Meine Welt von Gestern – 2

Ich erinnere mich…

Erste Jahre

Ich kam am 20. April 1948 in Ansbach, der alten Residenz- und Regierungsstadt im Fränkischen, auf die Welt.
Ein strahlender Frühlingstag muss es gewesen sein, denn da sprachen angeblich Leute von „Führerwetter“, was einstmals – wie man später nicht müde wurde zu betonen, eigentlich „Kaiserwetter“ hieß.
Es war gerade drei Jahre her, dass der 20. April in letztmals in einem Reich, das angeblich tausend Jahre dauern sollte, zu einem Feiertag bestimmt worden war.
Es war meine Tante Mietz (österr. für Maria), die mich auf dem Standesamt eintragen ließ: die Mutter war noch im Krankenhaus und der Vater musste trotz der Geburt des „Erstgeborenen“ seiner Arbeit nachgehen.
Für Tante Mietz war es an jedem Geburtstag von mir immer wieder ein Thema, wie die Standesbeamtin seinerzeit mit angeblich seligem Blick dreinschaute und sagte: „Ja, ja … 20. April – das waren noch Zeiten …“.
Das waren noch Zeiten?
Zeiten, an die ich natürlich keine Erinnerungen haben kann. Aber durchaus an die Folgen dieser „Zeiten“!

Wann setzt bei uns eigentlich Erinnerung ein? Im dritten oder vierten Lebensjahr? Handelt es sich dabei um tatsächliche, echte Erinnerungen oder um später verarbeitete Eindrücke aus Erzählungen, von Fotos oder bewegten Bildern von früher, die man dann nicht mehr so recht vom echten, selbst Erlebten unterscheiden kann?
Ab wann kann man denn sagen: „Ich erinnere mich …“?

Doch: Ich erinnere mich an die düstere Atmosphäre der Gaststube des „Goldenen Apfel“ in Ansbach, in dem ich meine ersten vier Lebensjahre verbrachte …

Ich erinnere mich an das dämmergraue Licht bei zugezogenen Vorhängen im Schlafzimmer meiner Eltern, in dem mein Bettchen stand – als ich immer noch zu einem Mittagsschlaf genötigt werden sollte …

Ich erinnere mich an die bizarren Muster des Vorhangs in diesem Zimmer, die mich unterhielten und vom Einschlafen ablenkten …

Ich erinnere mich, wie mir meine Mutter immer am Abend mit ihrer wunderschönen Stimme dieses sentimentale Lied „Aba heidschi bumbeidschi, schlaf lange…“ zum Einschlafen sang …

Ich erinnere mich an das Kopfsteinpflaster vor dem „Apfel“, das zu einem faszinierenden Gerüttel führte, wenn ich mit meiner kleinen „Seifenkiste“, von meinem Großvater gebaut, die Straße hinab flitzte …

Ich erinnere mich an einen großen Hund, einen ständig sabbernden Rottweiler des Pferdemetzgers nebenan; der mich aber nicht etwa auffraß, sondern beschützte; auf dem ich reiten konnte; der mich – so die Erzählung meiner Mutter – einmal an der Windelhose gepackt nach Hause transportierte und vor der Haustüre ablegte …

Ich erinnere mich an ein düsteres Wartezimmer, wenn ich von meiner Mutter zu unserem Hausarzt, dem Dr. Dr. Ritter von … – den Titel erinnere ich noch, nicht mehr den Namen – gleich um die Ecke geschleppt wurde; an das riesige Klavier, das dort im Vorzimmer stand …
Ich erinnere mich an den evangelischen Kindergarten, den man nach einem längeren Spazierweg dann über eine hölzerne Brücke über die Rezat erreichte …

Ich erinnere mich an den katholischen Kindergarten, in den ich bald kam; mit den schwarzgekleideten Frauen – Nonnen heißen sie wohl, die sich um einen kümmerten – oder auch mal bestraften …

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mit mir im Hofgarten spazieren ging und mir von einem gewissen Kaspar Hauser erzählte …

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in einem Zirkus: tanzende Elefanten; geschmückte weiße Pferde; eine riesige Kanone, mit der Menschen unter der Zirkuskuppel durch die Luft geschossen wurden; wunderschöne Frauen in glitzernden Kostümen, die wie Nixen aus einem Wasserfall kamen …

Ich erinnere mich an das erste Gedicht, das ich auswendig aufsagen konnte: „Es war einmal ein Mann, der hatte einen Schwamm“ …

Ich erinnere mich, wie die Großeltern und Mutter in der Gaststube mit einer kleinen, silbrig glänzenden Röhre massenweise Zigarettenhülsen mit Tabak vollstopften; und die Zigaretten in ein Zigarrenkistchen gestapelt wurden …

Ich erinnere mich, wie in der Gaststube von der Großmutter das Mittagessen für die Stammgäste aufgetragen wurde; ich in einer Ecke der Gaststube saß, meine Portion abbekam und dabei die Leute beobachtete …

Ich erinnere mich an lustige Männer, die bester Stimmung an den Gasthaustischen saßen und manches mal mich an ihrer guten Laune teilhaben ließen …

Ich erinnere mich an in Mädchen, die Christa Heinkel, etwas älter als ich und mein Cousin Schorsch; die manchmal vor dem Apfel auftauchte, um uns herrisch zu Erkundungen in der Umgebung zu nötigen. Und da gibt es doch tatsächlich dieses Bild von uns …

Ich erinnere mich daran, dass ich mir im gegenüberliegenden Laden die geliebten Velveta-Ecken selbst abholte …

Ich erinnere mich an den Geschmack von Bärendreck, den es auch in dem Laden gab …

Ich erinnere mich, wie mich Vater in die »Commissary« der Amis, seinen Arbeitgebern damals, mitnahm, in der vormaligen „Hindenburg-Kaserne“ eingerichtet: Ich durfte »Schokoladen-Hütchen« naschen; dann dragierte Erdnüsse, Pfirsiche und Ananas in Dosen, die mein Vater einpackte und die dann zuhause im Apfel aufgetischt wurden …

Ich erinnere mich an einen Sonntagnachmittag, als mich mein Vater zur „Hengstparade“ in das Ansbacher Gestüt mitnahm; an mächtige braune und schwarze Pferde, die zu schmissiger Musik im Kreis trabten oder vor eleganten Gespannen von Männern mit Zylinderhüten gelenkt wurden …

Ich erinnere mich an eine Boxveranstaltung im Freien, auf einem Hügel bei Ansbach – ebenfalls an einem Sonntagnachmittag – wo sich Männer vor einem lauten Publikum in einem Boxring mit Fäusten traktierten; mein Vater schwärmte da von einem deutschen Boxmeister namens Neusel, den er beim „Barras“ kennengelernt hatte …

Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal das Gefühl der Angst um einen geliebten Menschen erlebte: am letzten Heiligabend im „Apfel“; als meine Mutter sich an einer Karpfengräte verschluckte, endlose Augenblicke würgen musste, hustete, nach Luft rang, Tränen versprühte, vom Vater „geschlagen“ wurde – auf den Rücken – bis die Großmutter Hilfe brachte …

Ich erinnere mich an die kleine Küche, in der das Weihnachtsmahl und die Tragödie für mich damals stattfand: mit einer schrägen, weißgestrichenen Falltür zum Keller, aus dem dann Großmutter mit einem Topf Sauerkraut nach oben kam …

Ich erinnere mich, wie das half – und meine Angst verschwand …

Ich erinnere mich, dass es am nächsten Tag Hühnersuppe mit Nudeln und Fleisch gab; Onkel Josef und Tante Gretel waren auch da, sie schenkten mir eine Spielzeugpistole mit Gummipfeilen, mit einer Zielscheibe, auf welcher der Kopf eines Indianerhäuptlings mit imposantem Federschmuck aufgedruckt war …

Ich erinnere mich, dass ich den von meinem Opa angefertigten „Bauerhof“ geschenkt bekam; Kuh, Pferd, Schafe, Schweine und Hühner aus Gips hatte er auch dazu beigesteuert …

Ich erinnere mich, wie ich einige Tage später in einen Lastwagen gesetzt wurde, vorne neben meinen Onkel Sepp, der den Wagen steuerte – und wir Ansbach und den „Goldenen Apfel“, die Stätten meiner ersten Erinnerungen, verließen …

Ich erinnere mich nicht, wie ich angeblich von Wanzen zerstochen wurde, die über ausgeschüttelte Betten der Nachbarn auf unsere zum Trocknen aufgehängte Wäsche kamen …

Ich erinnere mich natürlich nicht, dass ich als Einjähriger von »Amis« mit Schokolade vollgestopft wurde und meine Mutter im Anblick der braunen Katastrophe angeblich an anderes dachte …

Ich erinnere mich nicht mehr an »meine Ingrid« wie ich sie angeblich mit rollendem „R“ zu nennen pflegte; das erste Kindermädchen, das sich zeitweilig um mich kümmern musste, wenn Eltern und Großeltern mit Gasthaus und anderer Arbeit zu beschäftigt waren …

Ich erinnere mich, wie wir dann am vorletzten Tag des Jahres 1952 in Pegnitz im „Goldenen Stern“ ankamen. Der Ort, der dann zu meiner künftigen und einer echten Heimat werden sollte.
Der Tag – wie das Haus – alles erschien grau und düster und so gar nicht einnehmend.
Weil ich meine erste Heimat verloren hatte?
Als ein Riesenhaus erschien mir dieses neue Domizil mit unendlich vielen Kammern und vielen unbekannten Leuten darin. Die Gaststube war finster und schmucklos – wie die in Ansbach im „Apfel“. Das Nebenzimmer – der sogenannte Saal – glich eher einem Stall. Und unter dem Dach wohnten noch fremde Menschen, die eigentlich ihre Wohnungen schon längst für den neuen Pächter, für unsere Familie hätten räumen sollen.
Um das Haus und auf dem ganzen riesig erscheinenden Grundstück schmutzige, abtauende Schneehaufen. Und kalt war es, wie ich mich erinnere.

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1 Antwort zu Meine Welt von Gestern – 2

  1. Joachim Volkmann sagt:

    Na dann: herzlichen Glückwunsch und ad multos annos!

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