Nicolas Gomez Davila

Wenn Systeme vergehen, überdauern Aphorismen

Eine christliche Kathedrale über heidnischen Krypten

 

Nicolas Gomez Davila ist zwar Kolumbianer, doch nach Geistesart und Haltung ein Alteuropäer von Schrot und Korn. Obwohl er schon fünf Bücher veröffentlicht hat, gehört er zu den Unbekannten der iberoamerikanischen Literatur. Kein Lexikon, keine Darstellung zeitgenössischen Denkens erwähnt seinen Namen. Über sein Leben ist kaum etwas bekannt. Es gibt keine Anekdoten, keine Histörchen oder Skandale. Gomez Davila hütet seine private Existenz wie eine vom Massentourismus noch unentdeckte tropische Insel. Alles, was von seinem Leben bekannt ist, läßt sich in zwei oder drei Sätzen zusammenfassen. Don Nicolas lebt in völliger Zurückgezogenheit und Vereinsamung in Bogota: ein Autor im Abseits, ein Eremit, aber auch das Monument einer „splendid isolation”, fern von allen Parteien, Cliquen und Fraktionszwängen. Er ist ein gegen das Zweite Vatikanische Konzil und die modernistische Theologie geistreich fechtender Katholik, der sich an den selbstverfaßten Wahlspruch hält: „An Gott glauben, auf Christus vertrauen und ― mit Argwohn schauen!” In der authentischen Kirche sieht er „die letzte Schöpfung des römischen Patriziats”. Keineswegs löse der Katholizismus alle Probleme, „aber er ist die einzige Doktrin, die alle aufwirft”. Er lehre, „was der Mensch glauben möchte und nicht zu glauben wagt”. Gomez Davila sagt: „Eher als ein Christ bin ich vielleicht ein Heide, der an Christus glaubt.” Sinngemäß setzt er dem zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch des Apologeten Tertullian die anthropologische These entgegen: Anima naturaliter pagana, die Seele ist von Natur aus heidnisch. Der gläubigste Katholik sei nichts als „ein bezwungener Ungläubiger”, „der die Kathedrale seiner Seele über heidnischen Krypten errichtet”. Ruhe findet er erst dann, wenn es ihm gelungen ist, den Chor der alten Götter und Heroen um Christus zu gruppieren.
Aus dieser Grundhaltung eines die Antike einbeziehenden und der klassischen Philosophie verpflichteten Traditionalismus folgen wie von selbst die Verdikte gegen einen weitverbreiteten Typus „zeitgeistlichen” Priester- und Theologentums: „Der fortschrittliche Kleriker endet in revolutionären Zeiten als Toter, aber nicht als Märtyrer.” ― „Wer einen Ritus reformiert, verletzt einen Gott.” ― „Die Türme der Kirche von heute hat der progressive Klerus nicht mit dem Kreuz, dafür mit der Wetterfahne geziert.” ― „Auf das Zweite Vatikanische Konzil sind nicht Feuerzungen herabgekommen, sondern ein Feuerbach” ― „In der Absicht, der modernen Welt die Arme zu öffnen, öffnet die Kirche ihr die Beine.”
Das ist deutlich genug. Dennoch ist Gomez Davila, der den „Respekt vor allen Religionen” für wesentlich irreligiös hält, das Gegenteil eines verbitterten finsteren Fanatikers. Mit einer hochgemuten Gelassenheit, die den meisten deutschen Pfarrern abhanden gekommen ist, bekennt er: „Der Katholik, den das Los der Kirche mit Besorgnis erfüllt, hat aufgehört, Katholik zu sein.” Und an anderer Stelle: „Der Christ hat in einer Katastrophe nichts zu verlieren.”
Wer in diesem Tonfall über die Kirche spricht, macht auch vor der Demokratie und ihren Götzen keinen Kotau. Alles, was Nietzsche, Spengler, Ortega y Gasset, Pareto, Sorel, Michels und einige andere Kritiker der demokratischen Ideologie vorgebracht haben, findet sich in geballter Dichte und mit boshaftem Funkeln auch bei dem Kolumbianer Gomez Davila. Er ist Hierarchist in einem metapolitischen Sinne. Er scheut sich nicht, ohne Wenn und Aber die Würde des Reaktionärs zu lobpreisen. Dem Abendland fühlt er sich verbunden, nicht aber der nordamerikanischen Welt, deren Ideen ein Coca-Cola-Geschmack anhafte. Mit dem Geist Alteuropas besser vertraut als unzählige deutsche Intellektuelle, schätzt Don Nicolas die Werke Montaignes, Chateaubriands, Baudelaires und Rousseaus, in dem er den „ersten Konterrevolutionär” erblickt. Unter den deutschsprachigen Autoren bewundert er Hamann, Winckelmann und Jacob Burckhardt.
In literarischer Hinsicht hat Gomez Davila nur den einen Ehrgeiz: „ein dichtes konzentriertes Werk” zu hinterlassen. Es liegt vor in einer Reihe von essayistischen Beiträgen zu einer iberoamerikanischen Zeitschrift, die inzwischen eingegangen zu sein scheint, und in fünf Büchern, die insgesamt 1 500 Seiten umfassen. Überwiegend aphoristisch abgefaßt, handeln sie von Gott und Welt, Zeit und Ewigkeit, Mensch und Politik, Kirche und Staat, Philosophie und Dichtung, Glaube und Skepsis, Erotik und Tod. In einem einzigen geschliffenen Satz sagt dieser stolze, kluge und manchmal überaus mokante Denker oft mehr als andere in dicken Büchern. Die Systeme werden vergessen, sofern sie sich nicht zu einem Apercu kondensieren. Gomez Davila ist ein Systematiker, der die Totalität des Weltalls aphoristisch zur Sprache bringt. Das Ganze wird nicht dialektisch traktiert, sondern in monadischen Perlen zum Leuchten gebracht.
Gomez Davila ist ein antimodernistischer Einzelgänger und Außenseiter auch in seiner eigenen Heimat, ein Partisan und Frondeur inmitten von Abtrünnigen, Angepaßten und Umgefallenen. Die Paradoxie seiner verborgenen Existenz beleuchten schlagartig die beiden Aphorismen: „Nicht emigrieren sollen wir, sondern konspirieren” und „Der Kampf gegen die moderne Welt muß in Einsamkeit geführt werden. Wo zwei sind, ist Verrat.” Von einer Universität träumend, in der bereits die bloße Erwähnung eines „aktuellen Problems” verboten wäre, liegt ihm nichts am Beifall des Tages. Er verabscheut ihn wie Fliegendreck. Er sieht sich in der Rolle eines „Wächters des Erbes”, ohne deshalb ein Konservativer im banalen Sinn des Wortes zu sein, da er, anders als dieser, auch das „Erbe des Revolutionärs” zu hüten trachtet.
Bislang war keine Zeile dieses von ferne an Pascal, aber auch  an Rivarol, Joubert, Ernst Jünger sowie Chiara Davanzati erinnernden und dennoch ganz unverwechselbar eigenständigen Kolumbianers ins Deutsche übersetzt. Inzwischen hat der junge, aber sehr rührige, der kleine, aber sehr anspruchsvolle Karolinger Verlag in Wien, der schon durch manche deutsche Ausgaben französischer und russischer Autoren aufgefallen ist, eine erste Auswahl aus Gomez Davilas Schriften unter dem Titel „Einsamkeiten” herausgebracht. Die Auswahl und Übertragung besorgte Günther Rudolf Sigl. Franz Niedermayer, der Romanist, dem wir schon etliche Juwelen spanisch-iberoamerikanischer Literatur in deutscher Fassung verdanken, hat zu der Anthologie des singulären Aphoristikers ein gründliches und temperamentvolles Nachwort beigesteuert. Er weist darin auf Don Nicolas’ geistige Verwandtschaft mit Ortega y Gasset, Jose Vasconcelos, Jorge Luis Borges und anderen Denkern hin, um dennoch zu dem Schluß zu gelangen, daß er von ausgesonderter Einzigartigkeit ist. Er zitiert zustimmend die rühmenden Worte von Alvaro Mutis über die „majestätische sprachliche Schönheit”, die stilistische „Leuchtkraft und Eleganz” und bisweilen „tiefe, nachtseitige und trotzdem unberauschte Poesie” dieses solitären Autors, der sein jüngstes Buch mit einem deutschen Zitat aus Jacob Burckhardts Briefen schließt: „Ich hoffe auf das Unverdiente.”
Alles, was im vorstehenden wörtlich angeführt ist, steht in dieser Anthologie „Einsamkeiten” mit dem schwarz-türkisgrünen Einband. Wer das Spanische nicht versteht und Don Nicolas begegnen will, wird dem Karolinger Verlag dankbar sein. Auch wenn die exzellente Übersetzung unvermeidbar die lapidare Knappheit und lichterfüllte Kristallisation des vokalreicheren und genaueren spanischen Originals nicht immer zu erreichen vermag, kann sich der aufmerksam-neugierige Leser gleichwohl davon überzeugen, daß er es hier mit einem in einer großen Tradition stehenden Selbstdenker zu tun hat. „Ich gehöre nicht einer Welt an, die untergeht”, lautet eines der seltenen Selbstbekenntnisse dieses sonst so schweigsamen Meisters hispanischer Prosa, der ein souveräner Außenseiter, aber kein schrulliger Sonderling ist: „Ich verlängere und übermittle eine Wahrheit, die nicht stirbt.” Wenn er „für die Nachwelt” schreibt, dann nicht aus Sehnsucht, morgen zeitgemäß zu sein. Er schreibt für die Nachwelt, weil es ihn nach einer bestimmten Qualität des Geschriebenen verlangt, „selbst wenn uns niemand läse”.
(1987)

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