Satire

RENT A MOB

Eine  Geschäftsidee von altmod

„Ob Flashmob, angemeldete Demonstration, Protestmarsch, Klein- und Störaktionen im öffentlichen und privaten Bereich, ob „hip“ oder „seriös“, wir organisieren Ihre Bekundung und geben ihr ein zwar verwechselbares aber durchaus personalisiertes und unvergessliches Gesicht.
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Was der Bischof verdrängt

Es ist Tradition, dass zum 1. Fastensonntag ein Hirtenbrief des Bischofs an seine Gemeinden verlesen wird. Was ich mir da heute vom Bischof des Bistums Fulda anhören durfte und mich zu diesem Beitrag veranlasste, kann der interessierte Leser hier einsehen: http://www.bistum-fulda.de/bistum_fulda/presse_medien/aktuelles_bischofswort/hirtenbriefe/fastenhirtenbrief2016/fastenhirtenbrief2016.php

Natürlich ist die Kanzel der Ort, von dem aus Mahnrufe an Barmherzigkeit und Nächstenliebe im Geiste Christi an uns Gläubige gerichtet werden. Natürlich darf von dort in einem bischöflichen Hirtenwort kein Aufruf zur Ausgrenzung oder Herabsetzung von Fremden ausgehen; es wäre das Gegenteil von dem, was von einem Hüter des christlichen Glaubens zu hören sein sollte. Natürlich müssen wir von dort Ermahnungen aus dem Hirtenmund zu unserer Sündhaftigkeit und zur Besserung dulden. Natürlich sollte die Kanzel kein Podium für politische Botschaften (mehr) sein!
Und natürlich erwarten wir von einem katholischen Hirten in seiner Botschaft auch einen konkreten Lebensbezug; jedoch keine zuvorderst politischen Deklarationen, wie man dies oft den Protestanten unterstellt.
Es mag dem Bischof selbst und dem vortragenden Priester gefallen und sicher „im Geist des Herrn“ sein, was er mit dem heutigen Hirtenbrief zum ersten Fastensonntag den Gemeinden zumuten mochte. Mir nicht in Gänze.

Eingebettet in die Ermahnungen zur vorösterlichen Bußzeit mutet denn mir – uns – Bischof Algermissen unverhohlen Appelle zur Fortsetzung der politisch gewollten und befeuerten „Willkommenskultur“ zu.

Im Umgang mit den Flüchtlingen, die heute in unser Land strömen, stehen ihm im positiven Sinnen die „Bilder vom Herbst letzten Jahres vor Augen – winkende Menschen auf den Bahnhöfen unserer Städte, die ankommende Flüchtlinge mit heißen Getränken, Decken und Spielzeug willkommen heißen; – freiwillige Helfer in den Erstaufnahmeunterkünften, oft bis zur völligen Erschöpfung im Einsatz;“.
Aber dann beschwört er die „Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen und fremdenfeindlichen Demonstrationen.“ Und: „Nicht zu reden von der aggressiven Hetze gegen Flüchtlinge, den anonymen Drohbriefen an Politiker und den obszönen Hasskommentaren im Internet. Erschreckend, was für eine menschenverachtende Geisteshaltung da plötzlich mit Macht zutage trat, die an Szenen und Parolen aus dem Dritten Reich erinnert.“
Wie es sich für den christlichen Seelsorger gehört, wendet er sich gegen die Verhärtung unserer Herzen und dabei will er uns erinnern, wie erfolgreich die „Eingliederung der Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, der Gastarbeiter und der Russlanddeutschen“ war.
Algermissen meint: „Angesichts der inneren Zerreißprobe, vor der unsere Zivilgesellschaft steht, frage ich mich, auf welcher Seite wir stehen. Teilen wir die Leidenschaft Gottes für sein Volk? Lassen wir uns das auch etwas kosten? Wie reden wir über „die Flüchtlinge“ oder „das Flüchtlingsproblem“ in unserem Freundes-, Kollegen-, Bekanntenkreis? Sehen wir nur die Gefahren und Bedenken, oder nehmen wir die Herausforderungen aktiv und konstruktiv an?“

Ja, die Gefahren und Bedenken klammert der Bischof in seiner Predigt zur Buße und Barmherzigkeit aus, und auf welcher Seite er steht, ist eindeutig. Das alles sei ihm gestattet.
Aber er möge bitte nicht Parolen und Stichworte der Politiker übernehmen.
Der Verweis auf Heimatvertriebene, Gastarbeiter und Russlanddeutsche – gerne auch bemüht von Grünen und linken Politikern – schließt wesentliche Gesichtspunkte aus, welche der Bischof kennen müsste. Die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge damals waren Deutsche, sprachen deutsch, waren Christen und wiesen keine divergenten kulturellen Prägungen auf. Die Gastarbeiter kamen überwiegend aus abendländisch, christlich geprägten Kulturen, was sich aber mit der Hereinnahme der Türken änderte. Die Russlanddeutschen sprachen (überwiegend) deutsch als Muttersprache und brachten Werte und Tugenden mit, die den hier geprägten entsprachen. Wie Integration nicht gelingen kann, beweisen gerade die Türken als „Gastarbeiter“, die in 2. und 3. Genaration zugewandert sind.

„Teilen wir die Leidenschaft Gottes für sein Volk?“ fragt der Bischof.
Welches ist das Volk Gottes, das der Bischof meint? Die gesamte Menschheit? Die Völker, die den jüdischen und christlichen Gott anbeten? Gehören die „Söhne Allahs“ zu diesem Volk, oder verstehen sich die nicht als „Gottesvolk“ schlechthin?
Wenn der Bischof alle meint, die Menschheit allumfassend, wozu binde ich mich dann exklusiv an meinen christlichen Glauben und die Kirche und gehe in Seelennöten oder auch in Dankbarkeit nicht zum Imam, dem Rabbiner, dem Dalai Lama oder pilgere zu einem Shintu-Schrein? Nun ja, das ist wohl eine „theologische“ Frage, für die ich zu unbedarft bin.

Er beschwört die „Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen“.
Hat er auch registriert, was sich tagtäglich in den Unterkünften selbst abspielt, wo Menschen unterschiedlicher Gewissheit vom „Volk Gottes“ aufeinandertreffen und wo besonders unsere christlichen Glaubensgenossen einer nicht zu denkenden Gewalt ausgesetzt sind, sodass inzwischen Amtsbrüder des Bischofs die getrennte Unterbringung muslimischer und christlicher Asylbewerber fordern.

Er fragt „Lassen wir uns das auch etwas kosten?“.
Natürlich, materiell gesehen, können wir gar nicht davon kommen. Als Gesellschaft, wie auch als Einzelner, der Steuern – und vielleicht auch Kirchensteuer zahlt.
Der Bischof braucht an mich nicht zu appellieren, in konkreten Umständen materiell und persönlich handelnd, mildtätig zu sein und zu helfen.
Aber was lassen wir uns es noch kosten, jenseits monetärer Rechnungen?
Die Durchdringung unseres gesellschaftlichen Lebens mit Faktoren, die im Widerspruch zu unserem Verständnis von Menschenwürde und Menschenrechten stehen, die Tolerierung einer nicht mehr nur schleichende Islamisierung unserer Gesellschaft bis hin zu unserem Rechtswesen.
Ist es im Namen der Religion – weil es „Religion“ ist – statthaft, Frauen zu schlagen, als Menschen minderer Kategorie zu betrachten, Kinder zwangsverheiraten, Andersgläubigen den Tod anzudrohen? Parallelstaaten und -Gesellschaften in Staat und Gesellschaft aufzubauen?
Dies sollen wir uns es wohl auch „kosten lassen“?

Für seine Fastenbotschaft wählte Bischof Algermissen einen Spruch aus dem Alten Testament: „Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land, und er hatte Erbarmen mit seinem Volk. (Joel 2,12-18)“. Das bezog sich auf eine Erfahrung der Israeliten im 5. Jahrhundert vor Christus, schreibt Algermissen: „Unter dem Schock durch eine gewaltige Heuschreckenplage und eine langwährende Dürre kam das „Volk Gottes“ zum Bewusstsein, wie weit sie sich von Gott entfernt hatten – und schlimmer noch, dass Gott sich von ihnen zurückgezogen hatte.“
So ist es mit Bibelworten und -Gleichnissen – sie sind nach Geschmack verwendbar, und so hoffen wir auf „Erbarmen“ mit unserem Volk. Das Wort von der „Heuschreckenplage“ dürfen wir aber im Sinne der Bischofs-Botschaft aber wohl nicht denken.

Biedermann und die Brandstifter

Eine aktuelle Parabel

„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch ist 1953 zuerst als Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk gesendet worden und erfuhr 1958 als Drama seine Erstaufführung am Schauspielhaus Zürich.
Die Parabel von Biedermann steht für die fatale Fähigkeit des Menschen, eine erkennbar drohende Gefahr auszublenden und dem eigenen Untergang mit offenen Augen entgegenzugehen. Der Biedermann lernt nichts aus seinen Beobachtungen, sondern verdrängt stattdessen aus Indulgenz und Trägheit seine notwendigen Einsichten.
Man findet im Netz zahlreiche Inhaltsangabe des Stückes. Hier eine etwas eingehendere, wie sie trefflich passend in dem Buch „Die Lust am Bösen“ von Eugen Sorg dort zu finden ist:

Seit einiger Zeit geht in der Stadt ein Brandstifter um, der sich als Hausierer ausgibt, sich Zugang zum Dachboden verschafft und dort sein Werk vollbringt. Die Polizei sucht immer noch vergeblich nach dem gefährlichen Pyromanen, als es an der Villa des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann klingelt. Dieser öffnet dem großen, kräftigen Mann, der sich als Josef Schmitz, ehemaliger Schwergewichtsringer und Obdachloser vorstellt und klagt, von den Leuten als Brandstifter verdächtigt zu werden. Er appelliert an die Barmherzigkeit des Hausherrn, dieser möge ihm etwas zu essen und für eine Nacht Unterschlupf gewähren, und Biedermann, der soeben kaltherzig einen treuen Angestellten auf die Straße gestellt hat, sieht die Möglichkeit, sich als Menschenfreund zu präsentieren. Er überlässt Hausierer Schmitz den Dachboden seiner Villa. …
Im weiteren Verlauf versucht Biedermanns misstrauische Ehefrau, Schmitz wieder loszuwerden. Aber er weckt ihr Mitleid, indem er sich für seine ungehobelten Manieren entschuldigt, die Folge einer schweren Kindheit in Armut und Waisenhaus. Ein Kollege von Schmitz taucht auf, der elegante und redegewandte Wilhelm Eisenring, der sich als angeblicher Vertreter einer Feuerversicherung Zugang zum Haus verschafft. Auch er wird mit der Geschichte einer traumatisierenden Demütigung aufwarten. In seiner früheren Arbeit als Kellner habe er sich die vom Gansbraten Servieren fettigen Finger an den eigenen Haaren abwischen müssen, während die feinen Herrschaften Wasserschälchen benutzten.
Je zahlreicher die Hinweise werden, dass Schmitz und Eisenring die gesuchten Brandstifter sind, desto hartnäckiger sträubt sich Hausherr Biedermann, aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Er trifft die beiden auf dem Dachboden inmitten von Benzinkanistern, die sie in der Nacht zuvor hin aufgeschleppt haben. Im selben Moment taucht ein Polizist auf, um ihm die Nachricht vom Selbstmord des gekündigten Angestellten zu überbringen. Als er die Kanister sieht, fragt er nach deren Inhalt. «Haarwasser», antwortet Biedermann, weil es in diesen Tagen verboten ist, Benzin im Estrich zu lagern, und der Polizist, der keinen Grund sieht, dem Fabrikanten nicht zu glauben, zieht wieder ab.
«Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben. Nicht immer nur das Böse sehen», gibt Biedermann den toleranten Zeitgenossen und belügt sich da bei selbst. Wie vor ihm seine Frau wollte auch er die beiden Dachbewohner wieder wegschicken. Aber sein schlechtes Gewissen respektive die Angst um sein Ansehen wegen des Suizids seines früheren Mitarbeiters, und noch viel mehr die Angst vor einem Brandanschlag der zwei Männer hindern ihn daran. Im Grunde weiß er mittlerweile, wer sie wirklich sind, und um sie milde zu stimmen, lädt er sie zu einem festlichen Gansbraten ein. Er biedert sich bei ihnen an und hofft, dass sie ihn verschonen.
Schmitz und Eisenring, die seine Angst genau registrieren, werden immer dreister. Sie beginnen offen von Zündkapseln und brennbarer Holzwolle zu reden und messen die Zündschnur aus, während Biedermann ihnen dabei hilft. Er redet sich ein, dass sie nur derbe Scherze treiben und lacht laut mit ihnen mit. Als man in der Ferne die Sirenen der Feuerwehr hört, atmet er auf. Gut, dass es nicht bei ihnen brenne, meint er, worauf Eisenring entgegnet, dies sei ihre Taktik. «Wir holen die Feuerwehr in ein billiges Außenviertel, und später, wenn’s wirklich losgeht, ist ihnen der Rückweg versperrt.» In einer Mischung aus Panik und Verblendung schiebt Biedermann den beiden eine Packung Streichhölzer zu. Er will ihnen den ultimativen Beweis seines Vertrauens in ihre Freundschaft demonstrieren, indem er sein Schicksal in ihre Hände legt. Die vorbehaltlose Unterwerfung soll ihn retten, und er merkt nicht, dass er mit dieser Geste bereits aufgehört hat zu leben. Schmitz und Eisenring verschwinden, und kurz daraufsteigen Flammen aus seinem Haus, und im Lärm explodierender Gasometer greift das Feuer auf die Nachbarshäuser über und brennt schließlich die ganze Stadt ab.

Die Meisten sahen damals den Stoff des Dramas als Menetekel für den aufkommenden Totalitarismus, zurücklegend den Nationalsozialismus, dann den Kommunismus; auch für den Umgang mit der Atombombe wurde das Schauspiel herangezogen. Der bedeutende deutsche Theaterkritiker Friedrich Luft sah die Parabel seinerzeit vielfach anwendbar: „Man kann die Moral dieses Lehrstücks ohne Lehre auf die jüngste Vergangenheit anlegen. […] Oder man kann (und soll wohl) an die Brandstifter denken, die mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokeln. Wir dulden es. Wir sehen es mit an und finden viele Gründe, es zu tun. Aber die Lunte ist gelegt. Wehe! Oder man kann an die demokratische Duldsamkeit denken, mit der extreme Brandstifter biedermännisch von uns ausgehalten werden […] Aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit schieben wir die Regungen einer besseren Einsicht einfach weg: Ist ja alles nicht so schlimm…“

Wen darf man heute als die Person des Biedermann identifizieren: Frau Merkel und ihre gesamte mitregierende Entourage, die deutschen Gutmenschen mit Ihrer Willkommenskultur, die ihre „Gäste“ wenn nicht zum Gansbraten so aber zu den Segnungen an den gedeckten Tafeln des deutschen Wohlfahrtsstaates zum Verbleiben einladen.
Welch treffende Analogien, wenn Biedermann die „ungehobelten Manieren“ seines Gastes der misstrauischen Gattin gegenüber damit entschuldigt, dass sie die Folge einer schweren Kindheit in Armut und Waisenhaus seien. Da trifft sich die Entschuldigungskunst unserer Soziologen, Sozialpsychologen, Migrationsforscher usw., welche uns ihre von den Medien gepuschten, abstrusen und weltfremden Erklärungsmodelle für die Gründe von Terrorismus, Kriminalität und Delinquenz immer wieder verkaufen wollen.
In dem redegewandten angeblichen Vertreter der Feuerversicherung, dem Komplizen des Pyromanen, der sich ebenfalls Zugang zum Haus verschafft hat, mag ich unschwer die Vertreter der (noch) beschwichtigenden Islamverbände und unserer Religionsvertreter erkennen.
Symptomatisch für die Beschwichtigungsmarotten der Medien und der Politiker angesichts der drohenden Gefahr ist doch dieser Satz von Biedermann: «Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben. Nicht immer nur das Böse sehen».

Ich will die Interpretation nicht weiter treiben. Ich empfehle, einfach nochmal das obige Exzerpt zu lesen.
Max Frisch hat sicher nichts von den heutigen aktuellen Geschehnissen geahnt: der obsessiven und aggressiven Ausbreitung der Ideologie des Islams in Verbindung mit einer Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes. Der Schweizer Schriftsteller dürfte einer Einbeziehung der heutigen Geschehnisse in die Interpretation seiner Parabel sicher nicht widersprechen.
Frisch seinerzeit über seinen Protagonisten:

„Wenn Sie mich fragen, ich finde diesen Gottlieb keinen Bösewicht, wenn auch als Zeitgenossen gefährlich. Um ein gutes Gewissen zu haben – und das braucht er, um Ruhe zu haben –, belügt er sich halt. […] Gottlieb möchte als guter Mensch erscheinen. Er glaubt sogar, daß er das sei: indem er sich selber nicht auf die Schliche kommt. (…) Schlimm ist allerdings, daß auch die Nachbarn von Gottlieb Biedermann voraussichtlich zugrunde gehen: da hört die Komödie auf.“

 

Eine Feststellung zum Schluss: “Biedermann und die Brandstifter” – (k)ein T hema für die
Berliner Schaubühne oder das deutsche “Regietheat er”?

Die Proktatur des Diletariats*

Dada(ismus) oder die Willkommenskultur einer Kleinstadt

Was haben Bewohner einer Kleinstadt mit Dada(ismus) am Hut?

Gar nichts oder wenig, möchte man meinen. Man fühlt sich aber ganz schnell in eine Art skurriler Kultur versetzt, wenn man mal anhand von Zeitungsberichten und Reaktionen im Internet (Facebook) den Prozess der Zustellung von Asylbewerbern und Flüchtlingen in die Provinz, in eine Kleinstadt, verfolgt.

Der Begründer des Dada(-ismus), Hugo Ball, sprach von „alberner Naivität und zeugungsfroher Verbundenheit mit dem Kinderwagen“, welche Dada auszeichnet.

Dada als „Kunstform“ schuf nachweislich die Voraussetzungen für die (blödsinnigen) „Performance-Künste“ im 20. Jahrhundert bis heute.

Dada war zunächst eigentlich eine (künstlerische) Reaktion auf die entstandene Sinnkrise aus dem 1. Weltkrieg; obgleich sich in der Dada-Literatur und den -Archiven wenige explizite Bezüge auf das zurückliegende Kriegsgeschehen finden.

Sinnkrise!

Was hat der moderne Zeitgenosse nicht an Elend und Sinnlosigkeit in der Welt zu erdulden, was stündlich über den Äther oder mittels Papier in seine Stube geweht wird. Wie kann der Mensch das nur ertragen?

Und schon sind wir in der Gegenwart (des Dada)! Denn auch bei den „leidenden“ Personen heute sind keine konkreten Wechselbeziehungen oder Elementarerfahrungen zum Konkreten mehr vorhanden. Ein getöteter Angehöriger oder Freund an den Orten des Grauens in dieser Welt ist nicht parat, wie vielleicht vor hundert oder siebzig Jahren. Ist bei Dada ja auch nicht nötig.

Buffonade und Totenmesse zugleich

Ein schaudernder, „voyeuristischer“, nicht nur räumlicher Abstand bewegt heute die Seelenregungen des (gutmenschlichen) Zeitgenossen. Distanz zu einem Gegenstand, dessen Folgen die neue Kultur des Guten und Bekennenden obligatorisch macht. Für die diesbezüglichen Veranstaltungen und die Berichte darüber gilt inzwischen aber auch der dadaistische Widerspruch wie vor hundert Jahren: „Was wir zelebrieren, ist eine Buffonade und eine Totenmesse zugleich.“

Nicht umsonst hieß damals eine von Dadaisten gestaltete Satirezeitung „Der blutige Ernst“.

Peter Sloterdijk schreibt über den Dada(Ismus): „Für Akteure dieser Künste nach der Kunst gibt es keine Geschichte mehr, nur noch einen Marktplatz der Intensitäten, auf dem es genügt, Hier-Hier und Jetzt-Jetzt zu sagen“.

Da wird seit Monaten in der Lokalpostille und in der Internet-Scheinwelt (die auf den betroffenen Standort fokussiert ist), den Fremden, Flüchtlingen und Asylanten entgegengehofft**.

Man mochte endgültig im Kosmos des Guten verfestigt sein. Vorher konnte man nur beteuern, bunt zu sein und nicht braun. Das Kriegerdenkmal hatte man schon zum „Mahnmal des Friedens“ umgewidmet. Alles in weiser Vorsorge!

Was geschah jetzt?

Ein ortsansässiger Unternehmer hat seine heruntergewirtschaftete, faktisch unnütze Gewerbe-Immobilie herausstaffiert und als Herberge angeboten. Von Politik und Presse wird er darob geehrt, denn ihn prägt nichts als edler Uneigennutz! Ein Unterstützerkreis für Flüchtlinge und Asylanten ist auch schon auf dem Schauplatz. Die sozialen und unsozialen Medien sind überschäumend.

Der Bürgermeister freut sich und der Reporter der Regionalpostille kann schreiben und berichten: „Das sieht nach einer Willkommenskultur mit Hand und Fuß aus!“

– Der Betreiber der Unterkunft ist mit dem Baustand und dem Mietvertrag mit dem Kreis zufrieden.

– „Die Expertin von der Initiative „Bunt statt Braun – Gemeinsam stark für Flüchtlinge“ machte Mut, offen und offensiv an das Thema heranzugehen.“

– „Wir müssen handeln, nicht nur reden“, fordert der Dekan von der evangelischen Gemeinde.

– Der Pfarrer von der katholischen Gemeinde würdigt den ökumenischen Geist zugunsten der Flüchtlinge.

– Wie auch eine Dame von der evangelisch-methodistischen Gemeinde, die Erfahrungen mit anderen Kulturen hat: „Hätte ich mir nicht das Bein gebrochen, würde ich jetzt in Uganda Kinder unterrichten.“

– Der Bürgermeister zeigt sich „überwältigt“ vom Zuspruch.

– Doch einfach sei das alles nicht: „Wir brauchen Dolmetscher, wir müssen das Essens- und das Taschengeldproblem lösen, wir müssen klären, ob sich aus diesem Unterstützerkreis eine Vereinsstruktur entwickelt.“

– Beim „Publikum“ waren Ängste nicht zu erkennen!

– Wie viele Dolmetscher man da denn brauche, lautet eine der Fragen. Man konnte beruhigen: „Die meisten können Englisch oder Französisch, das hält sich sehr in Grenzen mit dem Dolmetschen.“

– Wie kommen schulpflichtige Kinder zur Schule? Der Bürgermeister: „Das ist dann eben auch eine dieser zu klärenden Fragen.“ Aber auch für diese Kinder werde wohl die Regel gelten, dass bis zu drei Kilometer Fußweg zumutbar seien.

Am Tag der Ankunft:

„In der Bleibe ist nun ein Transparent aufgezogen: „You all welcome“ (Ihr seid alle willkommen) steht handschriftlich auf einer Tür, darüber leuchtet ein gelbe Sonne. Wärme werden sie brauchen, die Asylbewerber, die am Donnerstag … eintreffen – vor allem menschliche Wärme“, schreibt die Zeitung.

Im „sozialen Netzwerk“ (Facebook) ist man darob enthusiastisch eingestimmt:

– „Herzlich Willkommen!!!“

– „Jaaaaah!“

– „… ich hätte noch etliche Kleidungsstücke übrig…wo könnte man sich hin wenden, damit es an der richtigen Stelle ankommt?“

– „Wir sollten vielleicht eine Facebook Gruppe für unsere Asylanten öffnen/gründen, vielleicht etwas dass sie sehen können wie willkommen sie sind aber auch dass man Unsicherheit auf beiden Seiten hat und diese ablegen möchte.”

– “Wie könnte man diese multikulturelle Austauschbörse nennen?“

– „Find ich ´ne tolle Idee. So fühlen sie sich bestimmt auch willkommener.“

– لترحيب بحرارة

– “Unterstützerkreis Asylbewerber/innen! … Auf dieser FB Seite findet ihr Infos zu unseren neuen Mitbürgern und was benötigt wird.

– “Alles Gut.. Beachte Feuerlöscher !!!! Brandschutz ??? Im Notfall??”

Da spürt man doch echt breite Sorge und Anteilnahme: “Willkommens-Facebook-Gruppe“ – damit die Armen was auf ihren iPhones zu lesen haben. Feuerlöscher, damit sie einen Brand (von Nazis gelegt) umgehend löschen können. Sogar in Arabisch wurde “willkommen” gepostet!

Da freut sich die Kleinstadt auf „ihre“ Opfer von Krieg und Verfolgung: Und dann kommen Leute aus Bosnien, Albanien und dem Kosovo. Ist da noch Krieg? Gibt es wieder „ethnische Säuberungen“? Haben wir was versäumt?

Was stänkere ich!? Es muss ja noch „besser“ werden, denn man ist ja für mindestens 80 Frauen, Kinder und Männer = „neue Mitbürger“ gerüstet. Und man kann “Arabisch”.

Zurück zur Eingangsfrage: was hat das mit Dada zu tun? Noch nicht klar?

Dada bedeutet, dass Spektakelkultur nichts, aber auch überhaupt nichts mit der Qualität des möglich Mitgeteilten zu tun hat. Öffentliche Auftritte heute (von künftigen Superstars und von den Gutesten der Guten) stehen unter der Prämisse „Es gibt mich, ich bin es, der sich hier wichtigmacht“. Dada hat gewisse Mechanismen ausgelotet, welche heutzutage das Prinzip der Öffentlichkeitswirksamkeit umgeben. Dass dabei der Anteil des Nonsens größer ist als jener der Vermittlung von Nutzen, ist in dem Fall der Willkommenskultur und ihrer Handlungsagenten gar nicht mehr zufällig.

Buffonaden bei blutigem Ernst anderswo, Marktplatz der Intensitäten, hier und jetzt, Performance-Kunst schon beim beschränktesten und kümmerlichsten Akteur.

Einstmals war Dada noch Dada. Heute ist es nur noch Gaga.

*)    Johannes Baader, Deutschlands Größe und Untergang, in: Dada-Almanach, 1920

**) Der Ort und das Geschilderte sind real und verbürgt. Gleichwohl ist es alles so irgendwo in Deutschland.