Assistent
  • Mobile Developer
  • Site Reliability Engineer
  • Customer Success Specialist
  • Data Scientist
  • DevOps Engineer
  • Chief Digital Officer
  • Utility Engineer
  • Robotik Engineer

Es fehlt in diesem Quatsch-Haus noch der/die „Influencer/in“, anscheinend für manche Heranwachsende und Arbeitsscheue der Traum-Beruf heute schlechthin, Traum zahlloser, unbedarfter Fanten, vorwiegend weiblicher Gattung.

Könnte man den Beruf der Hebamme Zeitgeist-angepasst nicht zur „Personal Escape Room Assistant“ pimpen, um ihn noch attraktiver zu machen?

Die deutsche Sprache ist für die meisten Zeitgenossen, die (nicht nur) unser Konsumverhalten über die Medien katalysieren wollen, wohl nicht reichhaltig genug und so wurde der schlichte Weinkellner zum Sommelier, der Kaffee-Aufbrüher zum Barista. So mancher Bäcker hat sich inzwischen zum „Brot-Sommelier“ erhoben und es gibt Metzger, die sich derweil „Fleisch-Sommelier“ schimpfen, um dem „Wasser-Sommelier“ dasselbe reichen zu können.
Jeder Knilch mit bestimmten Neigungen kann sich heute so ausgeben, denn diese „Berufsbezeichnungen“ sind nicht etwa von der Handwerks- oder Handelskammer geschützt oder brauchen erlernt – im wahrsten Sinn des Wortes – werden.

Wann begann dieser Stuss?
Ich erinnere mich, wie ich einst zu einem „important local Player“ in „Healthcare Systems“ ernannt wurde und folgende Einladung zu einem „Specialist event“, einem „topaktuelle(n) Healthcareforum zum Thema „Mikro- und Makromobilität von Patientendaten“ erhielt und ins „CBC-Customer Briefing Center der Firma C.“ eingeladen wurde; vor etwa 15 Jahren war das.
Eigentlich gleichgültig, wann das begann. Es hat uns erreicht und mit dem dazugekommenen, bescheuerten „Gender-Speech“ will man uns nicht nur sprachlich globalisieren.
Willkommen in der schönen neuen Welt!

Veröffentlicht unter Bosheiten, Irrenhaus Deutschland, One World, Realsatire, Standpunkt, Wirtschaft, Wissenschaft, Zeitgeist | Verschlagwortet mit , , , , | Ein Kommentar

Nun kommt der Heiden Heiland …

Die Adventskantate schlechthin … erklärt

Veröffentlicht unter Bach, Welterbe | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Erbauender Gesang für trübe Tage …

Veröffentlicht unter Bach, Musik, Welterbe | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Der Herbst …

Hört das Laut Getön

Veröffentlicht unter Musik, Welterbe | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar

Kantate zum 26. Sonntag nach Trinitatis

Musik für diese Zeit …

Veröffentlicht unter Bach, Christliches, Deutsche Musik, Karl Richter, Kultur, Musik, Musikkalender, Uncategorized, Welterbe | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Musik für eine gewisse Zeit …

Veröffentlicht unter Bach, Christliches, Musik, Privates | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Musik für diesen Tag …

Buß- und Bettag, ein „stiller Feiertag“ einst für fast alle …

Heinrich Schütz: Musikalische Exegien:

Veröffentlicht unter Uncategorized | Schreib einen Kommentar

Klassische Musik für jeden Tag – 15. November

Perotin (ca.1150-1220)
Beata Viscera
Veröffentlicht unter Musik, Musikkalender | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Gedanken über »Barbaren« und die Rückkehr der »spätrömischen Dekadenz«

Barbaren

Die alten Griechen waren in ihrer Blütezeit der Auffassung, dass die ganze Menschheit in zwei Klassen zerfällt: in Griechen und Nichtgriechen, bzw. Barbaren. Das Wort „Barbar“ bezeichnet in seinem Umfang alle Nichtgriechen und diese Zweiteilung verrät uns den ganzen Kultur- und Nationalstolz des griechischen Volkes, wie er sich, nicht ohne Grund, seit den Perserkriegen entwickelt hatte. Inhaltlich bedeutet der Begriff„Barbar“, den jeder wirklichen Bildung baren, ja zu ihr überhaupt unfähigen, rohen, grausamen, zuchtlosen Menschen, bei dem von wirklicher Sittlichkeit und Selbstzucht keine Rede sein kann, der je nach Umständen in Üppigkeit, Weichlichkeit und Wollust versinkt. Es meint aber auch den feigen, unkriegerischen Menschen, der als Masse von hündischem Knechtssinn, als Einzelner, wenn er zur Macht gelangt ist, von tyrannischen Launen und Gelüsten beherrscht wird. *

Spätrömische Dekadenz

»Spätrömische Dekadenz« – ist ein Schlagwort, mit dem sich Guido Westerwelle im »kollektiven Gedächtnis« verewigt hat. Seinerzeit als er Bundesaußenminister war, sprach er angeblich verächtlich über Hartz-IV-Empfänger und deren angeblichen Liegekomfort in der »sozialen Hängematte«.
Konkret sagte er:
„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern.“

Diese Formulierung und die angeblich unhistorische Similarität riefen gellenden Protest der Journaille, der gewählten oder auch unlegitimierten Moral-Strategen und zahlloser Geschichtsexperten – mit und ohne »Expertise« – hervor.
Natürlich geriet auch Alexander Gauland, inzwischen Vizevorsitzender der AfD in medialen Artillerie-Beschuss, als er im November 2015 vor einer neuen Völkerwanderung warnte und die Flüchtlingsbewegungen mit dem Untergang des Römischen Reiches gleichsetzte, »als die Barbaren den Limes überrannten«.

Markus Väth, Autor zahlreicher wirtschafts- und arbeitspsychologischer Sachbücher, ließ kürzlich in »Capital«, noch vor, aber wohl im Blick auf die bevorstehende Verabschiedung des »Bürgergelds«, die »spätrömischen Dekadenz« wieder aufleben:

»Deutschland rutscht in diesem Jahrzehnt immer tiefer in eine Phase der Dekadenz. Es ging uns zu lange zu gut. Leistungslos, am besten mit einem bedingungslosen Grundeinkommen im Rücken, will man das Leben genießen. Arbeiten sollen andere; und wenn man schon selbst arbeiten muss, dann bitte schön sehr gut bezahlt und mit ausgeprägter Work-Life-Balance. Kombiniert mit einem Selbstverständnis des Staates, der sich in der paternalistischen Rolle des Alles-Regulierers gefällt und eine ideologisch gefärbte Wirtschafts-, Arbeits- und Klimapolitik praktiziert, kann man dem Bürger nur raten, sich warm anzuziehen. Dass dies nicht nur im übertragenen Sinn gemeint ist, zeigt, wie dramatisch die Situation ist.«

Die Regierenden, das Volk – Barbaren und Dekadenz

Was die gegenwärtigen Regierenden – natürlich auch schon deren Vorgänger, besser Vorgängerinnen – in Deutschland anrichten und angerichtet haben, führt den kritischen Geist schon hin zum Begriff Dekadenz im Blick auf de Verwerfungen in der Gesellschaft, der Kultur und der Wirtschaft.

Ich will hier nicht Montesquieu, Gibbon, Nietzsche oder Oswald Spengler bemühen, erlaube mir aber Arnold Gehlen** zu erwähnen, der als Indizien für dekadente Gesellschaften nannte:

„Wenn die Gaukler, Dilettanten, die leichtfüßigen Intellektuellen sich vordrängen, wenn der Wind allgemeiner Hanswursterei sich erhebt, dann lockern sich auch die uralten Institutionen und strengen professionellen Körperschaften: das Recht wird elastisch, die Kunst nervös, die Religion sentimental. Dann erblickt unter dem Schaum das erfahrene Auge schon das Medusenhaupt, der Mensch wird natürlich und alles wird möglich.“

Kommen wir zurück auf die Definition des Barbaren.
Wir brauchten nicht die Invasion von ungebildeten, aber »sozialintelligenten«, gewaltbereiten und faulen Barbaren von außen, die nicht erst seit 2015 unser Land und Europa heimsuchen, um den Begriff Barbar für die Jetztzeit zu definieren. Das sind denn nicht nur Zeitgenossen, die »in Üppigkeit, Weichlichkeit und Wollust versinken«. Es ist auch immer mehr dieser feige, unkriegerische Mensch in unseren Gesellschaften, »der als Masse von hündischem Knechtssinn, als Einzelner, wenn er zur Macht gelangt ist, von tyrannischen Launen und Gelüsten beherrscht wird«.

Vor allem mit diesen an die Macht gelangten, ungebildeten, gleichwohl »mit tyrannischen Launen und Gelüsten« versehenen Leuten – ob Grünen, Roten, Gelben und Schwarzen – sehe ich den Begriff »Barbar« für uns brandneu zu gebrauchen.
Die das Recht „elastisch“ gestalten und die sich nicht erst durch aufkommende „Hanswursterei“ auszeichnen.
Und dazu – Hand in Hand – eine Masse von feigem, kriecherischem und obrigkeitshörigem Stimmvieh und irregeleiteten Teilen der Jugend – im »besten Deutschland, das es je gegeben hat«.

__________________________

* Wilhelm Capelle in seiner Einleitung zu Marc Aurels »Selbstbetrachtungen«, Kröner Verlag

** Arnold Gehlen: »Moral und Hypermoral – eine pluralistische Ethik«, Frankfurt am Main 2004

Veröffentlicht unter Abendland, Bürgerkrieg, Charakterlosigkeit, Deutschland, Geschichte, Kultur, Moderne, Staat und Gesellschaft, Untergang des Abendlands | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

„Der gute Kamerad“

Die heimliche deutsche Hymne

Der nachfolgende Artikel erschien erstmals 2015 auf „altmod“. Ich wollte es fast nicht glauben, als in der damaligen zentralen Gedenkfeier unserer bunten Republik zum Volkstrauertag im Bundestag erstmals wieder das Lied vom Guten Kamerad erklang.

Es war nicht mehr durch Schönsprech zu umschreiben, dass Deutschland wieder Soldaten in den Krieg schickte, dass junge Deutsche im »Dienst für das Vaterland« – oder für was? – starben.
Dass das Lied vom »Guten Kamerad« gespielt wurde, beweist, dass nicht alles ausgelöscht werden kann, was im kollektiven Gedächtnis einer Nation, eines Volkes eingegraben ist. Und dazu gehören ganz sicher Lieder, wie »Ich hatt einen Kameraden«.
Man kann nicht oft genug daran erinnern.

Für den nachfolgenden Artikel, erschienen im schwäbischen Tagblatt vom 15. November 1997 erhielt der Journalist Kurt Oesterle 1998 den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis.

______________________________________________________________

Die heimliche deutsche Hymne

Von Kurt Oesterle

Der gute Kamerad

Ich hatt einen Kameraden,
Einen besseren findst du nit
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben
Mein guter Kamerad!

Wie bei den meisten Volksliedern sind seine Urheber vergessen. Auch sein Titel ist eher unbekannt. Wer das Lied kennt, glaubt gern, es heiße: »Ich hatt einen Kameraden«, doch das ist nur sein erster Vers. Sein richtiger Titel lautet: »Der gute Kamerad«, und es wurde 1809 von Ludwig Uhland in Tübingen gedichtet, Friedrich Silcher gab ihm 1825, ebenfalls in Tübingen, die Melodie. Das Lied entfaltete eine beispiellose Wirkung. Es wurde nationales Trauerlied, ertönte an Kriegsgräbern und an den Gräbern von Zivilisten. Heute ist es nur noch am Volkstrauertag zu hören, zum Gedenken an die Opfer beider Weltkriege sowie deutscher Gewaltherrschaft. Der Soziologe Norbert Elias entdeckte in ihm einen Widerhall kollektiver Todesphantasien. Bis in die Gegenwart hat das Lied sich im kulturellen Gedächtnis der Deutschen gehalten. Als Frontgespenst geistert der »Gute Kamerad« durch Heiner Müllers Werk, und selbst in Kassibern der »Roten-Armee-Fraktion« blitzen seine Worte auf.

Der Bundespräsident traute dem »Guten Kameraden« nicht. Er ließ einen Mitarbeiter beim Volksliedarchiv in Freiburg anfragen, woher Text und Musik stammten und welche »Aufführungstradition« das Lied habe. Erwünscht war eine »zuverlässige Rudimentärunterrichtung«, wie es in dem Brief vom 7. September 1993 in schönstem Bundespräsidialdeutsch heißt. Welche Sorge den ersten Mann der Republik wegen des Lieds plagte, verraten Notizen eines Archivars unter dem Briefkopf: »Neue Wache in Berlin – Einigungsvertrag – Wehrmachtstradition«. Mit anderen Worten: Paßte das Lied noch in die politische Gedenkkultur des wiedervereinigten Deutschland?
Im Westen gehört es zum Zeremoniell des Volkstrauertags. »Es wird gebeten, nach der Totenehrung stehenzubleiben, bis das Lied verklungen ist«, lautete die Bitte auf den Einladungskarten zur zentralen Gedenkfeier im Bonner Bundestag. Bei Trauerfeiern der Bundeswehr intoniert ein Solobläser das Lied »nach Absenken des Sarges«.
Im Osten war die Uhland-Silcher-Tradition abgebrochen. Andere Töne begleiteten dort die Gedenkfeiern von Partei und Armee: Chopins Trauermarsch oder die Arbeiterlieder »Unsterbliche Opfer« und »Der kleine Trompeter«.
Geteiltes Land, geteilte Lieder. Nichts, was zusammenklingen könnte.
Die Antwort des Archivs an den Bundespräsidenten war tröstlich: Seit 1918, also auch in der Weimarer Demokratie, sei das Lied bei staatlichen Totenfeiern »aufgeführt« worden. Selbst so erhabene Konkurrenz wie Beethovens »Eroica«, Wagners »Parsifal«-Vorspiel und Chopins »Marche funèbre« hätten es nicht verdrängen können. »Im Alltagsleben des Durchschnittsmenschen gibt es einige musikalische Standardtypen«, schließt der Archivar, »dazu gehört ›Stille Nacht‹, Mendelssohns Hochzeitsmarsch und das Lied vom ›Guten Kameraden‹.

Diese Standardtypen sind kaum durch etwas anderes zu ersetzen. Deshalb glaube ich nicht, daß es gelingen könnte, den ‚Guten Kameraden‹ zu entthronen.« Er thront auch weiterhin.
Aber fast jedes Jahr, wenn Deutschland sich im November seiner Opfer erinnert, entbrennt irgendwo im Land neuer Streit um das Lied. Die Debatten verlaufen meist nach zwei Mustern: Zum einen ist es ein junger Bürgermeister, dem der »Gute Kamerad« unheimlich wird. Er untersagt, ihn am Volkstrauertag zu spielen. Als Grund nennt er die dritte Strophe, obwohl das Lied auch in seiner Gemeinde immer nur instrumental zu hören war. Die Strophe sei »kriegsverherrlichend« und habe in der Vergangenheit den Sinn gehabt, »zum Weiterkämpfen zu animieren«. Eine Leserbriefschlacht beginnt. Ehemalige Kriegsteilnehmer klagen über die Verletzung ihrer Gefühle. Einer von ihnen schert aus und erinnert daran, wie das Lied an den »Heldengedenktagen« des »Dritten Reichs« eingesetzt wurde, »um das Volk auf Hitlers Angriffskrieg einzustimmen«. Nach dem zweiten Muster empören sich Friedensaktivisten über das Lied. Wenn es bei der Trauerfeier erklingt, wenden sie sich demonstrativ ab und fangen zu plaudern an. Gefühle sind verletzt, eine Leserbriefschlacht beginnt. Zum Gemeindefrieden trägt die Belehrung bei, das Lied sei längst »international«: Es finde sich in japanischen Liederbüchern, werde in der Fremdenlegion gesungen (»J’avais un camarade«), ja selbst in Holland habe der Soldatensong aus dem Fundus des ungeliebten Nachbarn einen Übersetzer gefunden (»Ik had een wapenbroeder«), und für den Fall, daß die Nationen absterben sollten, sei in der Weltsprache Ido mit einer globalisierten Fassung vorgesorgt:

Me havis kamarado
tu plu bonan trovas ne
tamburo nin vokadis
il apud me iradis
sampaze quale me..

Am schwersten wiegt das Argument, daß Silchers Melodie von den Franzosen zum Nationalfeiertag am 14. Juli am Grabmal des unbekannten Soldaten gespielt werde. Zur Versöhnung der Bürgerschaft taugt ebenso der Hinweis, daß der Bundespräsident an der zentralen Gedenkfeier in Berlin teilnehme, obwohl dort der »Gute Kamerad« ertöne.

Es ist nicht schwer zu verstehen, daß vorwiegend Belege von außen in einem an seinen Traditionen irre gewordenen Land Entlastung bringen – mehr als das klügste Argument von innen. Darum muß sich der schon 1985 unterbreitete Vorschlag des Germanisten Peter Horst Neumann, der in Uhlands Lied ein unschuldiges Opfer deutscher Verhältnisse sieht, wie eine Donquichotterie ausnehmen. Neumann plädiert auf Freispruch: »Da die Vereinnahmung auf der rechten Seite geschah, könnte die Ehrenrettung nur von links her erfolgen. Die militaristische Aura wäre zerstoben, hätte Marlene Dietrich auch den ‚Guten Kameraden‹ gesungen oder Ernst Busch zusammen mit dem Lied der spanischen Brigaden oder Wolf Biermann zum Andenken an Robert Havemann.«

Auf unabsehbare Zeit wird das Lied ohne Worte die Begleitmusik staatlichen Gedenkens bleiben. Ärger entzündet sich daran vermutlich auch künftig vor allem auf lokaler Ebene. An der Staatsspitze scheint es unumstritten. Unten müssen Widersprüche im Gedächtnis offenbar weniger krampfhaft aufgehoben werden als oben, wo die Angst vor übler Außenwirkung oder dem endgültigen Verlust einheitsstiftender Symbole die Harmonie erzwingt. Das Lied soll ein Gemeinplatz der Erinnerung sein: Doch in Deutschland existieren zu viele, zu verschiedene Erinnerungen, als daß sie auf diesem Gemeinplatz zusammenfinden könnten.

Ob das immer so war?

Uhland schrieb sein Lied während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Österreich hatte sich 1809 zuerst erhoben gegen den Imperator. Der junge Poet nahm am Leiden auf beiden Seiten Anteil: Er fühlte mit den Badenern, die unter französischem Befehl gegen die aufständischen Tiroler ziehen mußten, und er trauerte um seinen Förderer Leo von Seckendorf, der als österreichischer Hauptmann gefallen war.
Uhland war aufgefordert worden, für ein Flugblatt »zum Besten der (badischen) Invaliden des Feldzugs« ein Kriegslied zu verfassen. Sein Beitrag kam jedoch zu spät, und so nahm sein Freund Justinus Kerner den »Guten Kameraden« zwei Jahre später in seinen »Poetischen Almanach für das Jahr 1812« auf. Danach erschien er in allen eigenständigen Gedichtbänden Uhlands und 1848 im »Deutschen Volksgesangbuch« Hoffmanns von Fallersleben.
Doch in welcher Nachbarschaft das Lied auch stand, es blieb ein Solitär. Ihm fehlte der Völkerschlachtton, der national-heroische Doppelklang, der in den Kriegsliedern der Zeit dominierte: Arndts »Was ist des Deutschen Vaterland?«, Körners »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, Nonnes »Flamme empor«. Lieder (fast) dieses Schlags dichtete Uhland später auch selbst, und dabei mag er seinem Wunsch nach Parteinahme nachgegeben haben – anders als beim »Guten Kameraden«, bei dem er seinen Ehrgeiz darauf verwandte, den Volksliedton zu treffen, so wie die Sammlung »Des Knaben Wunderhorn«, für die Tübinger Romantiker eine Art Bibel, diesen Ton traf.

Obgleich Uhlands Gedicht schon vertont war, nahm Friedrich Silcher, der Tübinger Universitätsmusikdirektor, sich seiner nochmals an. Volkstümlich wurde romantische Poesie, wenn sie sich singen ließ. Doch keiner im 19. Jahrhundert setzte romantische Poesie so populär in Singbares um wie Silcher. Ein Leben lang jedoch mußte er gegen das Vorurteil angehen, daß er Uhlands Lied eine Melodie erfunden habe; gefunden hatte er ihm eine, und zwar in der Schweiz, wo ihm das Volkslied »Ein schwarzbraunes Mädchen hat ein‹ Feldjäger lieb« zu Ohren kam. Wahrheitsgemäß teilt er auf dem Notenblatt des »Guten Kameraden« mit: »Aus der Schweiz, in 4/4 Takt verändert, v. Silcher«.
Trotzdem wurde er unverdrossen für den Schöpfer gehalten. Es kursierte sogar eine Sage, die glauben machen wollte, ein Herbststurm habe Silcher ein Blatt mit Uhlands Versen durchs Fenster seiner Tübinger Kammer zugeweht. Die Entstehung eines Lieds von derart mysteriösem Erfolg war ohne überirdische Hilfe offenbar nicht zu denken. Man hat es in der Folge gedreht und gewendet, um ihm das Geheimnis seiner Wirkung zu entreißen.
1977 erschien eine Schrift des »Wiener Seminars für Melosophie«, die den »heilenden Kräften« in Silchers Vertonung nachlauscht. Ihr Autor, Victor Lazarski, glaubt, daß das Lied sich durch eine ihm selbst innewohnende Kraft aus »militärischer Enge« befreit und zum Abschiedslied der gesamten Menschheit gewandelt habe. Für Lazarski hat die »Seele« des Lieds ihren Sitz im zehnten Takt. Genau dort aber findet sich eine der wenigen Stellen, wo Silcher in die vorgefundene Melodie eingriff, indem er bei der unechten Wiederholung der jeweiligen Schlußzeile den harten Auftakt weicher gestaltete und so den Marsch ins Elegische umkippen ließ.
Was Lazarski beim genialischen Individuum fand, hatte zuvor Heyman Steinthal beim singenden Kollektiv ausgemacht. 1880 veröffentlichte er in der »Zeitschrift für Völkerpsychologie« einen Aufsatz, in dem er sich mit den »Umsingungen« von Uhlands Lied befaßt. Er zitiert eine Variante, die er von einem Dienstmädchen singen hörte:

Die Kugel kam geflogen
Gilt sie mir? Gilt sie dir?
Ihn hat sie weggerissen,
Er lag zu meinen Füßen
Als wär’s ein Stück von mir.

Für Steinthal hat der Volksmund hier verbessernd gewirkt und Klarheit geschaffen: »Nicht ›eine‹ Kugel, sondern die fatale kam geflogen. Er sieht sie kommen, und das ›Gilt sie mir? Dir?‹ schildert die Angst des Soldaten, die er aber um sich nicht mehr als um den Kameraden hat, was auch in dem Mangel des ›oder‹ liegt, welches trennen würde. Den Wandel des ›es‹ in ›sie‹ kann ich nur billigen, denn das ›es‹ der dritten Zeile ist ohne rechte Bedeutung. Eine Verbesserung wiederum ist ›er lag zu meinen Füßen‹, parallel zu ›er ging an meiner Seite‹.« Uhlands Fassung scheint ihm nur »volksmäßig«, erst durch die Veränderungen werde ein echtes Volkslied daraus. Voraussetzung sei nur, daß so ein Lied gefalle, dann werde es allmählich umgesungen. »Dies geht durch die Jahrhunderte und breitet sich aus wie die Sprache des Volkes und mit ihr.« Einspruch erhebt Steinthal im Namen des Volkes auch gegen die dritte Strophe. Er verwirft sowohl die »Sentimentalität« des Sterbenden, der dem Kameraden die Hand reichen will, wie auch die »Härte« des anderen, der die Hand nicht nimmt. Zudem mag er die Formulierung vom »ew’gen Leben« nicht, sie sei »abstract«. Aus all diesen Gründen werde die dritte Strophe denn auch nirgendwo gesungen. Doch die Stunde von Härte und Sentimentalität sollte noch kommen.
Dem »Guten Kameraden« stand sein Aufstieg zu unüberbietbarer Beliebtheit noch bevor.

In ihrer Anthologie »Lieder, die die Welt erschütterten«, präsentiert Ruth Andreas Friedrich Uhlands Lied bei den Liedern aus dem deutsch-französischen Krieg, wie übrigens auch das Deutschlandlied. War es 1870/71 noch eher ein ergreifendes Soldatenlied als ein »trotziger Kriegsgesang«, so sollte sich das im nächsten Krieg ändern. Eine Umfrage unter Soldaten des Ersten Weltkriegs, gemacht von Volkskundlern, ergab, daß das Lied an deutschen Fronten das meistgesungene war, und zwar wegen seiner »begeisternden Wirkung«.
Dazu muß man wissen, daß es jetzt nur noch zum wenigsten aus Uhlands Text bestand, sondern aus einem Potpourri erzpatriotischer Kehrreime.
Vorneweg wurden im Originalton jeweils nur die ersten drei Verse gesungen – und dann:

Gloria, Gloria, Gloria Viktoria!
Ja mit Herz und Hand
Fürs Vaterland, fürs Vaterland.
Die Vöglein im Walde,
die sangen all so wunderschön.
In der Heimat, in der Heimat,
da gibt’s ein Wiedersehn.

Noch im ersten Kriegsjahr brachten Uhland-Puristen ein Flugblatt heraus (»Der ›Gute Kamerad‹ in schlechter Verfassung«), in dem sie für derlei »Verhunzungen« das »Eindringen von Operettenschlagern« in die Alltagskultur verantwortlich machen. Doch den wahren Schuldigen entlarvte im August 1918 die »Turn-Zeitung«: Er heiße Wilhelm Lindemann, sei Kabarettist in Berlin und berühmt für die bösen Scherze, die er »zu Vortragszwecken« mit vaterländischem Liedgut treibe.
Kein Wunder, daß der an das Lied geklebte Kehrreim so komisch klingt; gesungen wurde er aber im Ernst. Die Verteidiger des Kehrreims kamen der Sache näher. In ihren Streitschriften begrüßen sie das »Gloria« als Ventilation »unsagbarer Gefühle« zwischen Heimweh und Todesfurcht. Willkommen ist ihnen das Schlagwort-Gewitter des »Gloria« auch, weil es wie ein nationales Glaubensbekenntnis tönt. Der »Gute Kamerad« scheint heimgekehrt ins Kaiserreich, zum »Gemüt« hat er endlich »Gesinnung« erworben. Konnte man mehr recht behalten, als Heyman Steinthal, der das Schicksal des Volkslieds mit dem der Volkssprache verbunden sah?
Die Phrase beherrschte die öffentliche Rede – im Sinn von Karl Kraus‹ Erkenntnis, daß das erste Opfer des Kriegs immer die Sprache sei – und folglich Uhlands Lied. Die nationale Vereinnahmung erzeugte aber auch ihr Gegenstück: die (bewußte) Parodie. Als von 1916 an die Siegeszuversicht schwand, blühten an allen Fronten die Spottversionen. Sie richten sich oft gegen die miserable Versorgung (»Ich hatt einen Katzenbraten«) oder schwelgen – teils mit pazifistischem Unterton – im Überdruß:

Ich hatt einen Kameraden.
Einen schlechtern findst du nit.
Die Trommel schlagt zum Streite,
Er schleicht von meiner Seite
Und sagt: ›I tu nit mit‹.

Fortan wurde das Lied von allen Seiten beansprucht. Doch sein Sinnkern blieb unverletzt, mochten die Seiten noch so gegensätzlich sein. Den stärksten Beleg dafür bietet Wolfgang Langhoff in seinen »Moorsoldaten«, den Erinnerungen an seine KZ-Haft während der frühen Nazi-Zeit: Die SS hat einen Häftling erschossen. Die anderen überlegen, wie sie dagegen »protestieren« können. Als beim Appell der Befehl kommt: Singen!, stimmen sie den »Guten Kameraden« an. Die SS-Männer sind irritiert. Einer fragt die Häftlinge: Wieso dieses Lied? Sie sagen es ihm, und er »stiefelt nachdenklich auf seinen Platz zurück«.
Ob sich deutsche Landser im Zweiten Weltkrieg durch Uhlands Lied bei ihren Vorgesetzten ähnlichen Respekt verschafften, ist zweifelhaft, zumindest im folgenden Fall. Es scheint unglaublich, aber da getrauten sich ein paar Todgeweihte, in ihrer »Frontkämpferzeitung Nr. 31, Dez. 42« diese Zeilen zu drucken:

Wir hab’n einen großen Führer
Einen größern findt ihr nicht.
Er führt durch blut’ge Kriege
Vier Jahr lang uns zum Siege,
Doch das Ende sehn wir nicht.
Gloria, Gloria, Gloria Viktoria!
Für das Hakenkreuz,
Mit dem Ritterkreuz
Gehn wir zu Grab.

Wie auch Ernst Buschs antifaschistische Neuschöpfung aus dem Spanischen Bürgerkrieg, gewidmet dem gefallenen Kommunisten Hans Beimler (»Eine Kugel kam geflogen / aus der ›Heimat‹ für ihn her«), belegt diese Variante den mythischen Charakter, den das Lied inzwischen angenommen hatte. Es ließ sich endlos aktualisieren, immerfort neuen Erfahrungen und Positionen angleichen, aber stets so, daß darunter der Urkamerad erkennbar blieb. Uhlands Lied wurde sozusagen ein Überschreib-Lied, eine Palimpsest-Hymne nach der Art der mittelalterlichen Schreibvorlagen, die abgekratzt und wieder beschrieben werden konnten, und zwar so, daß die ältere unter der jüngeren Schrift noch lesbar war.
Warum aber entstand statt der zahllosen Überschreibungen kein neues Lied? Ein ganz persönliches, unverwechselbares? Fanden die Deutschen im »Guten Kameraden« zu allen Zeiten ihre heimliche Hymne? Vielleicht wurde für jene, die auf Uhlands Form zurückgriffen, die eigene Erfahrung gerade in dieser Form vertrauter, glaubwürdiger, teilbarer und mitteilbarer.

Eine weitere Antwort gibt in seinen »Studien über die Deutschen« Norbert Elias, der das Lied als Soldat im Ersten Weltkrieg kennenlernte. Die Deutschen hätten den »Guten Kameraden« stets so inbrünstig gesungen, weil er ihr »verdüstertes Selbstgefühl« ausdrückte. Daß ihre Lieblingslieder fast alle eine »starke Vorahnung des Todes« erfülle, sei historisch zu erklären: Vom 16. Jahrhundert an war Deutschland durch seine staatliche Schwäche viele Male Europas »Hauptkriegsschauplatz«. Vor allem der Dreißigjährige Krieg hinterließ traumatische Spuren im »Habitus der Deutschen«. Geblieben sei ihnen eine unauslöschliche Erinnerung an Zerstörung, Tod, Vergeblichkeit.
Elias weist so dem »Guten Kameraden« seine Bedeutung im größtmöglichen Zeitraum deutscher Geschichte zu.

Doch ist dies unselige Kontinuum mittlerweile beendet?
Was den »Guten Kameraden« betrifft, sieht es so aus. Zumindest, wenn man den Blick auf sein Erscheinungsbild in Heiner Müllers frühem Drama »Die Schlacht« lenkt. Darin gibt es eine Szene, in der deutsche Soldaten des Zweiten Weltkriegs, vor Hunger dem Wahnsinn nahe, zu Silchers Klang und Uhlands Worten einen Kameraden verspeisen.
Das ist die äußerste Katastrophe, die den »Guten Kameraden« ereilen kann. Im kannibalischen Irrsinn des totalen Kriegs findet die Tübinger Romantik ihr Ende.
Doch seine bisher letzte Wiederkehr fand in den Stammheimer Zellen der RAF statt, und sie ist keine Erfindung. Stefan Aust zitiert in seinem »Baader-Meinhof-Komplex« aus einem konfiszierten Kassiber Gudrun Ensslins, in dem inmitten kleingehackter RAF-Prosa der Vers steht: »Ich hatt einen Kameraden«. Er blitzt auf, als die Verfasserin sich wieder einmal zugunsten Baaders gegen die »Verräterin« Meinhof entscheidet. Der »Gute Kamerad« als Orientierungshelfer zwischen Freund und Feind: So kompliziert konnte im Volksbefreiungskrieg die Lage mitunter sein.

______________________________________________________________

Das hat Kurt Oesterle 1997 sicher nicht ahnen können, dass wenige Jahre später wieder deutsche Soldaten in einem sinnlosen Krieg sterben werden und nicht nur an Gedenktagen im November das Lied akut wird. Denn unsere Freiheit wird ja inzwischen angeblich am Hindukusch oder in den Wüsten Afrikas verteidigt.

______________________________________________________________

veröffentlicht auf altmod im November 2015 und 2020

_______________________________________________________________

Nachtrag 2022.

Ein Lied, das wieder aktuell erscheint: „Es ist an der Zeit …“ – Die Zahl 1916 gemahnt.
Auch wenn man kein Pazifist ist…

Veröffentlicht unter Bunte Republik, Deutsches Liedgut, Deutschland, Fremde Federn, Gedenktag, Geschichte, In Memoriam, Literatur, Militär, Musik, Sprache, Tradition | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar