Heloise und Abaelard

Die Logik der Leidenschaft

Die Geschichte von Heloise und Abaelard ist die aufregendste, dramatischste und denkwürdigste Liebesgeschichte des Mittelalters. Sie hat noch dazu den Vorzug, daß sie wahr ist. Die historischen Zeugnisse sind seit langem bekannt, insbesondere die Schriften und Briefe der beiden Hauptgestalten: Abaelards „Leidensgeschichte“ (Historia calamitatum) und die glühenden Episteln der Heloise. Anders als Tristan und Isolde, anders als Romeo und Julia stehen der Philosoph-Theologe Abaelard und seine Schülerin-Geliebte Heloise als lebendige Menschen vor uns. Obwohl ihre Tragödie schon vor mehr als 800 Jahren über die Bühne ging, wirken die Darsteller auf uns zeitnaher als so viele durch Schlagzeilen berühmt gewordene Figuren unseres eigenen Jahrhunderts. Ihre Leidenschaft, ihr Schicksal, ihr ― zumindest im Kern authentischer―Briefwechsel bewegen noch immer unsere Herzen.
Abaelard war ein scharfsinniger Philosoph, Meister der Logik, in allen Sätteln gerechter Dialektiker, Professor der Theologie an der angesehenen Domschule zu Paris, temperamentvoll, geistreich, streitbar und noch dazu gut aussehend, ja geradezu das, was man im Französischen „coqueluche des femmes“ nennt. Vielleicht wäre er wie Albertus Magnus, Anselm von Canterbury, Duns Scotus, Bonaventura und Thomas von Aquin ein Fürst der Scholastik, ein von der Kirche heiliggesprochener Interpret des christlichen Dogmas geworden. Jedenfalls befand Abaelard sich schon auf dem besten Wege zu diesem Ziel, als er eines Tages der jungen Nichte eines Domherrn begegnet: Heloise. Sie ist schön „wie der helle Mond“, noch dazu außergewöhnlich belesen und philosophisch interessiert. Schnell entflammt, erobert der berühmte Philosoph sie im Sturm. Doch eigentlich stimmt das gar nicht, denn für Heloise war die Begegnung ein coup de foudre: blitzartige Liebe auf den ersten Blick. Der Skandal folgt auf dem Fuße. Für den geistlichen Onkel und Vormund, der dem Mädchen sehr zugetan war und ihr eine überdurchschnittliche Bildung vermittelt hatte, ist Abaelard ein mieser Verführer und Schandfleck für die Theologenzunft. Er läßt sich auch nicht versöhnen, als Abaelard sich dazu bereitfand, Heloise heimlich zu heiraten. Um das öffentliche Ärgernis einzudämmen, schickt Abaelard die soeben geehelichte junge Frau vorübergehend in ein Kloster. Aber auch das hilft ihm nichts. Eines Nachts trifft den Geliebten die denkbar grausamste Rache. Er wird von gedungenen Häschern entmannt. Der einst so selbstbewußte, in ganz Europa berühmte Professor muß sich in ein Monasterium zurückziehen. Auf sein Geheiß nimmt Heloise den Nonnenschleier.
Nach Jahren der Trennung kommt es zu einem Wiedersehen, ja sogar zu einer geistig-geistlichen Zusammenarbeit. Die zur Nonne gewordene Schülerin, Geliebte und Ehefrau des kastrierten Abaelard erweist sich auch im kirchlichen Bereich als ausgesprochene Karrierefrau. Sie wird Priorin, schließlich Äbtissin, Vorsteherin eines blühenden Frauenklosters; und der theologische Dialektiker steht ihr ― ausschließlich auf postalischem Wege ― als Ratgeber bei. Er schreibt ihr salbungsvolle Trostbriefe, in denen er sie erbaulich tituliert: „Schwester in Christo“, „Teuerste Schwester“, „Braut Christi“, Heloise korrespondiert mit ihrem einstigen Lehrer über subtilste theologische und philosophische Fragen. Sie erörtert mit ihm schwierige Bibelstellen und Probleme moralischer Kasuistik. Sie ist eine intelligente, hochgebildete und überdies auch kluge Frau, eine kongeniale Partnerin des mönchischen Intellektuellen, der Traktate über die göttliche Dreieinigkeit und die Methode ordnungsgemäßer akademischer Disputation („Sic et non“) verfaßte.
Aber Nonnendasein, Gelübde und Äbtissinwürde erscheinen ihr wesenlos, eitel und nichtig, wenn Heloise zur „Sache“ kommt: zur Hauptsache und Herzmitte ihres Lebens. Sie bleibt, was sie von Anfang an war: hingebend liebende Frau, bis zu ekstatischer Hörigkeit sich preisgebende Geliebte. Es wundert kaum, daß der Mann, verglichen mit dieser maßlos liebenden Bacchantin, eine schlechte Figur macht. Neben ihrem sich über Gelübde und Priestertadel kühn hinwegsetzenden Pathos wirkt Abaelards Temperament geradezu schwerfällig und spießig. Anfänglich bloß von Heloises Charme und Sinnenreiz bezaubert, wird ihm ihre keinen Widerspruch duldende Leidenschaft unheimlich und, vor allem, lästig. Für ihn war nur ein erregendes Abenteuer, was für sie zu einer Leib und Seele verzehrenden Feuersbrunst wurde. In ihrer Glut wirkt sie groß. Jenseits von Gut und Böse muß jeder, der nicht engherzig moralisiert, Heloise auch dann noch bewundern, wenn sie schamlos, exhibitionistisch, nymphoman zu sein scheint. Der zur Ordnung mahnende Mann spielt daneben eine fast klägliche Rolle. Bereits in den Anredeformeln ihrer Briefe an Abaelard wischt Heloise dessen Ermahnungen zu Entsagung, Verzicht und „Abtötung“ sinnlichen Begehrens mit einer Kühnheit ohnegleichen hinweg. Sie stellt sich einfach taub, wenn ihr entmannter Verführer das Hohelied christlicher Askese anstimmt. Sie pfeift auf den Himmel, in dem ja, wie das Evangelium lehrt, nicht mehr geheiratet wird. Himmlisch-platonische Liebe ist ihr nichts als Firlefanz und Schwindel eunuchischer Seelen. Wenn sie in ihren Briefen an Abaelard von Liebe spricht, dann meint sie ausschließlich den amour sensuel, die Wonnen geschlechtlicher Liebe, die Orgien erotischer Verzückung. Liebe ist ihr Leidenschaft, Taumel, ganz oder gar auf das irdische Paradies und die Tröstungen des Fleisches eingestellt:
„Dir zu gefallen liegt mir mehr am Herzen als Gott zu gefallen. Mir bist Du verpflichtet und verfallen; denn alle Welt bezeugt es, daß meine Liebe zu Dir kein Maß und kein Ziel gekannt. Du allein schlugst mir die Wunde, heile Du sie auch gnadenvoll!“
Sie verlange nichts von Gott, Gott schulde ihr keinen Lohn, sie sei Gottes quitt. Auch im Kloster, in das sie doch nur Abaelards wegen gegangen sei, habe sie nicht das geringste um Gottes willen getan. Diese Äbtissin, die über Aristoteles, Seneca und die alten Kirchenväter bestens Bescheid weiß, erhebt sich in Höhen
verwegenster Ketzerei, wie sie nur eine von einem anderen Gott völlig Entflammte zu erfliegen vermag:
„Für andere Frauen ist vielleicht ,Gattin‘ das edelste Wort; mir war es aber immer der Inbegriff aller Süße, Deine Geliebte zu heißen, ja ― bitte zürne nicht ― Dein Bettschatz, Deine Schlafbuhle, Deine Dirne. Ich möchte lieber Deine Dirne heißen ― und wäre noch stolz darauf― als eine Kaiserin. Die Tiefe meiner Liebe zu Dir gründet sich auf ihre Irrtumslosigkeit!“
Unsentimentale Worte von einer grandiosen Vermessenheit, die ehrfurchtgebietend ist, niedergeschrieben von einer Klosterschwester des 12. Jahrhunderts, die sich in ihrer Abneigung gegen die Institution der Ehe durch Ovid und Cicero bestärkt fühlte. Zeugnis einer sich verzehrenden Frauenseele, die der unfehlbaren Autorität der Kirche die Irrtumslosigkeit ihrer Liebe entgegensetzt, die „infaillibilite d’amour“. Wer war diese Frau, die beinahe gotteslästerlich Gott zum Zeugen anrief, daß sie nie etwas anderes gesucht und begehrt habe als diesen einen Mann Abaelard? Wer war sie, die der Liebe vor der Ehe den absoluten Vorzug gab, weil Freiwilligkeit, Selbstlosigkeit und Ursprünglichkeit für sie königlichen Ranges waren? Sie war jedenfalls eine Frau, die nicht bloß die Geliebte eines bedeutenden Mannes war, sondern selber eine überdurchschnittliche Persönlichkeit, ihrem Gefährten geistig ebenbürtig, seelisch sogar überlegen.
Die Geschichte dieses wirklichen, keineswegs dichterischer Imagination entsprungenen Paares ist die Liebesgeschichte zweier über sich selbst und den andern reflektierender Menschen. Die Liebesgeschichte eines Intellektuellenpaares, in dem beide Teile problematische Naturen sind: Wesen in ihrem Widerspruch. Die Love-Story eines Paares, das erst nach dem Tode wieder zusammenkommen durfte: dervom Papst verurteilte Abaelard starb 1142 und wurde auf dem Friedhof des Klosters Paraklet in der Champagne beigesetzt; etwa zwanzig Jahre später erhielt auch die tote Heloise in diesem Grab ihren letzten Ruheplatz. Später immer wieder umgebettet, fanden ihre sterblichen Überreste nach Jahrhunderten auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise endgültig eine Heimstatt. Noch heute wird das Grab immer wieder von Liebespaaren aus allen Ländern der Welt andächtig aufgesucht und täglich neu mit Blumen geschmückt. Doch wenn man ihren Briefwechsel zu Ende gelesen hat, dann stellt sich der Zweifel ein, ob Heloise und Abaelard überhaupt gestorben seien. Die hingebungsvoll liebende Intellektuelle und der ihr menschlich nicht ganz gewachsene Gottesgelehrte leben fort, solange das Pascal’sche Wort von der „logique du coeur“ gültig ist: „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“
(1987)

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