Ich erlaube mir, einen gern von mir öffentlich ausgetragenen Disput zum Thema hier zu veröffentlichen.
Am zurückliegenden Samstag erschien in meiner Lokalpostille, der Gelnhäuser Neue Zeitung, an exponierter Stelle ein „Gastbeitrag“ eines ausgedienten evangelischen Pfarrers zum Thema Ehe. Ich habe mich gefragt, was die Redaktion bewogen hat, diesem Beitrag eines eigentlich abgehalfterten „Theologen“ soviel Aufmerksamkeit einzuräumen.
Über die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren
Christoph Schilling
Nur mal angenommen, die katholische Kirche würde die Segnung von lesbischen oder homosexuellen Paaren praktizieren: Würde sie damit nicht die traditionelle Auffassung von Ehe gefährden oder gar aushebeln? Ja, sie würde! Die Auffassung von Ehe heißt ja wohl, dass ein Mann und eine Frau freiwillig und auf lebenslange Treue angelegt ein Bündnis eingehen, ihre Sexualität exklusiv in diesem Bündnis leben mit dem Ziel, Nachkommen zu zeugen. Das kann in dieser enggeführten Fassung ein gleichgeschlechtliches Paar so nicht, jedenfalls nicht das mit der Kinderzeugung. Die traditionelle katholische Auffassung von Ehe steht dem entgegen. Aber was wäre denn so schlimm daran, diese Auffassung einer lebenspraktischen Prüfung zu unterziehen? Kommt damit etwas ins Rutschen? Ja, es kommt. Aber noch einmal gefragt: Was wäre daran so schlimm? Ich habe Verständnis dafür, wenn man den Begriff „Ehe“ exklusiv einer heterosexuellen Zweiergemeinschaft vorbehalten will. Es geht ja auch aktuell nicht um Bezeichnungen, sondern um den Segen.
Machen wir die Probe aufs Exempel: Ein Paar kommt zu mir, sie ist 74, er ist 81, sie erbitten von mir den Segen für ihre Gemeinschaft. Heiraten wollen sie nicht, weil sie, so sagt sie etwas verschämt, den Sohn, der die Arbeit verloren hat, aktuell finanziell unterstützt „und die Enkel damit natürlich auch“. Ich stifte hier keine Ehe, aber ich werde ihnen den Segen kaum verwehren. Das Beispiel ist erfunden; das nächste hat sich so abgespielt: Mein Freund hat zum dritten Mal geheiratet. Er ist Pfarrer. Ich habe ihn und seine Frau getraut. Vom kirchlichen Personalverantwortlichen wurde ich vorher gefragt, ob alles mit rechten Dingen zugehe, auf gut Deutsch: ob es ein Hallodri ist oder ein Frauenheld oder so. Ich verneinte aus ganzem Herzen.
Sie sind seit vielen Jahren ein glückliches Paar. Leichtfertig gehen auch wir mit dem Segen nicht um.
Wenn mich ein gleichgeschlechtliches Paar um den Segen bitten würde, würde ich diesem Paar den Segen geben. Wenn das wichtig wäre, würde ich klarmachen, dass mit dem Segen nicht automatisch die Anerkennung als „Ehe“ mit gemeint ist. Aber was denn tun, wenn zwei Männer oder zwei Frauen sich lebenslang Treue versprechen wollen „in guten und in bösen Tagen, bis dass der Tod sie scheidet“? Also all das eingehen, was auch Eheleute tun, nur eben mit dem Unterschied, aus eigenem sexuellem Vermögen allein kein Kind in die Welt setzen zu können, sehr wohl aber lieben und aufziehen: Lasse ich solche Menschen „segenlos“ zurück? Ich frage mich, ob nicht sogar Kirche eine Bringschuld hat, anstatt für solche Verhältnisse nur ein „Sorry, nicht vorgesehen“ vorzuhalten.
Die katholische Auffassung von Ehe ist aktuell nicht kompatibel mit der Praxis und den Wünschen gleichgeschlechtlicher Paare. Das geht einfach nicht zusammen! Die große Frage ist doch: Was muss sich ändern; die Paare oder die Eheauffassung? Ich glaube, die katholische Kirche würde gewinnen, wenn sie sich an dieser Stelle bewegen würde. Ja, die Eheauffassung ist schon ein Betonklotz, den man nicht gerne verrückt und vor deren Verrückung man Angst hat. Christus selbst hat einmal gesagt: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen!“ Ein Jude (!) relativiert den hochheiligen Sabbat und meint, diese Institution müsse dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Müsste es dementsprechend nicht auch heißen und gelebt werden: „Die Ehe ist um des Menschen willen gemacht“; der Mensch muss nicht Erfüllungsgehilfe für das Funktionieren einer Institution sein?
Ich bin kein Theologe und werde mich nicht auf theologisches Glatteis begeben, wenngleich der obige Artikel auch nicht von theologischer Tiefgründigkeit zeugt.
Hier meine „Replik“, die ich an die Zeitung gesandt habe und zur Diskussion stelle:
An erster Stelle des Lokalteils der GNZ (Gelnhäuser Neue Zeitung) vom 10. April springt einem ein Artikel „Über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare“ ins Auge. In dicken Lettern wird von dem früheren Wächtersbacher Pfarrer Chr. Schilling verkündet: „Die Ehe ist um des Menschen Willen gemacht“.
Diese scheinbar als theologischer Lehrsatz daherkommende Aussage ist für mich ein von dem Verfasser Ausgedachtes – aufbauend auf dem Diktum von Martin Luther, dass die Ehe „ein äußerlich, weltlich Ding“ sei.
Herr Schilling – man erlaube mir die Spitze – hobelt gerne, wohl zur eigenen evangelischen Erkenntnisgewinnung am „Katholischen“ , wie es mir schon in einem Beitrag von ihm in dieser Zeitung im April vor zwei Jahren zum Zölibat vorkam.
Durchaus wieder ein Beispiel der Sophisterei für mich, wenn in Blick auf die katholische Kirche einmal mehr ausgeführt wird: „Ich habe Verständnis dafür, wenn man den Begriff „Ehe“ exklusiv einer heterosexuellen Zweiergemeinschaft vorbehalten will“. Um dies dann im Sinn des zeitgeistlichen Relativismus beredsam zu entsorgen.
„Es geht … nicht um Bezeichnungen, sondern um den Segen.“ – schreibt er.
„Segen“ oder „Segnung“ gehört nicht nur nach meinem Verständnis in erster Linie zum Gottesdienst, als „Zusprechen einer göttlichen Verheißung an den einzelnen oder die versammelte Gemeinde“. In dem ganzen Aufsatz, der sich auf „Segnung“ beziehen möchte, kommt aber erstaunlicherweise „Gott“ nicht vor und der Bezug auf Christus am Ende des Beitrags dient für den kritischen Leser wohl nur zur Stichwortgebung für eine erdachte Floskel unter Bezug auf: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen!“.
Wenn die „Ehe“ ein „äußerlich Ding“ sei, dann braucht man tatsächlich keinen göttlichen Bezug, keine Segnung. Dann verzichte man doch darauf, auf scheinheiligen Segen, ohne Gottesbezug, in der Kirche oder Kapelle. Da braucht es keinen Priester – Psychologen, Soziologen, Journalisten ersetzen sie heute.
Die Ehe wurde schon immer auch in Recht gesetzt. Und nicht nur ich, vielleicht altmodisch Denkender, bin so geprägt, dass die Ehe eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau ist, die aus ihrer Natur auf Nachkommenschaft angelegt ist. Und sogar das „Animalische“, die Sexualität ist dazu von der Natur und ihrem Schöpfer angelegt. Ehe und Familie sind das Fundament der menschlichen Gesellschaft und darum läßt sich „Ehe“ m. E. nicht beliebig definieren. Sie ist in ihrem Wesen die naturrechtlich vorgegebene Verbindung von Mann und Frau und nicht ein beliebiger Begriff für im Zeitgeist gepflegte Partnerschaften jedweder Art.
Nur am Rande erwähnt, dass ich seit fast fünfzig Jahren in einer katholisch gesegneten Ehe glücklich lebe und das mehr als nur ein „weltlich Ding“ empfinde!