Unverbrüchlich im Laberland

Die Universität Frankfurt feiert ihre 68er

Als ein „Studierter“ interessiert man sich schon dafür, was sich noch so tut an der „Alma Mater“. Meine „alte Uni“ Würzburg bietet mit „Blick“ oder mit dem Online-Magazin „Einblick“ ansprechende Informationen auch für mich „Ehemaligen“. Das Thema „68er“ hat aber dort augenscheinlich keinen so hohen Stellenwert, wie in der Nachbarschaft. Nun ist mir einmal mehr ein Heft „Forschung Frankfurt“ das sog. „Wissenschaftsmagazin der Goethe Universität“* unter die Finger gekommen: Im Heft 1.2018 beschäftigt man sich ausschließlich mit den „68ern“.

Quelle Screenshot

Ich habe mir nun die Mühe gemacht das ganze Heft durchzuarbeiten, wenngleich bei der Lektüre immer wieder eine Art Brechreiz bei mir hochkam.

Die Aufmacher bzw. Themenbereiche der Zeitschrift lauten:

1. Mit Marx in den Hörsaal – Was 1968 an der Goethe-Uni geschah
2. Das Private ist politisch – Herrschaft in den Kapillaren des Alltäglichen – damals und heute
3. Vom Weiberrat zur Professur – Die neue Frauenbewegung
4. Der Sound der Revolution – Rebellion und
nstitutionalisierung von Rockmusik
5. Politik des Bewusstseins – LSD und andere Drogen
6. 1968 MEETS 2018 – KD Wolff im Gespräch mit heutigen Studenten

Erwähnt werden darf noch der redaktionelle Plot „Zeitzeugen erinnern sich“.

Diese obigen Punkte sind die Stichworte für 20 Beiträge von „Wissenschaftlern“ – alten wie neuen – der Uni Frankfurt und dazu dürfen 5 „Zeitzeugen“ zu Wort kommen.
Unter den Autoren dieser 20 Artikel ist kein einziger Naturwissenschaftler oder Mediziner zu finden, abgesehen von einem gescheiterten Physiker, der dann in den „Erziehungswissenschaften“ wieder in Frankfurt strandete.
Unter den Zeitzeugen läßt man dann doch einen Physiker und einen zum Mediziner gewendeten ehemaligen Jura-Studenten zu Wort kommen.

Die Hauptartikel werden unter „Auf den Punkt gebracht“ jeweils mit Schlagworten zusammenfassend ausgewiesen, aus denen man einige Metaphern des fortlebenden Geistes aus 68 extrahieren kann.

Hier einige Auszüge: 

  • Zu 1968 in Frankfurt gehört die Entdeckung der faschismus- und kapitalismuskritischen Arbeiten des Instituts für Sozialforschung in einer von revolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und Protestbewegungen in den Metropolen geprägten Gegenwart.
  • Demonstrationen und Besetzungen machten neue Erfahrungen möglich: Straßen und Plätze wurden zu öffentlichen Räumen für politische Partizipation, universitäre Einrichtungen ermöglichten Experimente mit selbst bestimmtem studentischen Lernen und Diskutieren.
  • Von den vielen damals kursierenden Slogans hat sich angesichts des Zerfalls der Protestbewegung und der Zerstreuung der zur »Frankfurter Schule« gerechneten Personen einer bewährt: Nicht Berufsrevolutionär kann das Ziel sein, sondern Revolutionär im Beruf.

Die Verfasser der einführenden Kapitel sind nach ihren Biografien und ihren Niederschriften den 68ern – hier speziell der „Frankfurter Schule“ – durchaus verhaftet gebliebene Soziologen, Philosophen oder Historiker. Die „Lehrer“ Horkheimer, Adorno und Habermas werden dabei als Ikonen für den gesellschaftlichen Fortschritt herausgeputzt.

Zur 68er Legendenbildung gehören Personen, bzw. ein Personenkult, wie bei den „revolutionären“ Vorbildern Mao, Ho Tschi Minh, Fidel Castro usw.
Unter der Überschrift „Die Welt in Bewegung“ führt man denn aus:
„Nationale Akteure als transnationale Ikonen eines globalen Phänomens“.

  • Die Protagonisten der 68er-Bewegung wirkten in einem grenzüberschreitenden Netzwerk zusammen. Daniel Cohn-Bendit, Tariq Ali und Rudi Dutschke teilten die Erfahrung der erzwungenen Migration.
  • Von Nationalkonservativen gehasst und bekämpft, wurden die Aktivisten und ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen verunglimpft, ihre Forderungen und Kritikpunkte jedoch von Intellektuellen und einigen Leitmedien durchaus ernstgenommen und öffentlich diskutiert.

Z.B. Daniel Cohn-Bendit, der sich 1968 mit nichts anderem als einem „revolutionären“ Background anmaßte, für das Amt des Rektors der Universität Glasgow zu kandidieren; der pädophile, kommunistische Wegbereiter der Grünen-Bewegung.
Bei allen Dreien spricht der Verfasser von einer „erzwungenen Migration“. Eine Behauptung, die bei sachlicher Betrachtung unpassend wenn nicht falsch ist, aber natürlich passend als Vorbilder und für Zeiten von neuer „erzwungener Migration“.

Bezüglich des kulturellen Einflusses der Frankfurter 68er – auch unter dem Aspekt von „Rock- und Popkultur“ fällt das Resümee der zuständigen Verfasser eher bescheiden aus.
„Ist 68 schuld an Frankfurts verheerender Poplosigkeit?“ fragt ein Autor:

  • In Frankfurt stagniert seit 1968 die popkulturelle Entwicklung, weil die allmählich zum kulturellen Establishment aufsteigende linke Sponti-Fraktion ihren liebgewonnenen Protest-Sound gewissermaßen institutionalisiert

und

  • Das Frankfurter Studierendenhaus** auf dem Campus Bockenheim entwickelte sich in den 1960er Jahren vom Quartier einer literarisch-ästhetischen Alternative zum Schauplatz der politischen Revolte.
  • Die hier ansässigen kulturellen Initiativen »neue bühne«, »diskus«, »studiogalerie« haben zu dieser Entwicklung beigetragen, indem sie die etablierte Ordnung durch neue kulturelle Ideale und Formen von Gegenöffentlichkeit infrage stellten.

Erstaunlich ist, dass sich nur ein Artikel der Lobschrift mit „Gedöns“ (Gerhard Schröder) beschäftigt. Nun ja, ist doch Frankfurt inzwischen ein ausgewiesener Hort für gescheiterte  „Excellence Cluster“ – nicht nur in Genderismus und assoziierten Müllwissenschaften.

  • Mit der Parole »Das Private ist politisch« forderten Frauen auf der Delegiertenkonferenz des SDS 1968 in Frankfurt, ihre Geschlechtsgenossinnen für den politischen Kampf zu gewinnen. Die Ignoranz der Genossen provozierte den »Frankfurter Tomatenwurf«.
  • Aus dem Autonomiegedanken der 68er Bewegung entstand eine eigene Kultur mit vielfältigen Angeboten für Frauen. Sie bildeten auch die Basis für die Einrichtung der ersten Frauenprofessur Deutschlands 1987 an der Goethe-Universität.

 

Man muss bei der Wertung dieser Festschrift für 68 zugestehen, dass es sich nicht um eine ausschließliche Apologie handelt, es kommt durchaus Kritisches zur Sprache, eher von Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern ausgeführt. All die Soziologen, Pädagogen, Psychologen, Kunstvermittler und -Vermittlerinnen und Philologen können ihre Arretierung oder Sympathie für die „68er-Bewegung“ nicht verhehlen. Auch wenn „die Verbreitung von antibürgerlichen, antiwestlichen, antikapitalistischen Tendenzen und eine vermeintlich allgegenwärtige politische Korrektheit an deutschen Universitäten oder der massive Widerstand gegen Studiengebühren vonseiten links gerichteter Studierender“ von einem Autor gebrandmarkt werden. 

Die Sprache der 68er hat aber bei allem Geschmäcklerischen, wohl dann doch für den analysierenden Philologen etwas Gutes, denn:

  • Mit Parolen wie »Demokratie im Notstand« traten sie einer Rückkehr des Faschismus entgegen.

 

Mit dieser „Parole“ und mit „Das Private ist politisch!“ wird ersichtlich, dass man aus einer Phrase ein Programm machen kann, das „in die Kapillaren der Alltäglichen“ einzudringen vermag. Vor allem die „Frauenbewegung“ reklamiert diesen 68er Spruch als Kondensat ihrer Betrachtungen im Sinne der „Politik der ersten Person“.

Vefolgt man die Entwicklung der geisteswissenschaftlichen Felder kann man hier inzwischen durchaus von einer „normativen Kraft des Phraseologischen“ sprechen:

  • 68 ging es bei den Diskussionen und Analysen um die »Weltherrschaft des Kapitals« und den Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus immer zugleich um die Manifestationen von Herrschaft und Unterdrückung in den Kapillaren des Alltäglichen.
  • Dabei konnte man auf die (ältere) Kritische Theorie zurückgreifen, die stets ein Augenmerk auf die Analyse von Alltagsroutinen gelegt und diese ideologiekritisch betrachtet hat.
  • Mit der umfangreichen Digitalisierung der kommunikativen Infrastruktur sind heute neue Potenziale der Kommodifizierung persönlicher Daten und privater Kommunikationen entstanden.
  • Eine kritische Theorie des Privaten kann die Paradoxien von scheinbar freiwilligen Entscheidungen, die de facto aber freiheitseinschränkend sein können, gezielt in den Blick nehmen.

 

Von den „Zeitzeugen“ formuliert einer der Naturwissenschaftler, was 1968 Studenten in den heute so genannten MINT-Fächern und Medizinstudenten bewegte.
Im Gegensatz zu der Vielzahl der 1968 aktiven Studenten aus den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, welche sich zu Massen an den „revolutionären“ Universitäten Frankfurt und Berlin tummelten, von dort angezogen wurden, die dann nachfolgend in den sog. Reformuniversitäten von Bremen bis Bielefeld als „Wissenschaftler“ reüssierten und dann in Frankfurt den ein oder anderen Lehrstuhl ergatterten, war “laborare statt labern“ unser Slogan. Wer sein Physik-, Chemie- oder Medizin-Studium nicht nur in der Zeit, überhaupt durchziehen wollte, konnte sich nicht an den Laber- resp. Diskussionsrunden, an „sit-ins“, „teach-ins“, an „Latsch-Demos“ oder anderen „revolutionären“ Aufzügen beteiligen.
1968 hatte ich als Medizinstudent pro Woche 40 und mehr Pflichtstunden im Hörsaal oder im Labor zu absolvieren, dazu dann Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen und der Kurse für die regelmäßigen Testate und Prüfungen. Kommilitonen, die Zahnmedizin studierten, hatten noch mehr Pflichtstunden und -Übungen zu absolvieren, wie auch die Biologen, Chemiker oder Physiker im Diplom-Studiengang.

Das Studium war übrigens keineswegs gebührenfrei: bis 1970 hatte ein Medizinstudent in Bayern noch durchschnittlich 250.- DM pro Semester an Vorlesungs- und Seminar-Gebühren zu entrichten.

 

Was bewegt einen „Studierenden“** an der Frankfurter Uni heute?
Unter der Sub-Überschrift „Bewegte Studenten gestern und heute“ findet man in dem Magazin ein Gespräch, das zwei „Studierende“ der Erziehungswissenschaften mit „KD“ Wolff führen durften. (Hinter KD verbirgt sich mit Namen der damalige SDS-Bundesvorsitzende Karl Dietrich Wolff, einer der „Protagonisten der 68er Bewegung“ wie es hier heißt.)
Ein „Studierender“ namens Dumke fragt den Veteranen aus der 68er Zeit:

„Die Offenheit der Diskurse wird immer mehr auch von rechtspopulistischen Gruppen genutzt. Neonazis geben sich intellektuell und versuchen, die eigene Hetze auch mit der Chiffre der Meinungs freiheit salonfähig zu machen. Ist das ein Kollateralschaden der Diskursoffenheit, oder ist das für Sie eher ein Rückschritt in eine faschistoide Kleinbürgerlichkeit?“

Die Frage ist symptomatisch für den Geist, welchen nicht nur diese Publikation aus dem Schlund der Frankfurter Uni atmet: der Feind ist bürgerlich, konservativ und rechts.

 

Meine Ausdeutung der Frankfurter Festschrift zu 68 mag manchem einseitig und nicht fair erscheinen, nachgerade „unwissenschaftlich“.
Wenn in der Ausführung etwas unwissenschaftlich und mit verklärendem Duktus auftritt, ist dies eine wissenschaftliche Würdigung ohnehin nicht wert – auch wenn „Forschung“ darüber steht.
Der Pressesprecher der Uni Frankfurt Dirk Frank, der diese Schrift mit zu verantworten hat, läßt auch verstehen, dass die Frankfurter Uni „eine dezidiert linke Tradition“ hat; nicht nur!
Mit der Publikation ergötzt man sich an sich selbst und schwelgt in seiner Tradition der Kritischen Theorie und Praxis mit seinen vor- und nachrevolutionären Lichtgestalten wie Adorno, Horkheimer und Habermas.

Da lobe ich mir doch meine feine und kleine, alte Alma Mater in Würzburg mit ihrer naturwissenschaftlichen Tradition; wenngleich inzwischen der nicht enden wollende linke  Zeitgeist bisweilen auch dort seine Urständ feiern darf.

___________________

*     Wen es interessiert, der kann sich hier das Magazin herunterladen.

**   Gemäß der gegenderten Sprache, verwendet kaum einer der der Autoren das Wort Student oder Studentin, außer bei vielleicht als definitiv angesehen Komposita wie Studentenrevolte etc.

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4 Kommentare zu Unverbrüchlich im Laberland

  1. Du musst einen guten Magen haben. Mir wird bei Nachrichtensendungen schon schlecht.

    • altmod sagt:

      Wenn man bei seiner Berufsausübung als Arzt mit den Ausdünstungen der Frankfurter Schule bis in die Medizin hinein zu tun hatte, wird man abgehärtet. Bei Nachrichtensendungen geht es mit nicht anders als Dir und beim Anblick gewisser Politikerinnen muss ich gar das Vomitorium aufsuchen.

  2. Patricia Steinkirchner sagt:

    Nicht nur als Arzt, auch als Lehrerin, speziell als Religionslehrerin, muss man sich mit den Folgen und Spätfolgen von 68 herumschlagen, gerne auch im kirchlichen Bereich. Eine gewisse Abhärtung erfolgt schon, aber manchmal kommt es trotzdem zu den erwähnten „Nebenwirkungen“ …

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