Wolf Schneider: Ein Nachruf

von Prof. Walter Krämer

Original auf achgut erschienen
https://www.achgut.com/artikel/wolf_schneider_ein_nachruf

Ein ganz Großer ist gestorben. Wer in Deutschland berufsmäßig zu schreiben hat, kam und kommt um Wolf Schneider nicht herum. Und wer das so tut, dass andere diese Texte mit Gewinn und Freude lesen, hat das wahrscheinlicher als andersherum zu einem guten Teil von Wolf Schneider gelernt.

Seine Stilfibeln, etwa „Deutsch für Profis“ oder „Deutsch für Kenner“, sind einsame Klassiker dieses Genres und ersetzen in dieser Hinsicht ein komplettes Germanistikstudium.

Ohnehin hielt Schneider die Bedeutung einer akademischen Ausbildung im Journalismus für weit überschätzt; selbst ohne einschlägige Ausbildung zum berufsmäßigen Schreiben gekommen, stellte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit die vorrangige Bedeutung von Sachkenntnis und Weltverständnis für gute Schreiber in den Mittelpunkt. Der Studiengang Journalistik an der TU Dortmund etwa, in dessen Rahmen der Schreiber dieser Zeilen lange Zeit die Vorlesung „Statistik für Journalisten“ angeboten hatte, war für ihn eher Zeitverschwendung auf dem Weg in die SPIEGEL-Redaktion. Für viele schneller ging es tatsächlich über die lange Jahre von Schneider geleitete Henri-Nannen-Schule in Hamburg (am Anfang „Hamburger Journalistenschule“), wo der große Meister den Kursteilnehmern die heiße Luft aus ihren Texten blies.

Kuschelorgien gab es bei ihm nicht

Ich selbst habe vier Jahre lang, von Februar 2006 bis Januar 2010, zusammen mit Josef Kraus, Kornelius Sommer und Wolf Schneider jeden ersten Sonntag im Monat für dpa eine Pressemitteilung im Rahmen unserer „Aktion lebendiges Deutsch“ verfasst und meine eigenen Beiträge stets erheblich kürzer und besser lesbar von Wolf Schneider zurückbekommen. Mit dieser Aktion hatten wir uns vorgenommen, die nach dem Krieg wie selbstverständlich in Deutschland geübte Praxis wiederzubeleben, neue Wörter aus dem Englischen wie cold war (Kalter Krieg), air lift (Luftbrücke) oder self service (Selbstbedienung) ohne viel Federlesens einzudeutschen. Die Sieger unserer Publikumsbefragungen gingen dann an dpa. Unser Aufruf zur Eindeutschung von „brainstorming“ etwa generierte über 10.000 Vorschläge, davon 3.800 verschieden, von Hirnhatz über Denkgewitter und Synapsentango bis zu Lösungsansatzsammlungsgenerierung; in „Deutsch lebt! Ein Appell zum Aufwachen“ (Paderborn 2010) ist die Ernte dieser Jahre zusammengetragen.

Mit dieser Aktion, wie auch durch seine Kritik an der Rechtschreibreform („überflüssig wie ein bayrischer Kropf“), durch seine aktive Mitgliedschaft im Verein Deutsche Sprache und seine vielfach öffentlich geäußerte Antipathie gegen die Auswüchse der Gendersprache („Wichtigtuerei von Leuten, die von Sprache keine Ahnung haben“), positionierte sich Wolf Schneider deutlich da, wo viele Intellektuelle unseres Landes nicht gesehen werden wollen: in der prekären Verteidigerfront deutscher kultureller Interessen. In seinem SPIEGEL-Bestseller Speak German („Ein starkes Buch gegen die Anglomanie“ – Welt am Sonntag), einem der letzten seiner insgesamt 28 Sachbücher, hält er seinen Landsleuten einen mehr als hässlich machenden Spiegel vor: „Auf einfache Weise“ – so ein Rezensent bei Amazon – „wird dem Leser offenbart, wie grenzdebil so manche Slogans in der Werbung sind und dass Globalisierung, um mit der Herde mitschwimmen zu wollen, noch lange nicht der richtige Weg ist.“ Völlig fremd, als langjähriger Moderator der NDR Talk Show, war ihm daher auch das heute übliche Anschleimen an Politiker rot-grüner Couleur, die vornehmlich in diesen Formaten eingeladen werden. Schneider redete Tacheles, Kuschelorgien gab es bei ihm nicht.

Einen wie ihn wird es so bald nicht wieder geben

Begonnen hatte diese beispiellose Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Tätigkeit als Übersetzer, später als Redakteur, für die „Neue Zeitung“ der amerikanischen Militärregierung in München. Geboren im Mai 1925 in Erfurt, aufgewachsen in Berlin, hatte Wolf Schneider nach dem Abitur bei der Luftwaffe gedient und danach bei den Besatzern zunächst als Dolmetscher gearbeitet. Dann wechselte er als Korrespondent zur Nachrichtenagentur AP, von dort zur Süddeutschen Zeitung, und von dort zum Stern. Hier war er zunächst Chef vom Dienst und ab 1969 Verlagsleiter. Es folgten Stationen als Chefredakteur der Welt und als „Mann für besondere Aufgaben“ des Springer-Verlags, bis er 1979 die Leitung der neu gegründeten Henri-Nannen-Schule übernahm. Diese wurde schnell zum Mekka des deutschen Journalismus, Schneider blieb Leiter bis 1995.

Parallel und auch später noch pflegte Wolf Schneider eine ausgeprägte Vortrags- und Dozententätigkeit, schrieb regelmäßige Kolumnen in zahlreichen Zeitschriften, etwa in dem Monatsmagazin NZZ Folio der Neuen Zürcher Zeitung, aber auch in den Sprachnachrichten des Vereins deutsche Sprache, und unternahm auch Ausflüge in die aktive Politik: Zusammen mit seiner zweiten Frau Elisabeth-Charlotte kandidierte er – wenn auch erfolglos – im Jahr 2006 für die FDP für den Stadtrat seines Wohnortes Starnberg. Er wurde 97 Jahre alt.

Einen wie ihn wird es so bald nicht wieder geben. Wolf Schneider: Wir vermissen dich!

Professor Dr. Walter Krämer, geboren 1948, war von 1988 bis 2017 Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund. Autor von über 40 Büchern und 200 Aufsätzen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. Krämers „Lexikon der populären“ Irrtümer wurde weltweit in 20 Sprachen übersetzt und über eine Million Mal verkauft. Er ist Vorstandsvorsitzender beim Verein Deutscher Sprache (VDS).

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6 Antworten zu Wolf Schneider: Ein Nachruf

  1. Patricia Steinkirchner sagt:

    Ein ganz Großer. Unersetzlich Verlust.

    • Anonymouse sagt:

      So groß kann der Verlust nicht empfunden sein, wenn die Wertschätzung einer „Deutsch-Konifere“ (der war Absicht) keine Zeit für eine grammatikalisch korrekte Endung oder wenigstens ein Komma findet.
      Entschuldigen Sie bitte, aber ich musste es loswerden. Betrachten Sie es bitte als Neckerei mit humoristischem Hintergrund.

  2. altmod sagt:

    Peter Helmes schrieb:

    „In der Tat ein großer Verlust!
    Wir ehren das Andenken an Schneider am besten dadurch, mit dazu beizutragen, die deutsche Sprache, die zu verkommen droht, zu hüten und zu pflegen.
    Mit Persönlichkeiten wie altmod haben wir kraftvolle Streiter für die gute Sache. Danke!“

  3. KW sagt:

    Heute erfuhr ich vom Tod von Udo Walendy. Dieses Jahr habe ich viele Kameraden verloren. Wolf Schneider kannte ich nicht. Aber wenn er für die deutsche Sprache kämpfte wie ich auch, stand er auf meiner Seite. Ich bin nach wie vor der Meinung, daß man die an den Haaren herbeigezogene Schlechtschreibreform brauchte, um die bolschewistische Ideologie durchzuboxen, bunte Kinder, fermde Namen, schlechte Männer, die obendrein weinerlich und weibisch sein müssen, Vorstellung von NGOs, eben die ganze widerliche ideologische Pallette. Mich verblüffte damals die Eile und perfekte Organisation, mit denen die alten Lehrbücher ent- und die Schulen mit neuen versorgt wurden. Es waren keine Nachdrucke, sondern völlig neue Inhalte. Man scheute auch nicht die verursachten Kosten.
    Der Kampf geht weiter gegen die Umstürzler, die uns weder eine schöne Mode, Kunst noch Architektur bescheren wollen.

    • Anonymouse sagt:

      Leider ist es nicht sehr vielen Menschen zu vermitteln, dass eine ausgereifte, sauber artikulierte Sprache, ein, wenn nicht der wichtigste Baustein zivilisatorischer Entwicklungen ist.
      So ist das mit den Menschen. Sie nehmen Selbstverständlichkeiten nicht mehr wahr und haben allerschwerste Probleme damit, sich vorzustellen, wie es ohne diese wäre.
      Und genau an diesen Punkten, diesen „in Fleisch- und Blut übergegangenen“ Selbstverständlichkeiten setzt das Fremdwerk an. Es schleicht sich ein und will natürlich nur zum Wohle aller reformieren. In Wirklichkeit will es verhunzen / zerstören, und sein ideologisches Kuckucksei unterbringen. So nimmt die Zersetzung ihren Lauf und dieses Nest wird nicht mehr unseres sein.

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