Die unausrottbare Idee des Sozialismus

Am Beispiel von Rainer Mausfeld: „Warum schweigen die Lämmer?“

Das Lamm spricht:
Wer dieses Buch ernst nimmt,
der will, dass ich mich über ihn lustig mache.“
Ewald Gerhard Seeliger

 

Wenn eine Publikation über Wochen in den Top-Ten der SPIEGEL-Bestsellerliste aufscheint, ist das noch kein Beleg für literarische Qualität, für Glaubwürdigkeit oder vielleicht szientifischen Gehalts des Elaborats.
Zumindest gibt das aber Auskunft über das Interesse und die Nachfrage des Druck-Erzeugnisses.

Das Buch des Psychologen und Kognitionsforschers Rainer Mausfeld entstand aus einem Vortrag, den man auf das Jahr 2015 zurückdatieren kann, gehalten an seiner Uni Kiel. Nachdem hoffnungslose linke Aufklärer und Publizisten wie Albrecht Müller (Nachdenkseiten) auf diesen Beitrag gestoßen waren und bereits ein Internet-Aktivist einen Mitschnitt auf Youtube veröffentlicht hatte, begann ein fast beispielloses Advertising für die Spekulationen von Mausfeld. Das zwang ihn wohl schließlich zur Veröffentlichung seiner Thesen in Buchform.

Den Vortrag und damit den zusammengefassten Inhalt des daraus entstandenen Buches kann man hier und hier nachlesen.

Opferlamm

Nach der Lektüre dieses mit plakativem Titel und Cover hergestellten Buches möchte ich mich der Meinung dieses Rezensenten* – aber nicht ausschließlich – anschließen: hier
„ geht es insbesondere um Täuschung und Illusionen, was den Begriff der Demokratie und den Zustand der Gesellschaft angeht.“. Besonders aber jener, in der von einer „klagende(n) Behauptung“ bzw. von einem (linken) „Empörungsbuch“ gesprochen wird.

Was sagt denn der Verlag über sein Buch:

In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Demokratie in einer beispiellosen Weise ausgehöhlt. Demokratie wurde durch die Illusion von Demokratie ersetzt, die freie öffentliche Debatte durch ein Meinungs- und Empörungsmanagement, das Leitideal des mündigen Bürgers durch das des politisch apathischen Konsumenten. Wahlen spielen mittlerweile für grundlegende politische Fragen praktisch keine Rolle mehr. Die wichtigen politischen Fragen werden von politisch-ökonomischen Gruppierungen entschieden, die weder demokratisch legitimiert noch demokratisch rechenschaftspflichtig sind. Die destruktiven ökologischen, sozialen und psychischen Folgen dieser Form der Elitenherrschaft bedrohen immer mehr unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen. Rainer Mausfeld deckt die Systematik dieser Indoktrination auf, zeigt dabei auch ihre historischen Konstanten und macht uns sensibel für die vielfältigen psychologischen Beeinflussungsmethoden.“

Das macht den kritischen Beobachter schon neugierig, ist man denn selbst davon überzeugt, dass etwas faul ist in unserem demokratischen Staat und der Gesellschaft, mit unserer Parteien-Demokratur in den Zeiten der Lückenpresse.

Aber merke, der Untertitel des Buches lautet: „Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören“.

Bereits auf den ersten Seiten wird man mit dieser Aussage konfrontiert: 

„Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberale Wirtschaftsordnung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr. […] Immer mehr Menschen wird es klar, dass diese kannibalische Weltordnung von Menschen gemacht wurde und auch von ihnen gestürzt werden kann.“

So wird Jean Ziegler, ein Schweizer, Sozi und früherer „UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung“ zitiert.

Dieses Zitat wird dem Leser in der Mausfeld-Publikation zur Untermauerung der Kapitalismus-Kritik mehrfach präsentiert, durchaus mit Methode einer ebenfalls „indoktrinierenden Systematik“.
Dem Rezipienten wird fast alles in dem Buch Gebetsmühlen-gleich wieder und wieder um die Ohren gehauen, mit dem Ergebnis, dass bei Lektüre dann irgendwann Langeweile aufkommt.

Man möchte sich schon dem Rezensenten* anschließen, der die Zustimmung Mausfelds zu Jean Zieglers behauptung als „halbseiden“ und „infam“ bewertet: dass nämlich die Wirtschaftsordnung des Neoliberalismus in einem Jahr etwa so viele Menschen umbringe, wie das NS-Regime in sechs Jahren und diese Wirtschaftsordnung als „größten Feind der Demokratie“ ansehe – trotz real existierender Diktaturen in unserer Welt.
Nicht nur ich wird sich beim Lesen des obigen Zitats gefragt haben: was ist mit den 100 Millionen Opfern, welche die Vision der klassenlosen Gesellschaft durch den real existierenden und den angestrebten Sozialismus bisher gefordert hat – und noch fordern wird?

Das passt aber nicht in das Mausfeld-Konzept.

Für Mausfeld ist  Marktwirtschaft (auch die „soziale“)= Liberalismus = Neoliberalismus = Kapitalismus = Faschismus = totalitäre Ideologie.
Sozialismus erscheint bei Mausfeld selbstredend nicht als totalitäre Ideologie.
Der Neoliberalismus steht im Zentrum seiner Kritik, so diffus dieser Begriff eigentlich ist.
Dazu später noch mehr.

Ein Credo von Mausfeld lautet: 

„Neoliberalismus und Faschismus verbindet der Hass auf »1789«, das heißt auf die sozialen und politischen Errungenschaften der Aufklärung. … Beide verbindet ein Sozialdarwinismus mit seiner Glorifizierung der Starken und seiner Verachtung der Schwachen. Beide sind elitär und teilen eine Verachtung des Volkes. Beide verlangen eine Anpassung und vollständige Unterordnung unter eine Fiktion, den freien Markt auf der einen Seite, das ethnisch homogene »Volk« auf der anderen Seite.“

Hass auf 1789?  Wie das denn?
Natürlich, es wird nicht gerne gehört, wenn auch die Scheußlichkeiten der Französischen Revolution aufgezählt werden: die mörderischen Exzessen gegen das Volk und nicht (nur) gegen die Mächtigen und der daraus entstandene mörderische Sozialismus. Mit den sich bald als höhnisch erweisenden „edlen“ Motiven von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Mit einer dieser „politischen Erungenschaften der Aufklärung“ die da lautet: „willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein“.
Ist das „Hass“, dies in die Betrachtung der Französisichen Revolution einzubeziehen?

Nun, folgenden Thesen von Mausfeld kann man auch aus „rechter“ Betrachtung  zustimmen:

  • Die ursprünglichen Definitionen der Begriffe Demokratie und Freiheit sind in einer an George Orwell erinnernden Weise irgendwie verfälscht worden.
  • In ihrer gegenwärtigen Form sei die repräsentative Demokratie zu einer „Wahloligarchie“ verkommen.
  • Die Machtsicherung der neuen Machteliten vollzieht sich in neuen Formen der Transformation der Macht und der Manipulation des Bewusstseins.
  • Eine entscheidende Rolle spielen die Medien. Ihnen kommt eine systemstabilisierende Funktion zu.
  • Unter anderem führt das zu einer Einschränkung des öffentlichen Debattenraums, des in einer Gesellschaft Denk- und Sagbaren.

Auch seine Kritik an der Kriegspolitik des „Westens“ der jüngsten Zeit, mit dem angeblichen Ziel der Durchsetzung und Verbreitung von Demokratie und westlichen Werten – und der damit verbunden Propaganda bzw. Desinformation – ist nicht von der Hand zu weisen.
Man ist geneigt, durchaus auch zu glauben, dass „eine privat finanzierte sogenannte Indoktrinationsindustrie“ einen psychologischen Krieg gegen die Bevölkerung führt. Dass Medien, Stiftungen, Thinktanks und Lobbygruppen mithilfe von Techniken der Soft Power den menschlichen Geist an seiner schwächsten Stelle, dem Unterbewusstsein, manipulieren.

Das alles seien aber Folgen des Neoliberalismus, dem es gelungen sei, „sich als Rahmenerzählung zu etablieren und sich als scheinbar alternativlose Wirklichkeitsdeutung durchzusetzen“.

Was der Neoliberalismus eigentlich sei, darüber bleibt Mausfeld dem Leser Grundsätzliches und Historisches schuldig.
Aber da werden die „Österreichische Schule“, die „Chicago Boys“, liberale Denker und Philosophen wie Ludwig von Mises, Friedrich Hayek, Murray Rothbard und Hans Hermann Hoppe in einen Topf geworden und als Schuldige identifiziert. Sie seien als „Hausphilosophen der Reichen und Großkonzerne“ anzusehen, und welche die „systematische Verrechtlichung der organisierten Kriminalität der besitzenden Klasse“ betrieben haben.

Der Neoliberalismus (im Sinne von Mausfeld) wird ausschließlich mit negativer Konnotation belegt, ohne eine haltbare Definition des Begriffes geliefert zu haben. Neoliberalismus ist einfach Kapitalismus, ist Ursache aller Übel der Gegenwart. Darum wird jede liberale oder libertäre Auffassung von „Markt“ von Mausfeld durchgehend desavouiert. 

Vortrag und Buch vom „Schweigen der Lämmer“ sind durchsetzt mit linken Phrasen, Kampfbegriffen und Worthülsen, von denen man glaubt, sie seien unter den Erfahrungen des real existierenden Sozialismus eigentlich obsolet geworden.

Für die Bewertung einer Publikation mit aufklärerischem Anspruch ist von Bedeutung: wer wird zitiert, welche Quellen werden verwendet, wer wird als Zeuge und Autorität angeführt; aber auch, wessen Erwähnung trotz grundlegender Relevanz für das Thema  unterbleibt.
In seiner Demokratie- und Medienkritik greift Mausfeld überwiegend auf Noam Chomsky zurück. Wer Chomsky gelesen hat, braucht Mausfeld nicht auch noch zu lesen, wenn man sich denn über das gemeinsame Thema empören möchte.

Aufgrund seiner Rezeption kann vermutet werden, das Mausfeld keines der Werke von Friedrich Hayek und von Ludwig von Mises gelesen hat. Es besteht der Verdacht,  dass er sich aus Sekundärquellen passende, und ganz gewiss aus dem Zusammenhang gerissene Zitate ausgesucht hat.
Man möchte meinen, wer ein angeblich wissenschaftlich unterfüttertes Traktat über die Demokratie vorlegt, dazu angefüllt mit durchaus antiamerikanischen Ressentiments, würde im Diskurs auch auf Alexis de Tocqueville eingehen, wird enttäuscht. Aristokratische Liberalität und vorausschauende Demokratiekritik passen wohl nicht auf die Diskussionsfolie des linken Kognitionsforschers. Obschon und gerade weil Tocqueville der Erste war, der schlüssig dargelegt hat, dass und wie Demokratie in ein totalitäres System einmünden kann.
Bei einem gründlichen Gedankenaustausch über die repräsentative Demokratie hätte ich auch einen Rekurs auf Karl Popper erwartet, gerade wenn man die „Lippmann-Dewey-Kontroverse“ ins Zentrum seiner Demokratie-Präferenzen rücken möchte – sprich, zum Thema „Wer soll herrschen?
Karl Popper***:

Wenn man die Frage »Wer soll herrschen?« als grundlegend annimmt, dann gibt es offenbar nur eine vernünftige Antwort: nicht die Unwissenden, sondern die Wissenden, die Weisen; nicht der Mob, sondern die wenigen Besten. Das ist Platons Theorie der Herrschaft der Besten – der Aristokratie.

Es ist merkwürdig, daß die großen Gegner dieser platonischen Theorie – die großen Theoretiker der Demokratie, wie zum Beispiel Rousseau – die Fragestellung Platons akzeptierten, statt sie als unzulänglich abzulehnen. Denn es ist ja klar, daß die grundlegende Frage der Staatstheorie eine ganz andere ist, als Platon annahm. Sie ist nicht »Wer soll herrschen?« oder »Wer soll die Macht haben?«, sondern »Wieviel Macht soll der Regierung eingeräumt werden?« oder vielleicht noch genauer: »Wie können wir unsere politischen Einrichtungen so ausbauen, daß auch unfähige und unredliche Machthaber keinen großen Schaden anrichten können?«

 

Darauf gibt Mausfeld keine Antwort.
Der kritische Rezensent* meint, Mausfeld habe sich nicht die Arbeit gemacht, Alternativen zur repräsentativen Demokratie auszuarbeiten oder funktionierende frühere Versuche demokratischer Verfahren anzuführen: „Er hat ein Empörungsbuch geschrieben“.
Ja und nein sage ich: der Sozialismus ist die offensichtliche Lösung bei Mausfeld die LKösung für die Krise der Demokratie. Und das halte ich für mehr als nur eine Unterstellung, wie mir jeder kritische Leser zustimmen wird.

Der Neoliberalismus – nochmal: Ich stehe nicht ein für diesen Begriff – ist nach Mausfeld auch der nicht nur historisch nachfolgende Verantwortliche für den Kolonialismus, für die Armut hier und in der Welt. Und so teilt er mit, dass auch die „schweigenden Lämmer“ mitverantwortlich seien für das würdelose Dasein junger Afrikaner und an der „neokolonialistischen Ausnutzung der Arbeitskraft und der Ressourcen diesen reichen Kontinents“**.

Mausfeld will implizit die Botschaft vermitteln: „das Bewußtsein muss gestärkt werden, dass jeder Einzelne zu einer gerechten Welt beitragen kann, zu einer Welt ohne Hunger und mit guten Entwicklungsmöglichkeiten für nachfolgende Generationen“**.

Wohl auch ein Opfer des Neoliberalismus. Opferlamm und Opfer – wie sich die Bilder ähneln

Aber eine Welt ohne Ungleichheit, ohne Hunger, ohne Armut ist illusionär, so bitter diese Botschaft für die gegenwärtigen Gutmenschen und das Publikum erscheint, an welche sich Mausfeld offensichtlich wendet.
Um Utopien wahr werden zu lassen, bedurfte es immer einer derart harten Hand, dass sie kaum aufscheinend, zur Anti-Utopie wurden. Der Weg in die Hölle ist mit himmlischen Versprechungen gepflastert.****

Zu den von Mausfeld gewählten Zusammenhängen sei deshalb nochmals Alexander Kissler**** zitiert:

„Es gibt tatsächlich einen Reichtum, der zum Himmel stinkt, und eine Armut, die ein entsetzliches Unrecht ist. Darum ist die Nachricht, dass seit 1990 die Zahl der Menschen in extremer Armut um etwa 1,4 Milliarden insgesamt fiel, wunderbar.“

Trotz – oder wegen – des „Neoliberalismus“, vulgo Kapitalismus.

Zum Schluß.

Der bereits zitierte Kritiker* hat Mausfeld auch vorgeworfen, von seinem Fachgebiet her,  da Psychologe oder Kognitionsforscher, fehle ihm die Kompetenz, sich über politische Themen zu äußern, er werde wohl nur wegen seines Professorentitels als Autorität dazu wahrgenommen.
Ich meine, jeder darf sich über politische Themen äußern. Aber wenn er das tut – wie ich auch, muss er sich einer sachlichen oder auch mal provozierenden Kritik und Gegenrede stellen.

Nach der Lektüre des Buches kam mir folgender Aphorismus von Davila in den Sinn:

„Die Tragödie der Linken? Die Krankheit richtig diagnostizieren, aber mit ihrer Therapie verschlimmern.“

_______________________

* Bodo Morshäuser auf Deutschlandradio Kultur (leider nicht mehr abrufbar)

** Entwicklungshilfe-Minister Gerd Müller (CSU).

*** Karl Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt“, Piper GmbH 1984

**** Alexander Kissler: Warum mit Phrasen Schluss sein muss“, Gütersloher Verlagshaus 2019

Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die unausrottbare Idee des Sozialismus

  1. Wer dasselbe kritisiert, hat noch lange nicht dieselben Ziele. Deshalb halte ich u. a. auch die Bündnisse mit Nationalbolschewisten wie Elsässer für grundsätzlich falsch.
    „Wer sich mit Hunden zu Bett legt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht.“

  2. KW sagt:

    »Wie können wir unsere politischen Einrichtungen so ausbauen, daß auch unfähige und unredliche Machthaber keinen großen Schaden anrichten können?«
    Mir scheint, daß in diesem bRD- System gerade die unfähigsten und unredlichsten Personen zum Regieren ausgewählt werden. Das sieht man schon an der derzeitigen Ministerriege, es endet in den Ämtern in Städten und Gemeinden.
    Man fühlt sich als Gesunder wie in einem großen Irrenhaus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.