Kitsch in Politik und Gesellschaft

„Kitsch ist eigentlich leicht zu erkennen,
denn er hat immer etwas mit Verlogenheit zu tun.“ 
M.Stanzer

 

 

Vor einem Jahr veröffentlichte Alexander Grau – promovierter Philosoph und Wirtschafts- und Kultur-Journalist u.a. bei Cicero – sein Buch „Politischer Kitsch –  Eine deutsche Spezialität“. 
Im Feuilleton der jüngsten Ausgaben der Neuen Zürcher Zeitung findet man gleich zwei Beiträge zu diesem Thema: „Der Kitsch der schönen alten Ordnung kann nicht die Antwort sein auf die unübersichtliche Gegenwart“ von Philipp Tingler; und von Alexander Grau selbst: „Wenn die Welt nur noch in Gut und Böse eingeteilt wird, schlägt die Stunde des politischen Kitsches“.

In dem Zeitschriftenbeitrag bei der NZZ geht A. Grau auf das ein, was man verkürzt im Klappentext seines Buches findet:

„Der politische Kitsch hat Hochkonjunktur – in allen politischen Lagern: Betroffenheitsrhetorik, Mahnwachen, Solidaritätsbekundungen – alles im Namen von Buntheit, Menschlichkeit oder Anständigkeit. Sentimentale Worthülsen, penetrante Gefühligkeit, Verklärung des Gestern und infantile Inszenierungen bestimmen den öffentlichen Diskurs. Die gesellschaftlichen Debatten sind geprägt von aggressiver Rührseligkeit und peinlichen Politritualen. Leerformeln scheinen das bevorzugte Sprachspiel in deutschen Landen.“

 

Kitsch – Definition

Diese Benennung war offenbar Ende des vergangenen Jahrhunderts erstmals im Münchener Kunsthandel aufgetaucht und wurde von Anfang an abwertend – im Gegensatz zur echten Kunst – verwendet. Kitsch als „Antipode von Kunst“, als „misslungener Nachgeborener, der aber dennoch glänzend zu verkaufen ist“.
„Kitsch transportiert Gefühle, er ist deshalb nicht formalästhetisch zu beschreiben, sondern bestimmt sich vom Betrachter bzw. Benutzer her.“

Natürlich hat sich auch Adorno mit Kitsch auseinandergesetzt. Ihm erscheint Kitsch als „Verkennung ästhetischer Sinnzusammenhänge“ und „als verwesendes Ornament“ … „als der unverfälschte Ausdruck des Verfalls aller Kultur zur Massenkultur in der Moderne“ Möglicherweise hatte der Marxist Adorno damit die „Massenkultur“ des Dritten Reiches im Sinn. Oder intendierte er auch auf das Machtgepränge der Sowjetunion und Rotchinas? Alles Produkte der Moderne.

Der Straßburger Kybernetiker Abraham Moles (Psychologie des Kitsches. Carl Hanser Verlag, 1971) leitet den Begriff vom jiddischen „verkitschen“ ab, was so viel bedeutet wie jemandem etwas andrehen, was der nicht braucht. Kitsch ist durch Fehlen eines Stils und durch „fröhliche Mittelmäßigkeit gekennzeichnet, die in allen Gesellschaften des Überflusses allgegenwärtig geworden ist, so dass dem nichts entgeht.“

Laut Brockhaus (B. Enzyklopädie 1976) wird der kitschige Gegenstand weniger von mangelndem technischen Können konstituiert als von den ihm gegebenen sentimentalen Stimmungs-Derivaten. Ihnen entspricht eine Disposition zu sentimentalem Selbstgenuß. Kitsch ist Ausdruck eines „Trivialrealismus“ und „kalkulierte Gefühlsverlogenheit“.


Kitsch als Phänomen der Masse für die Massen

Dass Kitsch ein Massenphänomen ist, wird aus den obigen Definitionen klar.
Schweifen wir nur ganz kurz ab zu den massenhaft produzierten „Kunst-“ bzw. Kitsch-Objekten, vom „röhrenden Hirsch“ im Ambiente von „Gelsenkirchner Barock“ bis zu den Zwergen und Nippesfiguren nicht nur im Vorgarten.

Das Religiöse bedarf anscheinend besonders der Verkitschung jedweden Bezugs.
Ich hatte 1976 das „Vergnügen“, als ärztlicher Betreuer an einer Soldatenwallfahrt nach Lourdes teilzunehmen. Wer schon einmal dort war kann meiner Behauptung kaum widersprechen, dass es sich um die Welthauptstadt religiösen Kitsches handelt (die Erfahrungen mit Wallfahrtsorten anderer Konfessionen – z.B.Mekka – gehen mir jedoch ab). Wer einmal die Devotionalien-Läden der „Rue de la Grotte“ erlebt hat, dann das sich zur hysterischen Massenpsychose sich steigernde Prozessionsritual mit den gefühlsbesoffenen Mariengesängen (es tut mir als Katholik leid, das so zu formulieren), weiß fortan, was Kitsch ist.

Die Massenaufmärsche der Nazis, die Reichsparteitage mit den „Lichtdomen“ (auch bei den Olympischen Spielen 1936), mit all den gleißenden Attributen – Aufmärsche, Uniformen, Fahnen, Standarten und architektonische Gigantomanie usw.: Kitsch par excellence!

Wer politische Großkundgebungen im neuen Deutschland besucht hat – vom „politischen Aschermittwoch“ bis hin zur Mai-Kundgebung – hat erfahren, wie Politik Kitsch produziert und verbreitet. Sei es der Einzug des bayerischen „Archonten“ unter den Klängen des Defiliermarsches oder das Absingen von „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ bei der Maikundgebung.
Honorige Politiker wie Willy Brandt waren nicht frei davon, bei Massenauftritten verbalen, politischen Kitsch zu verbreiten: „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“. Oder wie Kohl, wenn er von „blühenden Landschaften“ sprach.
Brandts „symbolischer“ Kniefall von Warschau wird von nicht wenigen kritischen Zeitgenossen in „politischen Kitsch“ eingereiht.


Kalkulierte Gefühlsverlogenheiten?

Mit ihren pompösen Auftritten wollten die Nazis Riten schaffen, die einem archaischen Bedürfnis der Menschen nach konformer Assimilation entsprachen. Dabei wurden – wie auch heute – bewusst Versatzstücke vordemokratischer Prachtentfaltung übernommen.
Aber das kann man an jeder Parade zum 14. Juli in Paris erkennen, an den jährlichen Macht- und Siegesparaden am Roten Platz in Moskau oder bei den militärischen Ritualen in den Vereinigten Staaten. Politischer Kitsch ist nicht nur ein deutsches Phänomen.

„Kitsch ist Lüge! Kitsch will betrügen!“

 

Politisch-moralischer Kitsch

Alexander Grau weist u.a. auf Umberto Eco hin: 

„Dass Kitsch als kulturelles Phänomen ein Produkt der Massenkonsumgesellschaft ist, die Michelangelos «David» millionenfach in die Souvenirshops schwemmt und süssliche Schlager in der Endlosschleife durch den Äther jagt. Ähnlich wie der ästhetische Kitsch funktioniert der moralische. Er macht moralische Normen massentauglich und vor allem massenkonsumierbar.“

Für Grau ist der derzeitige politisch-moralische Kitsch eine Art der Überkompensation. In seinem Buch „Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung“ (München 2017) hat er die Grundlagen dieses Phänomens beschrieben: „Moral ist unsere Religion. Und der Hypermoralismus ihre Theologie“. Nach seiner Auffassung hat Deutschland aufgrund seiner protestantischen und romantischen Tradition eine besondere Affinität zum Kitsch, zum Sentimentalen und Gefühligen. 

Er meint „… politischer Kitsch ist nicht einfach nur eine besonders emotionale oder rührselige Art politischer Kommunikation. Kitschphrasen von der Sorte «Menschlichkeit kennt keine Grenzen» sind mehr. Sie sind Ausdruck eines Denkens, das selber kitschig geworden ist. Emotionen und Rührseligkeiten sind hier nicht länger Posen des politischen Handelns, sondern strukturieren das politische Denken selbst. Das ist ein wesentlicher Unterschied.“

Es kann nicht anders sein, dass theologisch infiltrierte Zeitgenossen die Hitparade von Kitschphrasen und Kitsch-Erzeugung anführen. Man denke nur an das Thema „Seenotrettung“, wie hier Rationalität und Vernunft zugunsten von moralisierender Phraseologie – nicht nur von Bischöfen – aufgegeben werden.

Nicht verwunderlich, dass die vormalige Theologie-Studierende Kathrin Göring-Eckardt im besonderen Maß zu Kitsch-Phrasen neigt. Z.B:

„Wir kriegen jetzt plötzlich Menschen geschenkt“

Die Flüchtlingsproblematik regt augenscheinlich besonders dazu an:

 „Was die Flüchtlinge uns bringen, ist wertvoller als Gold“. (Martin Schulz, SPD)

„Wenn 500 Millionen Europäer keine fünf Millionen oder mehr verzweifelte Flüchtlinge aufnehmen können, dann schließen wir am besten den Laden ›Europa‹ wegen moralischer Insolvenz.“ (Norbert Blüm, CDU)

«Diese Menschen mit ihrer vielfältigen Kultur, ihrer Herzlichkeit und ihrer Lebensfreude sind eine Bereicherung für uns alle.»  (Maria Böhmer, CDU)

Das Thema Natur und Umweltschutz – „Erhaltung der Welt“ – bietet gleichwohl die Basis für schwülstige und kitschige Rhetorik. Und besonders die Grünen zeichnen Züge der Realitätsverweigerung, starke kollektive Emotionalisierung oder Verklärung der Natur aus.

Einmal mehr KGE:

„Wir wollen, dass in den nächsten vier Jahren jede Biene und jeder Schmetterling und jeder Vogel in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!“

„Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ (Anton Hofreiter, die Grünen)

„Wer atomaren Wind sät, wird bürgerrechtlichen Sturm ernten.“ (Claudia Roth, die Grünen) 

Das sind einige wenige Beispiele für Betroffenheitsrhetorik, entstanden aus der Absicht, jegliche Ratio beim Empfänger zu unterdrücken. 

Es geht aber auch subtiler. Der deutsche Gegenwarts-“Philosoph“ Richard David Precht plädiert dafür, im Schulunterricht nicht mehr Johann Wolfgang Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ zu lesen, da er dieses Werk für „verlogene Sozialromantik“, mithin für Kitsch halte.
Und dabei produziert er in seinen Romanen und Schriften zu Philosophie und Politik selbst ausgemachten Kitsch.
Mit wenig tiefschürfendem, philosophischen Kitsch bekommt so einer regelmäßig einen Platz in meinungsmanipulierenden Sendeformaten des ÖRR. Wie auch mit wissenschaftlichem Kitsch, wie ihn ein Harald Lesch oder Ranga Yogeshwar im „Bildungs-Fernsehen“ ausbreiten dürfen.

Wir wissen, dass Politik (immer) an Gefühle appelliert, appellieren muss, um erfolgreich zu sein. Kitsch in der Politik ist unvermeidbar. Mit rein rationalen Argumenten und kühler Sachlichkeit ist kein Wahlkampf zu gewinnen. Politiker, Parteien und Wahlkampfstrategen zielen daher nicht auf den Kopf, sondern vor allem auf den Bauch der Wähler.

Wir haben uns auch daran gewöhnt, dass mit Mahnwachen, Lichterketten, „Love Parades“, aller Arten von Solidaritätsbekundungen für Minderheiten – Schwule, Lesben, Schwarze usw. – einschließlich Hüpfen-für-das-Klima-Demos lenkende Stimmung erzeugt wird. Dies alles geschieht, um „Zeichen zu setzen“ oder „Gesicht zu zeigen“, „Wut und Trauer“ zu artikulieren.
Was wurde bei den Ostermärschen, den Protesten „gegen den Atomtod“, den Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss im Hofgarten von Bonn 1981, gegen den Golfkrieg 1991 und den Irakkrieg 2003 nicht alles an emotionalem Kitsch verbreitet. Die Menschenkette 2010 zwischen den AKWs Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel mit rund 120.000 Atomkraftgegnern ist ebenso ein Beispiel für Massenkitsch. Nicht zu vergessen die Lichterketten und zahllosen sogenannten Mahnwachen im Rahmen des „Aufstand der Anständigen“ (Gerhard Schröder) von 2000 bis heute mit deren peinlicher Kitschsymbolik.

Dazu passend dieses Zitat von A. Grau:

„Der absolute Kitsch lebt vom Pathos des kritischen Bewusstseins, dessen Karikatur er ist.“

Das kitschige Bewusstsein bei den Politikern – und wenn erfolgreich auf die Massen übertragen – führt zwangsläufig zu Realitätsflucht, Selbstbezogenheit und banaler Gefühlsduselei.
So wird denn der politische Kitsch zur Gefahr für die demokratische Gesellschaftsordnung, für unsere Kultur.
Umso wichtiger ist es, Kitsch jeglicher Art zu erkennen, um nicht nur „im Ästhetischen“ fehlgeleitet zu werden.

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1 Antwort zu Kitsch in Politik und Gesellschaft

  1. Peter Helmes sagt:

    Wenn es wirklich so etwas wie „saubere Luft“ im politischen Diskurs gibt, dann ist dieser Beitrag unverzichtbar zum Säubern der Luft und zum Wegblasen von Nebelschwaden und Sprachkitsch. Danke, altmod!

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