
Es wird gebetsmühlenartig behauptet, Privatpatienten seien im deutschen Krankenhauswesen eindeutig bevorteilt. Meine Erfahrungen widerlegen diesen Mythos gründlich.
Nach elf Tagen stationärer Behandlung konnte ich meine Frau aus einem als renommiert geltenden Kreiskrankenhaus – „Akademisches Lehrkrankenhaus“ – abholen. In dieser Zeit sah sie – trotz Privatstatus – kein einziges Mal den Chefarzt, keinen Oberarzt, nicht einen offiziell benannten Vertreter. Die Rechnung für die angebliche „Chefarztbehandlung“ wird gleichwohl ihren Weg zu uns finden – ausgestellt von einem Arzt, der real nicht in Erscheinung trat. Privatpatientenprivileg im Jahr 2026: kassieren ja, gesehen werden nein.
Der Stationsarzt war freundlich, engagiert und erkennbar bemüht, fachlich wie menschlich. Als ehemaliger Klinikchef kann ich sagen: Solche Kollegen müsste man fördern und stützen – statt sie in einem System allein zu lassen, das sie strukturell und fachlich überfordert.
Das Pflegepersonal war überwiegend freundlich, weitgehend engagiert, aber offensichtlich schlecht organisiert.
Neben vielen bemühten Kräften fand sich – wie fast schon obligat – auch der Pflegedrache im Nachtdienst, dessen Umgangston insbesondere gegenüber älteren Patienten erschreckend war.
Die Desorganisation zeigte sich bereits in der Notaufnahme: unerträglich lange Wartezeiten, die für echte Notfälle gefährlich werden können – und offenbar auch werden. Personal war durchaus vorhanden, jedoch schlecht koordiniert.
Der Gesamteindruck schwankte zwischen Hühnerhaufen und Kaffeekränzchen, offiziell „Besprechung“ genannt.
Zugutehalten muss man: Meine Frau wurde aus einer akuten, problematischen Situation herausgeholt. Dafür sind wir dankbar. Das eigentliche Ziel jedoch – eine spürbar bessere gesundheitliche Situation als vor dem Krankenhausaufenthalt – wurde nicht erreicht.
Mein Wunsch, diese Punkte mit dem Chefarzt oder zumindest einem Oberarzt zu besprechen, verlief ins Leere. Kommunikation nach oben scheint im modernen Klinikbetrieb nicht mehr vorgesehen.
Besonders befremdlich war ein Vorgang kurz vor der Entlassung: Am Donnerstag wurde eine im Sterben liegende Patientin zu meiner Frau ins Zimmer gelegt. Am Freitagabend, dem Vorabend der Entlassung, erfolgte dann hektisch eine Zimmerverlegung meiner Frau. Menschliche Sensibilität und organisatorische Planung wirkten dabei gleichermaßen abwesend.
Immerhin: Am Entlassungstag waren Brief und Unterlagen vollständig. Der Arztbrief selbst ist ein Dokument, über das man – selbst als Orthopäde und gewiss als Kardiologe – ein eigenes kritisches Exposé verfassen könnte. Ich verzichte darauf.
Über die Qualität der Verpflegung habe ich mich an anderer Stelle bereits geäußert.
Was bleibt, ist der Eindruck: Vom Krankenhauswesen kann man kaum noch sprechen, eher von einem Krankenhausunwesen.
Der viel beschworene Vorteil des Privatpatienten erweist sich dabei als reines Abrechnungsprivileg ohne inhaltliche Gegenleistung.
Ich habe bei eigenen Krankenhausaufenthalten in Gießen weniger drastische Erfahrungen gemacht. Doch auch dort schickt mir der Chefarzt seit Jahren zuverlässig Rechnungen – ohne mir bei den letzten drei Aufenthalten ein einziges Mal begegnet zu sein.
An meiner früheren Klinik war das undenkbar. Chefarztvisiten waren selbstverständlich, für alle Patienten, mindestens einmal wöchentlich. Nicht aus Abrechnungsgründen, sondern aus Verantwortung.
O tempora, o mores.