Identitätspolitik und meine Befindlichkeit
Allen alten weißen Männern gewidmet!
Der Begriff „Identitätspolitik“ und in Ergänzung dazu „Cancel Culture“ sind derzeit in aller Munde. Und mit der Phrase der allseits beliebten Küchenpsychologie stelle ich einmal mehr die Frage in den Raum: „Was ist das, was macht das mit mir?“
Ich will dazu etwas ausholen.
„Identitätspolitik“ und „Cancel Culture“ – und wo bleibt Respekt?
Ein linkes Projekt? Eine historische, kulturelle Weiterentwicklung? Ein notwendiger humanitärer Entwicklungsprozess für die Menschheit? Die endgültige gesellschaftliche „Expropriation der Expropriateure“, d.h. der bisher dominierenden alten, weißen und maskulinen Mehrheit im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und angeblich gesellschaftlichen Bereich?
Ein prominentes Opfer dieser politischen Geschäftigkeit (die wie fast alles Bereichernde des Westens zuletzt aus den USA stammt) wurde hierzulande der alte weiße und mitunter weise „Zausel“ der SPD, Wolfgang Thierse. Er wurde für einen kritischen Essay zur „Identitätspolitik“ in der FAZ öffentlich abgewatscht. Der Artikel ist leider nur hinter der Bezahlschranke aufrufbar, hat gleichwohl einen Shitstorm in den unsozialen Medien entfesselt, die sattsam bekannte linken Postille „Der Tagesspiegel“ empört und Empörung bei den „Geistesgrößen“ des Führungs-Trios der SPD ausgelöst. Thierse hatte die Selbstverständlichkeit geäußert, dass gerade pluralistische Gesellschaften, in denen minoritäre Gruppen Respekt und Anerkennung verlangen, auf Common Sense und für alle gültige Regeln angewiesen seien.
Einfach zusammengefasst, hatte Thierse dazu gefordert, dass es auch ein Recht und eine Empfindsamkeit der Mehrheit gebe: ob nicht-queer, männlich, weiß, patriotisch, heimatverbunden etc. Und forderte eine Grundtugend für die gesellschaftliche Debatte ein: Respekt.
Der schwule SPD-Vize Kevin Kühnert mochte das nicht goutieren und die unvergleichliche Schreckschraube der SPD, Saskia Esken distanzierte sich auch umgehend von Thierse.
Ich kann es ja verstehen, wenn man Kevin heißt. Welch hämisches und abschätziges Minenspiel von Lehrern und Klassenkamerad(*ìnn)en mit klassischen „Kartoffel-Namen“ musste er erleben. Und dann die irgendwann erkannte eigene Schwulheit.
Wenn ich so etwas hier äußere, ist es fast schon mehr als die beschworene „Mikroaggression“. Es geht dabei um „emotionale Kränkungen“, gegen welche diese neue Weltanschauung sich richtet. Zudem ist es ein urmenschlicher Trieb, dass man es denen, die einen bisher leiden ließen, es mit gleicher Münze heimzahlen möchte. Sie sollen spüren, wie es ist, „ausgegrenzt, abgewertet und von oben betrachtet“ zu werden.
An dieser Stelle will ich schon einmal einhaken: darf ich das – auch als privilegierter, alter, weißer, wohlhabender „Sackträger“ – nicht auch einfordern? Als Mitglied einer offensichtlich immer mehr ausgegrenzten (neuen) Minderheit? Denn es gibt wohl mehr junge, mehr weibliche, mehr nicht-männliche, mehr nicht-weiße, mehr nicht-gebildete, mehr nicht-christliche, mehr nicht-europäische, mehr nicht-deutsche, mehr nicht-Schweinefleisch-Esser usw. auf der Welt. Inzwischen darf sich jede Minderheit gleichwohl zu einer Art Pluralität erklären.
Identitätspolitik bedeutet, dass jetzt jedwede Minderheit der Mehrheit vorschreiben darf, was sie zu denken und zu sagen hat – bis hin, wie sie zu leben habe.
Ich bin wohl zu dünnhäutig, hänge eitel meiner überkommenen, weißen „supremacy“ nach.
warum rege ich mich auf?
All die bisher unter der weißen und männlichen Supremacy leidenden Zeit- und Geschlechtsgenoss(*inn)en, Frauen oder Nicht-Frauen, Nicht-Männer, Menschen mit afrikanisch-genetischer Gattung, queer-, trans- oder sonstiger sexueller Prägung haben – mit Unterstützung der auf Beifall schielende Medien und durch akademisches Lumpenproletariat – die Meinungshoheit erlangt.
Für die Medien und das gegenwärtige akademische Milieu ist typisch, dass nicht mehr Argumente ausgetauscht oder konkrete Handlungen und „Fakten“ betrachtet und kritisiert werden, sondern es wird mit Unterstellungen operiert und Gegner werden umstandslos als Person unter moralischen Generalverdacht gestellt. Das Recht auf Meinungsäußerung wird denn auch verweigert.
Bernd Stegemann schreibt in „Die Tagespost“:
„Rationale Argumente werden von der Empörung weggespült, stattdessen herrscht wieder das Gesetz des Kindergartens: Wer am lautesten schreit, gewinnt… Das „Wir zuerst“ speist sich aus der Kränkung, und die eigene Gekränktheit ist die einzige Wahrheit, die noch akzeptiert wird. Ihr Dogma lautet: Dem Opfer muss immer geglaubt werden, und wer sich am lautesten empört, hat den größten Anspruch auf seine Opferwahrheit.“
Vermeintlich unverdächtige wie natürlich „verdächtige“ Gestalten geraten bei dieser Denkweise ins Verdikt.
Beispiele
Der demokratische Bewerber um die US-Präsidentschaft, Pete Buttigieg, wurde 2019 in einer TV-Runde gefragt, was er für African Americans zu tun gedenke. Buttigieg, weiß und schwul, antwortete: „Auch wenn ich nicht die Erfahrung gemacht habe, je wegen meiner Hautfarbe diskriminiert worden zu sein, habe ich doch die Erfahrung gemacht, mich manchmal wie ein Fremder in meinem eigenen Land zu fühlen.“ Daher fühle er die „Verpflichtung, jenen zu helfen, deren Rechte jeden Tag auf dem Spiel stehen, selbst wenn ihre Erfahrungen ganz andere sind als meine.“ Daraus machte seine schwarze demokratische Konkurrentin Kamala Harris einen Skandal: Ein weißer Schwuler maßt sich an, mit uns Schwarzen Mitgefühl zu haben! Er benutzt unser Leid für seine Zwecke! So führt Identitätspolitik nicht zu Solidarität mit und unter Minderheiten, sondern zur Opferkonkurrenz.
Ein typisches Beispiel für die Stimmung an den US-amerikanische Hochschulen schildert – neben vielen anderen Vorfällen – Douglas Murray*:
Ein weißer Biologielehrer des Evergreen StateCollege in Olympia, Washington, Bret Weinstein wehrte sich per E-Mail dagegen, an einem bestimmten Tag der Hochschule fernbleiben zu müssen. Er pochte auf »Sein Recht auf Redefreiheit – oder anwesend zu sein – was niemals auf der Hautfarbe basieren (dürfe)« wenigstens dachte er das.
Murray weiter:
„Wie er selbst über sich sagte, zählte sich Weinstein zu den progressiven Linken und ausgemachten Fans von Bernie Sanders. Bret Weinstein war also auf keinen Fall jemand, dem man einfach so das Etikett Rassist verpassen sollte. Doch genau das ist dann passiert. Nachdem sich die Kunde von seiner E-Mail auf dem Universitätsgelände verbreitet hatte, versammelte sich eine Gruppe von Schülern vor Weinsteins Klassenzimmer. Dort versuchte er dann, vernünftig mit ihnen zu reden, eventuelle Missverständnisse zu klären und sich auszutauschen. Mehrere Schüler filmten mit ihren Handykameras, was dann geschah. Weinstein wollte ihnen den Unterschied zwischen einem »Streitgespräch und Dialektik« erklären und sagte: »Ein Streitgespräch bedeutet, als Sieger rausgehen zu wollen. Dialektik dagegen versucht, mithilfe von unterschiedlichen Standpunkten die Wahrheit herauszufinden. Ich bin kein Fan von Streitgesprächen. Ich setze ausschließlich auf Dialektik, was bedeutet, dass ich euch zuhöre und ihr mir.« Das kam bei den anwesenden Schülern aber gar nicht gut an. »Es ist uns scheißegal, was Sie zu sagen haben«, brüllte eine junge Frau Weinstein an, dessen Gestik verriet, dass er seinen Ohren nicht traute. »Wir reden jetzt nicht weiter über die Bedingungen von weißen Privilegien.« Die Stimmung wurde immer gereizter, manche buhten, andere kreischten. »Das ist kein Streitgespräch«, schrie ein Schüler. »Eins zu null für uns.«
Weinstein beharrte auf seinem Standpunkt. »Ich rede von Be dingungen, wie wir die Wahrheit herausfinden können.« Die Reaktion der Schüler? Verächtliches Schnauben und höhnisches Gelächter. »Das ist einfach nur rassistische Scheiße!«, brüllte dann jemand. »Scheiß drauf, was Sie zu sagen haben.« Da inzwischen das Geschrei im Hintergrund so laut wurde, konnte niemand mehr hören, was dann gesagt wurde. »Möchten Sie die Antwort nun hören oder nicht?«, wandte sich eine andere Person dann an die Schüler, worauf ein lautstarkes »Nein!« zu hören war. Und so ging es immer weiter. »Hört auf, Farbigen zu sagen, sie seien wertlos!«, rief eine Schülerin und griff dann den Professor an. »Sie sind derjenige, der wertlos ist! Hauen Sie ab. Fuck you, Sie Arschloch!«
Das ist die Diktion und Argumentationsweise, die durch diese neue Ideologie gepflegt wird, und diese Verhaltensweisen haben natürlich auch die deutschen Hochschulen erreicht. Als der Wirtschaftsprofessor und AfD-Gründer Bernd Lucke in Hamburg seine Vorlesungen wieder aufnehmen wollte, wurde er von einem Studenten-Gesocks daran gehindert: Es gab tumultartige Szenen und mit Buhrufen begrüßten „Studierende“ Lucke, der zu der Zeit die AfD bereits seit längerem Verlassen hatte: „Nie, nie, nie wieder Lucke“, riefen Sprechchöre, und: „Nazischweine raus der Uni.“ Diese und eine weitere Vorlesung konnte der Volkswirtschaftsprofessor nicht halten, er musste den Hörsaal unter Polizeischutz verlassen.
Auch andere „Prominente“ der Wissenschaft erwischte es. „Unser Professor, der Rassist“ titelte die FAZ einen lesenswerten Beitrag über die Protestwelle „Studierender“ gegen die Professoren Herfried Münkler und und Jörg Barbarowski an der Humboldt-Universität Berlin. In diesem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass schon 2014 ein Erziehungswissenschaftler der Humboldt-Universität zum Rassisten gestempelt wurde, weil er seine Studenten in der Vorlesung „Grundbegriffe und Theorien pädagogischen Handelns und Denkens“ Texte von Kant lesen ließ. Emmanuel Kant verbreitet nach Ansicht der anonymen Denunzianten aus einer „eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten“.
Die schwarze Lichtgestalt Martin Luther King ist posthum wie auch Kant nicht gegen „Cancel Culture“ bzw. die Identitäts-Inszenierung gefeit:
Luther King formulierte den Traum, dass seine Kinder eines Tages in einer Welt leben werden, „in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden“. Identitätspolitisch erfüllte Kreise würden diesen Traum heute wohl als Mikroaggression verbuchen. Denn Herkunft und Hautfarbe sollen schließlich nicht überwunden, sondern als allein entscheidende Bezugspunkte betont werden.
Ob unser Bundespräses Frank-Walter Steinmeier diese Exzesse im Blick hat, wenn er wieder mal gegen „Hass und Hetze“ auftritt? Hat er registriert, dass nicht das Ideal der staatsbürgerlichen Gleichheit im Fokus steht, sondern das der Besonderheit.
Steinmeier hat sich bisher immer daran beteiligt, seine Landsleute in Schubladen zu sortieren und diesen neuen Kulturkampf befeuert.
Ein epochaler Umbruch
Man kann auch auf der taz mal Besonnenes lesen. Der Journalist und Publizist Matthias Lohre schreibt:
Wir werden Zeuge eines epochalen Umbruchs: Das Ideal des selbstbestimmt lebenden Individuums verblasst, und an seine Stelle tritt das immerzu Aufmerksamkeit und Mitgefühl einfordernde Opfer. Dessen Selbstwertgefühl speist sich nicht aus eigenen Leistungen, Ideen oder guten Taten. Die Selbsteinschätzung der neuen Opfer bringt der Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli auf den Punkt: „Wir sind stolz darauf, etwas erlitten zu haben. Wunden, tatsächliche genauso wie symbolische, sind der Nachweis für Glaubwürdigkeit.“ Indem sie sich durch Verletzungen definieren, schaffen sie sich eine schlüssige Lebenserzählung. Ich leide, also bin ich.
…Vertreter dieser Form der Identitätspolitik sprechen anderen die Fähigkeit, moralisch „richtig“ zu empfinden, ab. Sie erklären nicht verletzende Äußerungen zum Problem, sondern Menschen. Sie suchen keine Lösungen, sondern Täter. Sich selbst erklären sie zu Opfern.
Aus ihrer Sicht haftet auch an den Nachfahren echter oder vermeintlicher Täter untilgbare historische Schuld. Deshalb müssten, ja dürften die Nachkommen der Opfer ihnen nie verzeihen. Die Identität als Opfer und Täter wird vererbt. Versöhnung ist ausgeschlossen.
…Wer die Welt in Täter und Opfer teilt, der muss den eigenen Opferstatus eifersüchtig bewachen.“
und meine Befindlichkeit
Auch ich habe einen „Opferstatus“!
Was kann ich dafür, dass ich mit „weißen Genen“ auf die Welt kam, in eine „weiße“ Familie und dabei in Europa, eine unvergleichliche Hochkultur hinein geboren wurde – in Umstände die mich geprägt haben? Als Kind von Heimatverlorenen, die eigentlich in ihrer angeblich angeeigneten neuen Heimat nichts verloren hätten? Zählt das nicht mehr, soll ich das verleugnen – darf ich nicht meine diesbezüglichen Verletzungen äußern? Darf ich nicht meine Angst äußern, wenn ich registriere, wie eine eingeschleppte archaische Religion mit ihren Ansprüchen meine tiefsten Gefühle und die meiner Mitwelt missachtet und mich mental provoziert?
Muss ich mich dafür schämen, ein allemal hohes Lebensalter in geistiger Klarheit erreicht zu haben und dass ich auch weiter nicht nur auf politisches Gehör pochen will?
Denken die Hetzer – einschließlich Frank Walter Steinmeier – daran, dass auch ich – wir anderen – verletzlich sind und Gefühle haben?
Das scheint eine schwache Antwort auf die Zumutungen, die ich dargelegt habe. Aber es bleibt uns denn nichts anderes übrig, als auch die gleichen Waffen einzusetzen, die man gegen uns aufgeboten hat – und die gleiche Sprache, die man gegen uns einsetzt; denn anderes wird wohl nicht mehr verstanden. Ist es nur damit möglich, zur alten Kultur zurückzukehren?
Der Teufel ist nur mit dem Beelzebub auszutreiben!
Wehren wir uns!
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*Douglas Murray: „Wahnsinn der Massen“ – Edition Tichys Einblick, München 2019