Erntedank

Das kleine Kirchlein ist brechend voll, besetzt bis auf den letzten Platz, einige Männer drücken sich an die Wand oder stehen auf der Treppe zur Empore. Man feiert ein Hochamt zum Erntedanksonntag hier in einem Dorf in Südtirol. Der Altarraum ist festlich ausgeschmückt mit einer Erntekrone, in Körben liegen Erntegaben, von den Kindern mitgebracht und jetzt gefällig drapiert.
Wie wird wohl Erntedank heute in meiner Ortsgemeinde im Hessischen gefeiert?
In den heimischen deutschen Breiten ist man einen solchen Kirchenbesuch wie hier gar nicht mehr gewohnt. Hier in den Bergen scheinen Frömmigkeit und Gottglaube scheinbar noch tief verwurzelt.
Und Dankbarkeit!
Der Pfarrer weist in der Predigt auf den Mangel an Besinnung hin, der in den Gesellschaften herrscht. Hat das damit zu tun, dass die Mehrzahl der Menschen in Städten wohnt, keinen Bezug mehr zu dem haben, was die Schöpfung uns gibt – was Schöpfung bedeutet?
Wer durchdenkt noch das Wunder vom Weizenkorn, das hundertfache Frucht tragen kann? Dass das zwar Gottgegebenes ist, aber auch Mühe und Hege erfordert, damit es dem Menschen zum Lebensmittel im wirklichen Sinn des Wortes wird.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Südtiroler Bauern, dessen Hof am Fuß des Schlerns gelegen ist. Er hat vor Jahren seine Landwirtschaft auf reine Milchwirtschaft umgestellt, der Ackerbau rentiert sich in dieser Lage nicht mehr. Er erzählte mir von seinem Vater, der hier an den Steilhängen im Gebirge noch Getreide anbaute. Nach jedem Sturm oder heftigem Regen, wenn die Ähren den Hang hinabgespült wurden, hat er eigenhändig die gekeimte Aussaat wieder nach oben getragen und neu eingepflanzt, berichtet er.
»Ich bin froh, dass mein Vater die Entwicklung heute nicht mehr erleben musste«, sagte er zu mir, »was hätte er gesagt, wie hätte er es verkraftet, dass man das Getreide für unser Brot jetzt dazu verwendet, um Biodiesel oder Sprit zu erzeugen, um damit Auto zu fahren.«
Soweit ist es gekommen: In derartigem Überfluss leben wir, dass wir die Ursprünge unserer Nahrung schon im wahrsten Sinn des Wortes «verheizen« können!?
Ketzerische Gedanken zum »Erntedank«?

Überwiegend in der evangelischen Kirche singt man zum Erntedankfest dieses bekannte Lied von Matthias Claudius:

Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft,
wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Refr.: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt und hofft auf ihn.

Im Katholischen gehört dieses Lied nicht zum üblichen Kanon der Dankeslieder. Die Dorfgemeinde in Vöran in Südtirol sang denn zum Schluss unser entschiedendstes Dankeslied an Gott: »Großer Gott wir loben Dich!«

Trotz, wegen – oder für die verwirrte Menschheit!

 

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Ein Kommentar zu Erntedank

  1. Wenn ich mich recht erinnere, war es so um das Jahr 2000 rum. Da prozessierte ein Bauer gegen den bayer. Staat, dass er sein Getreide zum Heizen verwenden darf. Er verlor den Prozess. Heute wird das Verheizen staatlich gefördert. So änderten sich die Zeiten. Merkel und Co. sei Dank.
    Städte und verstädterte Menschen sind ein großes Problem. Sie haben tatsächlich den Bezug zur Natur verloren. Die größten Spinner in Sachen „Naturschutz“ etc. wohnen in Städten, in Betonwüsten (die wollen auch gar nicht aufs Land) und wollen der Landbevölkerung vorschreiben, wie sie mit ihrem Lebensraum umzugehen haben.

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