Fiebersenkung durch den Pfarrer

Eine Polemik

Ein evangelischer Pfarrer im Ruhestand in meiner Stadt hat sich in einem Leserbrief in der Lokalpostille zur Problematik der globalen Erderwärmung geäußert. Den Namen dieses eigentlich nicht unsympathischen Zeitgenossen, der in regelmäßigen Abständen auch im Ruhestand in der Zeitung „predigen“ darf, unterschlage ich mal.

Der nachfolgende Text ist authentisch.

Fiebersenkung
Es war wohl notwendig, trotzdem haben wir es als Kinder gehasst: Fieber messen „rektal“. Wenn dann unsere Mutter das Quecksilberthermometer prüfend in die Höhe hielt und das Ergebnis verkündete, waren wir entweder beunruhigt oder erlöst, Denn es war ja klar: Der „Referenzwert“ musste bei ungefähr 37 Grad liegen; alles darüber war im besten Fall erhöhte Temperatur oder – wenn noch mehr – Fieber und damit bedrohlich. Man stelle sich einen Menschen vor, der ständig mit Fieber herumläuft, sagen wir mal ungefähr 38,5 Grad. Das sind 1,2 -1,5 Grad zuviel gegen über dem, was ein Mensch aushält. In Jahrzehntausenden hat sich das eingespielt. Wir würden viel tun, um diesem Menschen zur Fiebersenkung und zur Genesung zu verhelfen. Es ist aber genau der Wert, um den die Erde sich seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen erwärmt hat. Leider gehen wir mit diesem Erdfieber viel sorgloser um, als wir es einem Menschen gegenüber täten. Wenn in diesen verrückten Corona-Zeiten viele Menschen sich ihr „altes Leben“ zurückwünschen, dann habe ich dafür Verständnis, ich wünsche mir ja selber vieles zurück. Es muss aber alles darauf ausgerichtet sein, eine Fiebersenkung unserer Erde herbeizuführen. Ich mag die Sprüche nicht mehr hören, die unter dem Deckmantel von Kompromissen doch nur versuchen, die Heilung des „Erdfiebers“ hinten anzustellen zugunsten von kurzfristigen Eigeninteressen. Es muss alles, wirklich alles, darauf ausgerichtet sein, dass das „Fieber“ sinkt. Wie viel an Arten, Wäldern und Menschen müssen sterben, bis wir bereit sind, für die Genesung der Erde auch harte Einschnitte in Kauf zu nehmen? Dass wir es prinzipiell können, beweist die Effizienz der aktuellen Corona-Maßnahmen und ihre breite Akzeptanz.

Dieser mein Bekannter aus der hiesigen Protestanten-Kommunität hat, seit er nicht mehr „voce molto“ von der Kanzel predigen darf, ein offensichtliches Zeitgeist- Verdauungsproblem und lebt wohl auch noch in einem Fieberwahn.
Glaubt er tatsächlich, gegen physikalische Gegebenheiten und Gesetze predigen oder aufrufen zu können? Ob ihn göttliche Einsicht oder ob der Heilige Geist ihn dabei leitet, ist bei einem Ketzer aus Profession – „Reformierter Pfarrer“ – ohnehin zweifelhaft. Ein katholisch, jesuitisch geschulter Kleriker würde ihm sein Traktat gewiss auf theologischer Ebene um die Ohren hauen können. Das bin ich nicht, kann auch nicht derart argumentieren, sondern nur auf dem gesunden Menschenverstand bestehen.
Wäre ich ein Freudscher Psychoanalytiker, würde ich sogleich über das Wort „rektal“ im Zusammenhang mit Fiebermessung stolpern. Ich erinnere mich nur, dass mir als Kind das kalte, unangenehm empfundene Fieberthermometer immer unter die Achsel gesteckt wurde. Bei meinem kleinen Bruder erlebte ich, wie ihm als Säugling aus pragmatischen Gründen das Thermometer ins untere Loch gesteckt wurde. Sei´s drum, es geht auch nicht um medizinische Gepflogenheiten. Aber auch nicht um mögliche tiefenpsychologische Abgründe eines Leserbriefschreibers.
„1,2 -1,5 Grad zuviel gegen über dem, was ein Mensch aushält. In Jahrzehntausenden hat sich das eingespielt.“
Was hat sich eingespielt? Vielleicht nur, was der Mensch maximal ertragen möchte, aber nicht das, was sich in der Natur abspielt. Da spielt sich nichts ein, wie man es vielleicht herbeipredigen möchte. Aber sogar der Mensch hat fast unerträgliche Eiszeiten und anscheinend recht angenehme Warmzeiten – ohne eigenes Zutun – ertragen müssen und dürfen. In der vorletzten und in der letzten „kleinen Eiszeit“ war keiner da, der „zur Fiebersenkung und zur Genesung () verhelfen konnte“.
Ja, im schlimmen 14. Jahrhundert mit exorbitanten Pest- und Klimakatastrophen haben dies die tumben Pfaffen dem tumben Volk gegenüber dazu benutzt, apokalyptischen Horror zu verbreiten und mit drohenden Sündenstrafen die Menschen zu kujonieren.
Und genau das macht dieser „aufgeklärte“ Pfaffe heute.
„Es muss alles, wirklich alles, darauf ausgerichtet sein, dass das „Fieber“ sinkt. …
Für die „Genesung der Erde auch harte Einschnitte in Kauf () nehmen?“
Harte Einschnitte? So kann nur einer in satter, von üppiger Staatspension alimentierter Moralist schwadronieren, weil ihn die „harten Einschnitte“ gewiss nicht treffen – oder getroffen haben.
„Die Effizienz der aktuellen Corona-Maßnahmen und ihre breite Akzeptanz“ beweise das Vermögen des Menschen.
Da redet einer tatsächlich der Diktatur das Wort, was ihn in seiner Selbstvergewisserung anscheinend gar nicht mehr berührt.

Wie ekelt es mich vor solchen Klerikern – ob „reformiert“, lutherisch – oder vielleicht auch katholisch. Warum halten sie nicht ihre Klappe und genießen ganz bescheiden den Ruhestand, in den man sie geschickt hat.

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Klassische Musik für jeden Tag – 9. Januar

Giuseppe Verdi (1813-1901)
Messa da Requiem – 3. Offertorium
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Der Donald und wir …

Er will sich nicht mehr gegen die ordnungsgemäße Übergabe seines Amtes als Präsident der Vereinigten Staaten an „Sleepy Joe“ Biden wehren. Auch wenn er oder seine Anhänger immer noch versuchen, mit Ausflüchten und Winkelzügen das Wahlergebnis vom November zu diskreditieren und mit teils aufstachelnden und teils beschwichtigenden Reden zu aktivem Widerstand zu motivieren.

Zeit für einen Rückblick aus persönlicher Sicht eines doch irgendwie „Betroffenen“.

Betroffen“ insofern, dass unsereiner hoffte und meinte, mit der Wahl von Trump gäbe es eine Zäsur im politischen Betrieb und in den Institutionen nicht nur unserer „Führungsnation“. Mit Trump und mit den fast gleichzeitigen grandiosen Wahlergebnissen der AfD glaubten wir Widerständler gegen die in den letzten Jahren entstandene politische Praxis und Wirklichkeit, Morgenluft wittern zu können.
Ein Kommentator schrieb zu einem meiner Beiträge über Amerika seinerzeit:

„Was ich ( ) in Trump sehe, ist die „alte Zeit“, ein Aufbegehren der schweigenden und vielfach auch geschundenen Mehrheit. Diese schweigende Mehrheit wird überall auf dieser buckeligen Welt als Schachfigur der einen oder anderen schreienden Minderheit benutzt …
Mit Trump bekam diese schweigende Mehrheit auf einmal eine Stimme, er lehnt sich gegen die Anmaßung der Journaille auf, er pfeift auf vieles, was uns anwidert, er verhält sich (noch) nicht wie ein Politiker, er tritt in Fettnäpfchen und das oft genug ganz bewusst. Es tut gut eine Figur wie Trump zu sehen; zu sehen, wie der Hühnerhaufen, des Hahnes beraubt, aufgeregt und kopflos über den Hühnerhof flattert.“

Ein durchaus treffender Kommentar.

Betroffen“ auch darüber, dass diese Zäsur nicht wirklich eingetreten ist und Hoffnungen enttäuscht wurden. Nicht weil es vielleicht einer eifernden und gehässigen Journaille hüben und drüben gelungen sei, Trump „abzuschießen“. Trump hat sich mit seinem offen gezeigten Ignorantentum und seiner Borniertheit, einem Verhalten, das unbedingt aus einer tiefgreifenden Persönlichkeitsstörung resultiert, als Person ins Abseits gebracht und das von ihm innegehabte Amt beschädigt. Man kann einwenden, was man mag, die jetzige Eskalation mit dem „Sturm“ auf den Kongress mit einer erschossenen Demonstrantin und drei weiteren Todesopfern (ungeklärter Ursache?), muss man seiner Taktik und Rhetorik anlasten. Er hat – auch für den unvoreingenommenen Beobachter und auch bei Reflexion auf das merkwürdiges US-Wahlverfahren und -Ergebnis – sich mal wie ein trotziges, verzogenes Kind, mal wie ein tobsüchtiger Wüterich verhalten und nicht, wie ein man es von einem Mann erwartet, der eines wichtigsten Staatsämter der westlichen Welt zu verwalten hat. Das wird auch der wohlwollendste Trump-Anhänger hierzulande nicht bestreiten können.

„Betroffen“ macht mich, dass das gewaltsame Eindringen in das Kapitol durch Trump-Anhänger umgehend auch von den hiesigen Medien und „Staatspersonen“ dazu herangezogen werden kann, um die Lüge vom rechten „Reichstagssturm“ im August neu aufleben lassen zu können, wie umgehend von Steinmeier, Merkel und Konsorten geschehen.


Ein „Quälodram“

Für alle Nicht-Linken und Sympathisanten der US-Republikaner war die Trump-Zeit ein wahres „Quälodram“*.
Wir haben es damals wie einen läuternden Frühjahrsputz empfunden, dass mit der Wahl von Donald der Einzug dieser unsäglichen Hillary ins Weiße Haus und damit die Fortsetzung der links-liberalen und auch bellizistischen Politik der Clinton-Obama-Kamarilla verhindert wurde. Wir haben es ertragen, dass unsere Staatsrepräsentanten die einfachsten Regeln von Anstand und Höflichkeit vermissen ließen, als es darum ging, dem neuen Mann im mächtigsten und wichtigsten Amt der Welt angemessen zu gratulieren und Zusammenarbeit zu signalisieren. Nein, man feuerte eine geifernde und giftende Journalistenclique in den Wahrheitscontainern bei Funk und Fernsehen und in den Ver(k)lagshäusern noch gezielt an, Häme und Spott zu verbreiten und jeden Bezug zu möglichen Verfehlungen des neuen amerikanischen Präsidenten breitzutreten. Es gelang, Trump zum meistgehassten Politiker in Deutschland hochzustilisieren, in einer Art, an die sich keiner von uns erinnern kann, dass dies jemals in der jüngeren Geschichte nach 1945 vergleichbar geschah. Das Hassobjekt ist bald weg. Wer wird seinen Platz einnehmen? Vielleicht Orban und/oder Bolsonaro? Der „Kampf gegen Rechts“ wird verstärkt werden, wie sich schon zeigt.
Natürlich muss ein amerikanischer Präsident die Losung „America First!“ hochhalten. Und wir hatten uns vielleicht auch gewünscht, Gleichartiges käme einmal aus dem Mund unserer Repräsentanten. Wir haben jedoch einen „Präsidenten“, der vom „besten Deutschland, das es je gegeben hat“ faselt, wider jeder erkennbaren Gegebenheit. Trump ist es gelungen – was sogar „kritische“ Journalisten hierzulande eingestehen – bei den vielen „Abgehängten“ unter den kleinen Leuten und Teilen des amerikanischen Mittelstands ein neues Selbstbewusstsein und Hoffnungskraft zu wecken. Einige wirtschaftliche Daten der US-Volkswirtschaft spiegeln dies – trotz Corona – durchaus wider.
Das Infundieren des Trump-Bashings in Kopf und Seele vieler durchaus differenziert denkender Bürger hat dazu geführt, dass dessen unbestreitbaren Verdienste keiner positiven Resonanz ausgesetzt wurden.
Trump war der erste in einer langen Reihe von US-Präsidenten, der keinen neuen Krieg anzettelte, und z.B. auch in der kritischen Situation nach der gezielten Tötung eines iranischen Terror-Generals und bei einem Geplänkel im persischen Golf kühlen Kopf bewahrte. Die linken Judenhasser hierzulande und weltweit haben geschäumt, als er Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte. Zugleich wurde unter seiner Administration ein diplomatischer Brückenschlag zwischen den wichtigsten Staaten der arabischen Halbinsel und Israel verwirklicht: Für den Friedensprozess in der Region von gleichwertiger, wenn nicht gar größerer Wirksamkeit als das Camp-David-Abkommen einst unter Präsident Jimmy Carter (Gleichfalls ein angeblicher „präsidialer Versager“ im Weißen Haus, wenngleich damals unter anderen Prämissen).
Ich habe in meinem langen, immer auch von politische Debatten geprägten Leben, im kleinen wie im größeren Kreis, nie einen derartig in die Breite und Vehemenz gehenden Hass und Herabsetzung eines aktiven (ausländischen) Politikers erlebt, als bei diesem, eigentlich uns so weit entfernten Präsidenten: von der eigenen Ehefrau bis hin zu sich immer liberal und weltoffen gebenden Freunden und Bekannten. Ein Merkel-Bashing, das uns gewiss näher läge, käme diesen meinen „Nächsten“ trotz objektiv gegebener Umstände hingegen nicht infrage. Mit F. J. Strauß, der absoluten Hassfigur der Linken seinerzeit, ist man vergleichsweise noch anständig umgesprungen.
Ein Präsident ist kein Mensch im Stand der Unangreifbarkeit bzw. Immunität in allen Dingen – allein wegen seines Amtes. Aber der Wert einer Person in diesem Amt kann nicht aus Äußerlichkeiten hergeleitet und begründet werden. Seine, die „Ästheten“ unter uns störende Frisur, kann für Karikaturisten ein gern registrierter Anreiz sein. Plumpe Mimik und Körpersprache ist natürlich auch zu den Äußerlichkeiten zu zählen, wenngleich Mimik und Körpersprache auch Spiegel der psychischen Gestimmtheit sind. Und damit hatte man wohl als sich unvoreingenommen sehender Beobachter ein größeres Problem. Auch wenn man weiß, dass uns die Journaille aus dem Fundus ihrer Trump-Konterfeis nicht unbedingt die schmeichelnden Aufnahmen präsentieren mag.


Nun ist er also weg …

der vormalige Hoffnungsträger, der es dem linken und neoliberalen Establishment „gezeigt hat“; von dem wir glaubten, dass er einen Anstoß für den Sieg eines vernunftgelenkten „Populismus“ geliefert hat. Man hoffte, dass er in dem schon lange tobenden Kulturkampf – darüber, was Amerika ist und was die Amerikaner tatsächlich ausmacht – den Anstoß liefert, die vom linken Establishment organisierte Vergiftung und Zerstörung aller klassischen Werte zu beenden. Aber wohl eine Herkulesaufgabe, für die er von Bildung wie vom Charakter her offensichtlich überfordert war.

Es wird nichts helfen, wenn „alternative Medien“ hierzulande – wie PI und andere – vielleicht weiterhin noch die Schlachten eines „gigantischen Wahlbetrugs“ schlagen wollen. Bei all dem, was Trump zuletzt der Welt geliefert hat – auch wenn man gar 90% der Berichterstattung über ihn als gefakt oder gefärbt ansehen möchte – muss auch der Verbohrteste konstatieren, dass mit ihm kein (demokratischer) Staat zu machen ist und war. Etliche, bisher noch treue und wichtige Mitglieder seiner Administration haben nach den Ereignissen zuletzt ihren Rücktritt erklärt und nur wenige Maul-radikale Republikaner halten wohl noch zu ihm – und ein augenscheinlich faschistisch ausgerichteter Mob auf der Straße.

Da stehen etliche auch von uns im Moment ganz beklommen da, und fragen sich wie ein „frustrierter“ Vulgär-Psychoanalytiker vorgeben würde, „was macht das jetzt mit uns?“.
Aber fast alles hat ja auch seine guten Seiten: Ich brauche mir nicht mehr unerwünschte ereifernde Ausführungen und Grobheiten über einen dummen US-Präsidenten als Repräsentant eines gleichermaßen dummen Volkes aus dem Mund von Eheweib und Gesinnungsgenossen aus Pädagogenkreisen anhören – und bedröppelt schweigen. Mögen linke Postillen und Funk-Kommentatoren den Trump-Hass nachwirkend und stellvertretend für ihren latenten Antiamerikanismus noch weiter pflegen, wir lesen und hören uns das sowieso nicht an.

Betroffen nehme ich zur Kenntnis, dass die antidemokratische Randale in Washington von den hiesigen „Demokraten“ zum Anlass genommen wird, gleich umgehend Gesetze gegen „rechtsradikale“ Umtriebe und Hassreden aus der Schublade zu holen und zu installieren. Aber haben wir was anderes erwartet?

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* Siehe „Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.“ Lfg. 12 (1889), Bd. VII (1889), Sp. 2312, Z. 5.

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Klassische Musik für jeden Tag – 8. Januar

Arcangelo Corelli (1653-1713)
Concerto grosso in D-Dur, op.6, Nr.1

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Klassische Musik für jeden Tag – 7. Januar

Francis Poulenc (1899-1963)
Les Chemins de l’amour
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Klassische Musik für jeden Tag – 6. Januar

Max Bruch (1838-1920)
Violinkonzert Nr. in g-moll, op. 26
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„Wie ich meine Zeitung verlor“

Eine Buchrezension

Im Klappentext zu diesem Buch heißt es u.a.:

„ … Birk Meinhardt, der lange für eine Tageszeitung gearbeitet hat, gehört zu den wenigen, die sich einer genauen Selbstbefragung unterzogen haben und ihre Position auf dem brüchigen Pflaster des Medienbetriebs zu orten versuchen. Seine Geschichte ist die eines leidenschaftlichen Journalisten, der als erster Ostler in der Redaktion eines angesehenen Blattes arbeitet und lange blind bleibt für die Widerstände, auf die seine Arbeit zunehmend trifft. Es ist die Geschichte einer Ernüchterung und – schließlich – einer Entzweiung. Er hat sie aufgeschrieben und stellt sie in die aufgeregten Diskussionen auf dem Feld, wo um Meinungsfreiheit ge- und die vermeintliche „Lügenpresse“ bekämpft wird. Ist er ein Held der Pressefreiheit, ein Nestbeschmutzer, ein Ankläger, oder ist er einfach nur überempfindlich?“

In dem Buch geht es um die „Süddeutsche Zeitung“. Eigentlich eher um den Autor der Veröffentlichung selbst, denn was mich am meisten an diesem Buch gestört hat, ist eine permanent aufscheinende Larmoyanz des Verfassers, welche einem nicht nur das Lesevergnügen verderben kann.
Birk Meinhardt meinte offensichtlich, mit seiner geglückten Anstellung bei der SZ in die Gralsburg des objektiven und ehrlichen Journalismus gelangt zu sein. Entschuldigend kann man anführen, dass dem „Ostler“ der kritische Einblick eines „Westlers“ zum Standort der „Alpenpravda“ in der westdeutschen Medienlandschaft (noch) nicht gegeben war. Die verspätete Erkenntnis, in einen Hort praktizierten Gesinnungs- und Meinungsjournalismus geraten zu sein, muss man ihm nachsehen. Eine Abnabelung von diesem „Wahrheitscontainer“ und dessen Verantwortlichen scheint ihm aber nicht gelungen. Er kommt einem vor wie ein Verliebter, der aus einer Blüte die Blätter auszupft und wie Gretchen sagt: „ sie liebt mich, sie liebt mich nicht …“.
Die nichtveröffentlichen Reportagen, die er in dem Buch aufführt, lesen sich gut, haben allemal „literarischen“ Anspruch und spiegeln wider, was man schreiben muss, um irgendein wohlfeiles hiesiges Äquivalent des Pulitzer-Preises zu erhalten. Glückwunsch dazu!
Meine Rezension mag dadurch gefärbt sein, dass ich mir eine deftigere Abrechnung mit dem Milieu gewünscht hätte, von dem er sich nicht verderben lassen wollte. Das ist aber wohl zu viel erwartet, wenn es einem Autor mehr um sich selbst gehen muss als um die beurteilte Sache.

Unterhaltsamer im literarischen Sinne und ehrlicher ist im Vergleich für mich Michael Klonovskys Land der Wunder“. Gleichwohl das Schicksal eines in der Zone sozialisierten Journalisten, der nach Wende in der westdeutschen Journaille anlandete. Ein autobiographischer Roman eines hochtalentierten Autors und „Kopfarbeiters“, der den Jammer-Ossi Meinhardt nicht nur durch frühzeitigere Klarsichten aussticht.
Geht es um Medienmacht und -Missbrauch kommt unsereinem eine deftige Abrechnung des deutschen „Wahrheitsjournalismus“ wie von Thor Kunkel „Wörterbuch der Lügenpresse“ denn auch noch mehr entgegen.
Klonovsky und Kunkel sind eine unbedingte Leseempfehlung für „Dunkelmänner“ wie unsereinem. Meinhardt und seine unverbrüchliche linke Empfindelei kann man sich antun, da man auch daraus durchaus etwas lernt.
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Klassische Musik für jeden Tag – 5. Januar

Antonio Lotti (1667-1740)
Crucifixus
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Klassische Musik für jeden Tag – 4. Januar

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Streicgquartett in B-Dur, Op. 130 – 5. Cavatina
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Was können wir noch tun?

Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen?
Kann man nicht stärker sein als die Angst?“

Viktor Frankl

In meinem letzten Beitrag zum abgelaufenen, schrecklichen Jahr 2020 habe ich uns und unseren Landsleuten kein gutes Zeugnis ausgestellt:
https://altmod.de/2020/12/die-deutschen-ein-volk-nuetzlicher-idioten/4364/
Man wird davon „grosso modo“ auch im neuen Jahr keine wesentlichen Abstriche machen können, es sei denn …

Man denke mal über den Satz von Viktor Frankl nach!

Ist es nicht so, dass wir gerne aus Bequemlichkeit die Schuld für unsere Hemmnisse und Beschädigungen nach außen verlagern?
Denkt man nicht, es sind diese Politiker, diese penetranten Wissenschaftler, natürlich die Medien, welche bei uns diese schlechten Gefühle erzeugen, die manchmal bis hin zu real empfundener Hoffnungslosigkeit und Resignation reichen?
Ist es nicht so: Dass wir uns durch die täglichen Katastrophenmeldungen mehr als nur verunsichern lassen, dass wir verbittert die als Schikanen zugemuteten Einschränkungen im täglichen Leben erdulden, dass wir Kräfte und Mächte am Werk sehen, die nicht das Beste für uns bewerkstelligen wollen, so wie wir es für uns sehen möchten?
So müssen wir uns die daraus entstehende Verbitterung doch nicht noch auch aus uns selbst heraus gefallen lassen!
Wir sind nicht darauf beschränkt, Knecht unserer Triebe und Gefangene unserer Ängste und Zwänge sein zu müssen, sondern wir verfügen über die geistige Freiheit, den Weg zu einer sinnvollen Integration all dies uns menschlich Eigenem zu finden. „Menschlich“ in diesem Sinne sind natürlich unsere Begierden wie Ängste, soweit sie nicht aus einer Geisteskrankheit erwachsen.
Wenn wir uns widerstandslos einbinden lassen in die Geisteskrankheiten unserer Zeit, wir wären tatsächlich verloren.
Allein unser regelmäßiger Rekurs auf geistige Freiheit ermöglicht Heilung davon!

Ich verachte nicht die deutsche Nation – so wie ich in meinem vorausgehenden Artikel Schopenhauer zitiert habe. Nein, ich werde mir meine Zugehörigkeit und Verbundenheit nicht ausreden lassen und abstreifen – trotz Nietzsche oder Schopenhauer, trotz Hitler oder Merkel, trotz SPD und Grüne …
Unsere persönliche und kollektive „Trotzmacht des Geistes“* kann auch aus der Besinnung auf unsere Geschichte gespeist werden.
Wir haben eine großartige Geschichte, und gewiss auch eine fürchterliche – „in Großartigkeit“.
Diejenigen, „die schon länger hier wohnen“ – im Zentrum Europas – haben in der Vergangenheit fürchterliche Katastrophen über sich ergehen lassen müssen. Zuletzt die nahezu totale Auslöschung unseres Landes. Aber wie kein anderes Volk in der Geschichte hat sich das deutsche wie Phönix aus der Asche erhoben.
Inzwischen aber auch zu dem Preis einer Verwöhnung und dem Verlust alter Stärken und Fähigkeiten – und dem Verlust eines gesunden, selbsterhaltenden Selbstbewußtseins.
Wie könnten wir weiterexistieren, weiterleben, wenn wir meinen, das Recht auf Verwöhnung sei das Bestimmende für uns. Wenn wir uns nicht der eigentlichen Stärken und durchaus außergewöhnlichen Eigenschaften besinnen würden, die unser Volk über Jahrhunderte hinweg bewiesen hat und welche – davon bin ich überzeugt – einem Großteil unserer Bürgerschaft immer noch innewohnen.
Bewegen wir uns heraus aus den Niederungen der gegenwärtigen Zumutungen.
Unsere „Trotzmacht“ kann bewirken, dass wir uns nicht mehr diskreditieren lassen, da man versucht, uns ob unserer Meinungen in die Schmuddelecke zu stecken.
Viele von uns haben sich schon „vom Kasperltheater der großen Medien längst abgekoppelt“, wie Hans Magnus Enzensberger schon vor längerer Zeit feststellte, und bilden sich Urteil „unabhängig vom Blabla der Rezensionen und der Talkshows, und die einzige Form der Reklame, an die (wir) glaben, ist die Mundpropaganda, die ebenso kostenlos wie unbezahlbar ist.“ Aber wir brauchen dazu auch aktiven Widerstand!

Was an Trotzigkeiten können wir denn umsetzen?

  • Wenn man versucht, uns gesunden Menschenverstand abzusprechen, werden wir nicht stillhalten, sondern uns unverbrüchlich öffentlich äußern und wehren. Wir werden nicht zögern, unseren gewählten Vertretern auf den Schlips zu treten – oder mehr, wenn sie weiter in ihrer Passivität oder Opportunismus verbleiben und unsere demokratischen Einrichtungen und Angewohnheiten schädigen. Wenn sie Demokratie nur simulieren, jede elementare Diskussion darüber vermeiden über das, was die Menschen im Land bewegt und berührt.
  • Wir können das mit unseren bescheidenen Kräften angehen: im persönlichen Gespräch, im (Leser-) Brief oder Kommentar; auch auf der Straße – was inzwischen durchaus sein muss. Scheuen wir uns nicht, einem uns diffamierenden Kontrahenten mithilfe der Sprache eine aufs Maul zu geben.
  • 2021 ist ein Wahljahr. Wir möchten vielleicht noch verzweifeln ob der Möglichkeiten, welche die Auguren prognostizieren, dass überhaupt eine „Wende“ – oder vielleicht nur „Abwendung“ von der bisherigen Konduite – möglich ist. Aber unterschätzen wir diese bescheidene Macht nicht. Zum Beispiel würde eine AfD mit etwa 20% Wählerstimmen mehr als nur ein Erdbeben in unserer politischen Landschaft hervorrufen. Ein Wunschtraum? Warten wir es ab.
  • Zeigen wir denen, die durch 2020 zu wirklich Leidtragenden geworden sind, dem Restaurantbesitzer, dem Friseur, dem Reisekaufmann, dem Boutique-Betreiber usw., dass wir ihn weiterhin brauchen und persönlich unterstützen werden. Dem arbeitslos gewordenen Nachbarn, dass er uns nicht gleichgültig ist, wir sein Schicksal nicht als „naturgegeben“ ansehen.
  • Sagen wir es den Pfaffen ins Gesicht und schreiben wir es dem Bischof, dass wir in ihm nicht mehr unseren „Hirten“ oder geistigen Betreuer sehen, sondern nur noch einen opportunistischen Büttel der herrschenden politischen Kräfte und klagen wir an, dass er nicht mehr willens ist, uns und unsere Gemeinschaft vor dem ansteigenden Einfluss unserer nicht nur auf die Religion bezogenen Feinde zu beschützen.
  • Machen wir Intoleranz all den geistlos Toleranten um uns gegenüber im Reden und Handeln zum Prinzip.
  • Gehen wir nicht den wirklichen Freiheitsfeinden aus moralischen Motiven auf den Leim, die uns in allen unseren Lebensbereichen gängeln und mit Verboten und Verordnungen auf den angeblichen Pfad der Tugend führen wollen. Sprechen wir es klar aus, dass die Grünen und diese angeblich idealistisch bewegte Jugend mit mental angeknacksten, manipulierten und manipulierenden, halbgaren Gören als Galionsfiguren ihre und unsere Zukunft nicht retten, sondern zerstören werden. Sagen wir den Schulschwänzern, dass sie nichts anderes sind als Schwänzer und Schwätzer, die richtige Not noch nie kennengelernt haben.
  • Sagen wir es dem immer noch so selbstbewußt auftretenden CDU- oder SPD-Funktionär aus der Nachbarschaft, dass es er und seine Partei sind, welche aus Gründen des puren Machtopportunismus die Axt an den Stamm unseres einstmals funktionierenden Rechtsstaates und der so oft beschworenen „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ gelegt haben.
  • Sprechen und schreiben wir, wie uns der Schnabel gewachsen ist, ohne Rücksicht auf Genderismus- oder politische Korrektheit.
  • Warum soll man sich auch 2021 nicht weiter noch eine „Dreckschleuder“ als Auto zulegen, wenn eine Neuanschaffung angezeigt oder notwendig ist. Eine Petitesse vielleicht, aber auch ein Signal, sich der öffentlich verordneten Narretei nicht anzuschließen.
  • Ist Boykott etwas Fragwürdiges? Warum soll ich nicht jemanden boykottieren, der z.B. mit seiner Agitation meine tradierten Einstellungen und Werte aufheben möchte und lächerlich macht: mit Vorgaukeln einer angeblich bunten, hinausreichend über eine tatsächliche „multikulturelle“ Wirklichkeit in der Gesellschaft und Familie, dazu oft mit aufdringlicher, distanzloser Anrede. Ich kann meine Alltagsprodukte auch woanders beziehen als von Propagandisten wie bei Edeka, Ikea, Lidl usw.. Die Reste unserer durchaus wackelig auf den Beinen stehenden Marktwirtschaft lassen das durchaus zu. Bevor ich mich in einen Zug der staatlichen „Bunten Bahn“ setze, greife ich schon seit einiger Zeit mehr denn je auf Beförderung durch meine Dreckschleuder zurück. Noch nie mit einem schlechten Gewissen.

Das mag ein naiver und hochfliegender Katalog von Widersetzlichkeiten sein, die ich aufgeführt habe und damit zur Umsetzung anstacheln möchte. Ich muss mich selber daran messen lassen, wenn ich es ehrlich meine.
Aber haben wir im Volk noch andere Möglichkeiten? Außer Gewalt auf und über die Straße?
Beginnen wir damit, dass wir uns vor und von uns selbst nichts mehr gefallen lassen!

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*Als Trotzmacht des Geistes bezeichnet Viktor Frankl die Fähigkeit des Menschen, trotz widriger äußerer Umstände sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, über sich hinauszuwachsen. Dies gelingt, sobald ein Mensch eine Sinnmöglichkeit außerhalb seiner selbst wahrnimmt, für die es sich lohnt, sich einzusetzen. Frankl erörtert die Bedeutungen dieses menschlichen Potenzials, dessen Wirkung er auch durch eigene Erfahrungen in Konzentrationslagern belegt (in „Trotzdem Ja zum Leben sagen“).

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