Kindertränen, die ich nicht aus meinem Gedächtnis bannen kann

Im Frühjahr 1975 machte ich als eben bestallter Arzt eine Urlaubsvertretung in einer Landarztpraxis in der westlichen Fränkischen Schweiz.
Am vorletzten Tag meines Einsatzes erreichte mich der Anruf der Freifrau Gudula von P. aus H.: Eine „Domestike“ von ihr sei wohl ernsthaft erkrankt und spucke schon stundenlang Blut.

Am Tor des hochherrschaftlichen Gutshofes empfing mich die Adlige und führte mich zur Remise des Gehöftes. In dem großen, schäbigen Raum waren so was wie eine Küche, ein Schlaf- und ein Wohnraum in armseligster Weise eingerichtet.

Auf einem angeschmutzten Bett, im eigenen, ausgespienen Blut liegend die Patientin.

Frau von P. klärte mich auf: Es sei eine „Bedienstete“ von ihr, eine Alkoholikerin, der sie mit ihren zwei Töchtern Beschäftigung und Unterkunft gewähre. Einen Vater gäbe es nicht mehr.

Ja, da waren zwei verschüchterte Mädchen, die sofort vom Bett der Mutter zurückwichen, als die Freifrau den Raum betrat.
Die leeren Wein- und Schnapsflaschen im Raum verteilt, erklärten den Blutsturz der Frau: eine schwere Alkoholikerin mit einer Blutung aus Ösophagusvarizen, den Venen der Speiseröhre.
Eine gefürchtete, vielleicht die schwerste Komplikation bei Alkoholismus!
Ein Horror für jeden Helfer, der damit konfrontiert wird.
Aber natürlich besonders für die betroffenen Kranken.
Ich hatte zum Glück Kochsalz-Infusionslösungen dabei und fand in der Arzttasche aus der Praxis eine sogenannte Senkstakensonde, mit der man diese Speiseröhrenblutungen niederhalten konnte. Anscheinend wurde das in einer Praxis in der fränkischen Schweiz häufiger benötigt.
Erst die Infusion, dann die Sonde legen. So musste es ablaufen!
Eine schreckliche Prozedur vor allem für die Betroffene, aber auch für den Arzt und die Beobachter.

Bei meinen Maßnahmen konnte ich nicht den Blick von den beiden kleinen Mädchen lassen, die beide noch nicht ganz zehn Jahre alt waren. Sie standen verschüchtert und weinend in einer Ecke der Remise; die Freifrau hielt es nicht für nötig, sich ihrer anzunehmen.
Die beiden Kinder mussten zusehen, wie ein fremder Mann sich mit schrecklichen erscheinenden Geräten und Maßnahmen an ihrer Mutter „verging“ – ihrer erbarmungswürdigen, verblutenden Mutter.
Von der sie sich dann nicht mal mehr verabschieden konnten.
Die Freifrau stand mit überkreuzten Armen und kalt blickend dabei. Die Kinder schienen ihr egal, ja lästig.
Erst die Sanitäter erkannten auch die Situation der Kinder und holten weitere Hilfe herbei.
Ich habe heute noch, nach 50 Jahren immer wieder die Gesichter dieser beiden Kinder vor Augen: wie eingebrannt.
Eingebrannt auch ein Hass auf die Herrschaft.
Ich bin der „Freifrau“ später noch einmal begegnet, als sie gerade Landtagsabgeordnete der CSU geworden war.
Ich konnte sie aber partout nicht ansprechen und fragen, was aus den beiden Mädchen aus ihrem Haushalt von damals geworden war.
Ja, ich weiß nicht, was aus den beiden bedauernswerten Geschöpfen geworden war.
Ihre Tränen, ihre Verzweiflung, diese Not mit den Ausdruck in ihren Gesichtern habe ich nie vergessen.

Dieser Beitrag wurde unter Adel, Autobiographie, Charakterlosigkeit, Franken, Heimat, Privates abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.