Meister Eckhart

Lehrer der Gelassenheit und der Entgötzung Gottes

I.

„Euch belehrt und zu euch spricht ein liebwerter Meister, aber ihr begreift nichts davon. Er sprach aus der Ewigkeit, und ihr versteht es nach der Zeit.“ Mit diesen Worten kennzeichnete bereits eine Generation nach Eckharts Tod sein Ordensbruder, der am Oberrhein wirkende Dominikaner Johannes Tauler, die Schwierigkeiten einer jeden Beschäftigung mit dem größten deutschen Mystiker. Wir wissen weder seinen Geburtstag noch kennen wir seinen Todestag und den Ort, wo er begraben wurde (vermutlich in Avignon, wo er sich vor dem Papst wegen Ketzerei zu verantworten hatte). Sicher ist nur, wie Kurt Ruh in seinem grundlegenden Eckhart-Buch feststellt, daß er die Schmach seiner Verurteilung nicht mehr erlebt hat: „Er, der die evangelische Lehre wie wenige gelehrt und sicher auch gelebt hat, starb im Rufe eines Irrlehrers, und bezeichnenderweise im ,Elend‘ (,außer Landes‘, ,in der Fremde‘), obschon am Sitz des damals in Avignon residierenden Papsttums, den ein Zeitgenosse, Petrarca, das ,Babylon des Westens‘ nannte. Es ist gut, nicht zu wissen, unter welchen Umständen er starb, aber sicher in Gott.“
Ebensowenig wissen wir, wie er aussah, da es kein authentisches Porträt von ihm gibt. Dessen ungeachtet sind im Laufe seiner Wiederentdeckung vor bald zweihundert Jahren immer neue Eckhart-„Bilder“ konstruiert worden. So gibt es einen romantischen und einen idealistischen, einen scholastischen und einen seinsphilosophischen und neuerdings sogar einen marxistischen Eckhart, wie die aktualisierenden Versuche von Ernst Bloch und Erich Fromm beweisen.
„Eckhart wird mit Recht der Meister genannt; er übertrifft alle Mystiker“, bemerkte bereits Franz von Baader, der bedeutendste Vermittler mittelalterlicher Esoterik im 19. Jahrhundert. Friedrich Schlegel feierte ihn als einen der größten Denker nicht nur der Mittelalters, sondern der gesamten abendländischen Geistesgeschichte. Hegel erblickte in ihm seinen Vorläufer, doch ebenso deutete ihn Hegels Widersacher Schopenhauer als einen „rechten Beleg“ für seine eigene Philosophie der Weltüberwindung: „Buddha, Eckhart und ich lehren im Wesentlichen dasselbe.“ Später widmeten ihm Karl Jaspers und Othmar Spann tiefschürfende Erörterungen, und Martin Heidegger bemerkt in seiner kleinen Schrift „Gelassenheit“, daß von dem Meister „viel Gutes zu lernen ist“. Sigrid Hunke interpretiert den Mystiker als einen der überragenden Sendboten einer eigenständigen religiösen Erneuerung Europas, während gleichzeitig japanische Zen-Buddhisten erstaunliche Übereinstimmungen zwischen den Lehren des mittelalterlichen Deutschen und fernöstlicher Metaphysik feststellen.
Eckhart, der ungefähr von 1260 bis 1328 lebte, also ein Zeitgenosse Dantes war, ist eine weit über den kirchlichen Raum hinaus wirksame geistesgeschichtliche Großmacht. Er zählt zu jenen Gestalten, von denen man ohne Übertreibung sagen darf, daß sie nur alle Jahrtausende auftreten. In dieser Hinsicht kann man ihn ohne weiteres mit Erscheinungen wie Buddha, Laotse, Plotin und vielleicht auch noch Nietzsche vergleichen. Es gibt von ihm Aussprüche, die beispiellos sind. Kein Deutscher vor ihm, keiner nach ihm hat so geredet. Ja, einige Worte von ihm lassen sich nur noch mit den gebieterischen Selbstbekenntnissen der größten Propheten und Religionsstifter aller Zeiten vergleichen: „Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit selbst sagt es.“ ― „Was ich euch gesagt habe, das ist wahr; dafür setze ich euch die Wahrheit zum Zeugen und meine Seele zum Pfände.“ ― „Solange der Mensch dieser (durch Eckharts Rede vermittelten) Wahrheit nicht gleich ist, solange wird er dieses Wort nicht verstehen. Denn es ist eine unverhüllte Wahrheit, die da unmittelbar gekommen ist aus dem Herzen Gottes.“ ― In seinem unausschöpflichen „Liber benedictus“, dem für die ungarische Königin Agnes geschriebenen „Buch der göttlichen Tröstung“, heißt es: „Mir genügt, daß in mir und in Gott wahr ist, was ich spreche und schreibe.“ Berühmt ist sein Gedanke vom „Seelenfünklein“, mit dem der Mensch alle Wesen überragt und an der göttlichen Natur teilhat. Lauterkeit, Gelassenheit, Stille, Reinheit, Abgeschiedenheit, Freiheit und ― immer wieder ― Frieden sind die Kernwörter seiner kühnen und die offizielle kirchliche Theologie herausfordernden Lehre; viele uns heute selbstverständliche deutsche Ausdrücke, wie etwa auch „Eigenschaft“, „Erbe“, „Besitzung“, „Gut“ und „Habe“, sind erst von ihm oder seinen unmittelbaren Schülern geprägt worden.
Eckharts Gedankenwelt entzieht sich den herkömmlichen Etikettierungen, handle es sich nun um „Theologie“, „Philosophie“, „Metaphysik“ oder „Mystik“. Vielleicht darf man sie in einem anspruchsvollen Sinne als „Gnosis“ bezeichnen, wenn man darunter eine über die „normale“ Theologie und religiöse Alltagspraxis hinausgehende Beschäftigung mit dem tieferen Sinn der Mysterien der Gottheit und den Versuch einer das gesamte eigene Dasein transformierenden und läuternden Erhellung des Urgrundes der Wirklichkeit versteht. Wobei hinzuzufügen ist, daß dieses „gnostische“ Wissen seine Erfüllung in der Einsicht findet, daß der Gnostiker (oder wenigstens ein Teil seiner Seele) wesenseins mit der Gottheit sei. Auf diesem Punkte angelangt, erweist sich, daß Gott alles und die Welt nichts ist und der Mensch mit Gott als dem unmittelbar Gegenwärtigen identisch. Doch Eckhart geht noch weiter, indem er zwischen „Gott“ und „Gottheit“ unterscheidet. Beide seien so weit voneinander verschieden wie Himmel und Erde. Der vollkommene Mensch, die ganz gelassene Seele müsse am Ende auch noch bereit sein, Gott zu verlieren oder, wie Eckhart wörtlich sagt, „Gott um Gottes willen zu lassen“. Nie zuvor wurde Gelassenheit tiefer, radikaler, paradoxer und herausfordernder gedacht. Doch diese Paradoxie ist in der „Sache“ selbst begründet. Die Eckhartsche Gelassenheit ist mehr als eine bloß psychologische Eigenschaft, auch nicht zu verwechseln mit Resignation, Indifferenz oder dem, was man sonst eine stoische Haltung nennt. Sie ist eine bestimmte Grundhaltung und Daseinspraxis, die sich am Ende eines langen inneren Weges dazu aufschwingt, nicht nur die Dinge der Welt und ihre vielfältigen Reize, sondern auch Gott selbst ― zu lassen: „Das Höchste und das Äußerste, was der Mensch lassen kann, das ist, daß er Gott um Gottes willen lasse“.
Man könnte hier von einer Überwindung der Theologie mit den Mitteln der Theologie oder auch von einer radikalen „Ent-götzung“ Gottes sprechen. Dazu paßt auch die Tatsache, worauf Kurt Ruh nachdrücklich hinweist, daß die Vorstellung von Hölle, Teufel und Jenseitsstrafen bei Eckhart gänzlich fehlt, daß seine hohe und höchste Anforderungen an den nach dem „rechten“ Leben strebenden Menschen stellende Lehre dennoch ohne asketische Härte ist.
Zweifellos sind dies Gedanken, die unaufhebbar immer nur Einzelne und Wenige ansprechen können. Eckhart selbst hat sich in dieser Hinsicht keine Illusionen gemacht und gleichwohl am Schluß einer Predigt das noble Wort gesagt: „Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit“. Wer jedoch wenigstens in gewissen Stunden ein Organ für das hat, worum es Meister Eckhart geht, wird zumindest gelegentlich nach den Schriften des Meisters selbst greifen wollen. Auch heute noch, mehr als sechshundert Jahre nach seinem Tode, wirkt Eckhart wesentlich durch seine Sprachgewalt. Sie ist imstande, selbst Menschen, die sich keiner Kirche oder Konfession verbunden fühlen, unmittelbar anzusprechen. Blitzartig vermittelt sie eine Ahnung davon, daß es eine Wirklichkeit gibt, im Vergleich zu der alles, was uns sonst noch so real zu sein scheint, wie wesenlos und nichtig wirkt. Einer der Namen, die Eckhart dieser Wirklichkeit gibt, mag uns heute besonders ansprechen : der Friede. „Denn so viel bist du in Gott, so viel in Frieden du bist, und so viel außer Gott, wie du außer Frieden bist. Ist etwas in Gott, so hat es Frieden, so viel in Gott, so viel in Frieden.“

II.

Das deutsche Wort Gelassenheit, das in anderen Sprachen kaum eine Entsprechung hat, stammt aus der mittelalterlichen Mystik. Von Meister Eckhart, der um das Jahr 1300 wirkte, sind einige Predigten über die Tugend der Gelassenheit überliefert, und Jakob Böhme, der vor über vierhundert Jahren geborene Barock-Mystiker, hat ein eigenes Büchlein „Von der wahren Gelassenheit“ verfaßt.
Sprachwurzel des schönen deutschen Wortes „Gelassenheit“ ist „lassen“. Es bedeutet soviel wie: „ablassen von etwas“, „etwas loslassen“. Der gelassene Mensch ist bereit, die Dinge und Ereignisse, die uns beständig bedrängen, zu lassen. Das heißt nicht, daß er sich ihnen gegenüber passiv oder gleichgültig verhält oder daß er sie nicht ernst nimmt. Es bedeutet jedoch, daß er im Innersten seines Wesens ruhig ist, sich nicht in unfruchtbare Aufgeregtheit und Verwirrung treiben läßt. Gelassenheit zeigt sich in einer letzten Distanz ― auch dann, wenn der gelassene Mensch sich für Dinge, Mitmenschen oder Ideale engagiert oder sich auf sie „einläßt“. Diese Distanz bewahrt er auch gegenüber sich selbst ― seinen Wünschen, Vorlieben, Parteinahmen. Er ist imstande, von sich selber zu lassen, was ihm natürlich nicht automatisch zufällt, sondern das Ergebnis immer wieder erneuter Übung ist
„Wer das Wort Gottes hören will, der muß gänzlich gelassen sein“, heißt es bei Meister Eckhart. Gelassen ist, wer alles gelassen hat. Das Wesen der Gelassenheit besteht darin, sich selbst und alle Dinge, wie der Mystiker ausdrücklich sagt, zu lassen: „Wer gelassen hat und gelassen ist und nie mehr auch nur einen einzigen Blick wirft auf das, was er gelassen hat ― der Mensch allein ist gelassen.“ Bei Angelus Silesius, in dessen „Cherubinischem Wandersmann“ die Grundgedanken der deutschen Mystik einen dichterisch vollendeten Ausdruck gefunden haben, findet sich unter der Überschrift „Das Etwas muß man lassen“ der zweizeilige Vers:
Mensch, so du etwas liebst, so liebst du nicht fürwahr;
Gott ist nicht dies und das, drum laß das Etwas gar.

Statt Gelassenheit steht bei den Mystikern oft auch der Ausdruck , Abgeschiedenheit“. Meister Eckhart sagt: „Wer ungetrübt und lauter sein will, der muß eines haben: Abgeschiedenheit.“
Es ist noch nicht lange her, als sich christliche Theologen, vor allem protestantische, in apodiktischen Verdammungsurteilen über die Mystik ergingen. Mystische Religiosität, so hieß es etwa bei Emil Brunner, dem zeitweiligen Gefolgsmann Karl Barths, sei biblisch-christlicher Gläubigkeit diametral entgegengesetzt. Diese Auffassung hat erst vor kurzem Franz Hesse wiederholt.
Verdikte dieser Art gehen davon aus, daß Mystik im Grunde Pantheismus sei und auf eine Leugnung der Transzendenz Gottes hinauslaufe. Es ist nicht zu leugnen, daß es auch solche Formen von Mystik gibt. Doch jeder Kenner der christlichen, jüdischen und islamischen Mystik wird bestätigen können, daß hier nicht einer Auflösung des Unterschieds zwischen menschlicher Individualität und dem absoluten Sein Gottes das Wort geredet wird. Vielmehr ist die schlechthinnige Transzendenz Gottes die Bedingung der Möglichkeit mystischer Einigung mit Gott. Der Mystiker opfert seine Individualität so wenig auf, wie Gott zu einer visionären Projektion des ekstatisch aus seinem Alltagsleben heraustretenden Menschen wird. Wer die Briefe des Apostels Paulus und das Johannes-Evangelium aufmerksam liest, dem wird unmöglich entgehen, daß christliche Mystik kein Widerspruch in sich ist, daß der Mystik im Christentum ein legitimer Platz zukommt. Dies ist auch die Auffassung Henri Bergsons, der in seinem 1932 erschienenen Buch „Die beiden Quellen der Moral und der Religion“ sogar den Satz sagt: „Die vollständige Mystik ist in der Tat die Mystik der großen christlichen Mystiker.“ Weit davon entfernt, eine pathologische Erscheinung zu sein, bedeute Mystik vielmehr einen Gipfel geistiger Gesundheit. Gewiß könne Mystik parodiert oder von Kranken und Narren äußerlich nachgeäfft werden. Doch ist damit bewiesen, daß Mystik selbst Wahnsinn sei? Bergson beantwortet diese Frage mit einem geistreichen Vergleich: „Wenn sich ein Geisteskranker für einen Kaiser hält, wird er seinen Bewegungen, seinen Worten, seinen Handlungen systematisch eine napoleonische Haltung geben, und eben darin besteht sein Wahnsinn; aber wird Napoleon davon irgendwie berührt?“
Mystik pflegt aufgeklärte, auf ihr kritisches Bewußtsein stolze Menschen meistens abzustoßen. Wenn von Mystik die Rede ist, denken sie überwiegend an Visionen, Ekstasen und andere außergewöhnliche Zustände, die einzelnen Mystikern zuteil geworden sind. Es ist nicht zu bestreiten, daß es schwierig ist, auf diesem Gebiet zwischen dem Anomalen und dem Krankhaften, zwischen echter Begnadung und bloßer Schwärmerei zu unterscheiden.
Doch eben dies war auch die Meinung der großen Mystiker selbst. Sie haben immer wieder vor Visionen gewarnt, die nur Halluzinationen sind. Sie haben stets zwischen Mystik und Rausch unterschieden. Und ihren eigenen Visionen, sofern sie überhaupt welche hatten, haben sie im allgemeinen nur eine sekundäre Bedeutung beigemessen; sie waren ihnen, wie Bergson sagt, „Zwischenfälle auf dem Wege“. Sie blieben dabei nicht stehen wie am Ziel einer Reise. In diesem Sinne sagt Meister Eckhart: „Wäre der Mensch so in Verzückung, wie’s Sankt Paulus war, und wüßte einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe.“
Auch Jakob Böhme stand seinen mystischen Erfahrungen durchaus kritisch gegenüber, sie waren ihm nicht Selbstzweck. Als er im Jahre 1600 sein berühmtes Zinnkrug-Erlebnis hatte und gleichsam in den Weltinnenraum zu blicken vermochte, da ging er aus seiner Schusterstube hinaus in die grünenden Auen an der Neiße, um sich auf diese Weise seine vermeintlichen Phantasien aus dem Kopf zu schlagen. Als er nicht länger daran zweifelte, daß hier mehr als Tagträumerei oder ähnliches im Spiele war, habe er, wie sein erster Biograph berichtet, stille geschwiegen, Gott gelobt und, gegenüber jedermann freundlich, seine häuslichen und beruflichen Obliegenheiten umsichtig besorgt und „von solchem seinem empfangenen Lichte und inneren Wandel mit Gott und der Natur wenig oder nichts gegen jemanden gedacht“.
Mit einem schönen Wort Hölderlins könnte man den Zustand des wahren Mystikers so umschreiben: „heilig-nüchtern“. Nicht Schwärmerei, Überspanntheit und rauschhafte Weltflucht charakterisieren den wahren Mystiker, sondern heilig-nüchterne Gelassenheit und Freiheit.
Gelassenheit, diese kostbare Frucht mystischen Aufschwungs, gehört zu jenen Tugenden, die heute besonderer Übung und Pflege bedürfen. Es gibt Stufen der Gelassenheit, von denen die höchsten gewiß nur mit äußerster Anstrengung zu erlangen sind, wenn sie nicht überhaupt den Bereich des Machbaren und Erlernbaren übersteigen. Doch hat Gelassenheit, so sehr ihre sublimsten Auswirkungen in eine Dimension hineinragen, die man die der Heiligkeit nennen kann, durchaus auch erdennähere, „weltlichere“, auch für „Nichtmystiker“ zugängliche Stufen. Darauf hat Martin Heidegger in einer vor dreißig Jahren gehaltenen Rede hingewiesen, die später unter dem Titel „Gelassenheit“ in einem schmalen Bändchen veröffentlicht wurde. Unter ausdrücklicher Bezugnahme auf Meister Eckhart hat auch der aus Estland stammende Rechtsphilosoph Ilmar Tammelo das Thema in seinem Buch „Zur Philosophie des Überlebens“ (Freiburg-München 1975) erneut aufgegriffen. Tammelo bemerkt zu recht, daß das „Lassen der Welt“, von dem die Mystiker sprechen, keineswegs bedeutet, daß wir uns um unsere alltäglichen Pflichten nicht kümmern sollen. Es bedeutet vielmehr eine bestimmte Haltung, die man, wenigstens auf ihren ersten Stufen, mit Ausdrücken wie Gleichmut und Gemütsruhe umreißen kann. Diese Haltung ist nicht zu verwechseln mit kraftloser Resignation und passivem Quietismus. Sie ist im Grunde nur dialektisch zu fassen. Sie bedeutet Distanz zu den Dingen, Losgelöstheit von der Unbeständigkeit der Welt und ― in letzter Vollendung, die freilich nur in gleichsam aus der Zeit herausfallenden Augenblicken möglich ist ―jene metaphysische Heiterkeit, die in Goethes Vers aufblitzt:
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh‘ in Gott dem Herrn.

„Loslassen“ ― das ist der eine Aspekt der Gelassenheit. Er hängt innig mit einer Fähigkeit zusammen, die schon seit langem nicht kultiviert, ja geradezu verhöhnt und geächtet wird, obwohl sie zur Zeit der deutschen Klassik und auch noch in den Werken Adalbert Stifters oder Theodor Fontanes einen hohen Rang einnahm: zu entsagen. Der andere Aspekt der Gelassenheit ist das „Seinlassen „. Der gelassene Mensch ist bereit, den Dingen und Ereignissen ihre Eigenart zu lassen, daß heißt: er will sie nicht gewaltsam nach seinen subjektiven Vorstellungen zurechtbiegen; erbringt die Geduld auf, sie in ihrem Wesen wahrzunehmen, ihnen gleichsam zu lauschen. Und deshalb hängt Gelassenheit auch mit Gerechtigkeit zusammen, die jedem das Seine gewährt oder ― läßt.
Meister Eckhart nennt den in der Abgeschiedenheit zu sich selbst gekommenen, „wesentlich“ gewordenen Menschen den „Gerechten“. Der Gerechte ist nicht einfach derjenige, der kein Unrecht tut, sondern dessen Sein eine gewisse Vollkommenheit und Integrität ausstrahlt, die sich nicht innerlich verschließt, sondern „ohne Warum“ in die Welt hineinwirkt. Gerechtigkeit besteht, nach einer alten römischen Formel, im suum cuique dare, also darin, daß jedem das Seine gegeben wird.
Gerechtigkeit ist eine hohe Tugend, die im Laufe der Geschichte die sich auf sie Berufenden immer wieder zu Unduldsamkeit, Fanatismus und Gewalt verführt hat. Gelassenheit vermag vor solcher Pervertierung zu bewahren. Gelassenheit hindert die Gerechtigkeit daran, in bloße Rechthaberei zu entarten. Gelassenheit weiß darum, daß die Verwirklichung der Gerechtigkeit unmöglich ist, wenn darunter bloß ein Tatbestand sozialer Geometrie, die Herstellung einer vom Dasein gerechter einzelner unabhängigen total gerechten Gesellschaftsordnung verstanden wird. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Gelassenheit. Gelassenheit macht es erst möglich, unbefangen zu prüfen, was jemandem gebührt ― und auch allen das Gebührende zu geben. In der Lehre Meister Eckharts ist Gelassenheit die notwendige Bedingung von Gerechtigkeit. Die Fähigkeit, alles gelassen anzunehmen und sein zu lassen, befreit uns von übertriebener Angst, Gier und Gereiztheit, die so oft alles Reden über und Streben nach Gerechtigkeit vergiften. Die Verfassung der Gelassenheit, in der wir alles gleichmütig gefaßt annehmen, gewährt uns im Umgang mit Menschen und Dingen Gelöstheit und Ruhe, aber auch die Möglichkeit zu jener Teilhabe, die darum weiß, daß wir sehr viel haben können, wenn wir von dem, was wir haben oder auch haben wollen, nicht besessen sind.
Charles Peguy sagt: „Alles beginnt in Mystik und endet in Politik.“ Hinter jeder Politik steht eine bestimmte Mystik. Peguy wußte freilich auch, daß jede politische Ordnung in dem Maße verfällt, in dem sie den Geist der Mystik aufzehrt, der sie aus sich geboren hat. Die mystische Tugend der Gelassenheit bedeutet nicht kraftlose Resignation und feige Weltflucht. Der Gelassene, der die Anstrengung der Distanz zu leisten vermag, ist nicht nur von der Welt, sondern auch für die Welt frei. Ein namenloser Autor wußte um dieses Geheimnis, als er die Bitte aussprach:
Gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann;
Gib mir den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann;
Und gib mir die Weisheit,
Das eine vom andern zu unterscheiden.

(1975, 1985)

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