Wohin treibt die Bundesrepublik?

Wir wollen eine neue Ordnung,
die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht
und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt“
Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Juli 1944

„Wohin treibt die Bundesrepublik?“ lauteten vor 50 Jahren die Frage und der Titel einer heftig umstrittenen Schrift von Karl Jaspers.
Man braucht keinem der Leser hier erläutern, warum diese Frage 2017 uns wieder drängend erscheinen muss – einem „überlebenden“ und nachdenkenden Beobachter meiner Generation mehr als noch 1966.

Karl Jaspers schrieb damals.:

Der Bevölkerung der Bundesrepublik geht es wirtschaftlich so gut wie noch nie, mit Ausnahme der Schlechtweggekommenen, von denen man selten spricht. Es herrscht eine Zufriedenheit im Eifer des Lebensgenusses bei ständig geringer werdender Arbeitszeit und Vermehrung der Konsumgüter, der Reisemöglichkeiten und Vergnügungen.
Trotzdem gibt es eine Unruhe. Ist dies Leben auch sicher? Man fürchtet. Die Denkenden sehen die politische Faktizität mit Sorgen. Wohin treiben wir?
Die Demokratie der Bundesrepublik wandelt sich vor unseren Augen. Es werden Wege beschritten, an deren Ende es weder eine Demokratie noch einen freien Bürger geben würde, vielleicht ohne daß die, die sie gehen, dieses Ende wollen. Diese Wege sind nicht unausweichlich. Aber nur ein zur Freiheit drängendes, seiner selbst darin bewußtes Volk kann die Demokratie in freier republikanischer Verfassung, die bisher nur eine Chance ist, verwirklichen.

Auf Spiegel-Online kann man eine Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken aus Jaspers´ Schrift nachlesen. Die Lektüre der gesamten Schrift* liefert für den historisch Interessierten ein weiteres Mal Einsichten nicht nur in das sich selbst zerstörende demokratische System der Bundesrepublik. Viele der Gedanken muten denn heute auch fast hellseherisch an.
Indes hat Jaspers seinerzeit mit seinem Bestseller viel Widerstand hervorgerufen, vor allem unter den an Parteien fixierte Politikern. Erhard Eppler, damals schon längere Zeit Bundestagsabgeordneter für die SPD übte in der ZEIT heftige Kritik mit bis hin zu ehrenrührigen Schmähungen. Heute würde der später so gern moralisierende „Pietkong“ der SPD sicher anders argumentieren. Die damals „ungeheuerlich anmutenden negativen Prognosen“ (Kurt Sontheimer) haben sich in weiten Teilen erfüllt.
Gerade die moralische Rigorosität von Jaspers, mit der er die „demokratischen“ Politiker und die bundesrepublikanische Demokratie maß, könnte auch heute noch nicht nur nüchterne und aufgeklärte Beobachter der Situation in eine Stimmung zur Gegenrede bringen.

Kurt Sontheimer* in einem Vorwort zu Jaspers` Schrift:

Es war ein aristokratisches, die höchsten Ansprüche und Tugenden verkörperndes Idealbild des demokratischen Politikers, an dem er die so viel schäbigere, nichtigere Wirklichkeit des Politischen, insbesondere des parteipolitischen Betriebes, maß.

Dieser Anspruch brachte wohl Karl Popper dazu, in seiner Schrift „Die Feinde der offenen Gesellschaft“ neben Plato, mit dessen Prätention nach einer „Regierung der Weisesten“, auch Jaspers zu diskreditieren.

Wie würde heute das Urteil beider Philosophen über die Bundesrepublik mit unserer Merkel-Demokratie lauten?

Die Parteien

Die Parteien, die keineswegs der Staat sein sollten, machen sich, entzogen dem Volksleben, selber zum Staat. Ursprünglich vielfach autonome Bildungen aus der unbegrenzten Freiheit des Volkes, werden sie in ihrem Bewußtsein zu den Machtträgern selber. Der Staat, das sind die Parteien. Die Staatsführung liegt in den Händen der Parteienoligarchie. Sie usurpiert den Staat.

Nur ein Symptom dafür, daß die Parteien, statt dem Staat zu dienen, selbst die Staatsherrschaft ergreifen, sich mit dem Staat identifizieren, ist das in der Bundesrepublik erst später aufgetretene Phänomen der Parteienfinanzierung durch den Staat. Die Parteien zeigen damit an, daß die Staatskasse ihre Kasse ist, die Steuergelder etwas, worüber sie nicht nur für Staatszwecke, sondern auch für sich selbst durch Parlamentsbeschluß verfügen.

Parteienoligarchie … heißt: Verachtung des Volkes. Sie neigt dazu, dem Volke Informationen vorzuenthalten. Man will es lieber dumm sein lassen. Das Volk braucht auch die Ziele, die die Oligarchie jeweils sich setzt, wenn sie überhaupt welche hat, nicht zu kennen. Man kann ihm statt dessen erregende Phrasen, allgemeine Redensarten, pompöse Moralforderungen und dergleichen vorsetzen. Es befindet sich ständig in der Passivität seiner Gewohnheiten, seiner Emotionen, seiner ungeprüften Zufallsmeinungen.

Die Kritik von Karl Jaspers an der Parteiendemokratie hat später ein Liebling des politischen und intellektuellen Establishments der BRD aufgenommen: Richard von Weizsäcker. Der ehemalige Bundespräsident bezeichnete in einem Interview mit der ZEIT 1992 die deutschen politischen Parteien als „machtversessen und machtvergessen“. Seine Fundamentalkritik an den bundesrepublikanischen Verhältnissen – damals kurz nach der Wiedervereinigung – ist auch in einem Buch aus dem Eichborn-Verlag nachzulesen („Richard von Weizsäcker im Gespräch“, Frankfurt 1992).
In wesentlichen Dingen unterscheidet sich seine Kritik in keiner Weise von der von Jaspers. Es blieb nicht aus – was bei der grassierenden Geist- und Charakterlosigkeit der jüngsten Repräsentanten unseres Staates denn nicht verwundert – dass sein Nachfolger Joachim Gauck glaubte, sich von Weizsäcker distanzieren zu müssen.

Für diejenigen, denen ich hier zu wenig konkret in der notwendigen Aufrechnung der offensichtlichen Sünden und Verfehlungen der aktuellen Politik bin, darf ich auf eine aufschlussreiche Artikelserie auf Conservo hinweisen: „Die 17 politischen Todsünden der Kanzlerin“. Todsünden nicht nur der Kanzlerin, sondern des Systems, welches sie repräsentiert.

Sicherheit und Bürgerkrieg

Es besteht, soweit man sieht, kein Plan zur Errichtung einer Diktatur. Es gibt keine zielbewußte Lenkung dorthin, keine Organisation, keinen Hitler. Aber es koinzidieren Kräfte, Gesinnungen, Wege, die dorthin führen können.

Das Modalverb „können“ darf man inzwischen aus dieser Aussage von Jaspers streichen. Weiter:

Sicherheit hat in der Demokratie eine elementare Grenze. Die Sicherheit besteht solange, wie bei Uneinigkeit das Mehrheitsprinzip gilt. Nur wenn sich jeweils die Minorität der Majorität fügt, mit dem Vorbehalt, durch weitere Überzeugung die Majorität zu ändern, kann Gewalt ausgeschlossen werden. Ohne das Mehrheitsprinzip gibt es keine funktionierende Demokratie.
Wie aber, wenn bei dieser Abstimmung die Mehrheit die Demokratie das Mehrheitsprinzip selber abschafft? Wenn die Mehrheit einer Minderheit, die sich »Avantgarde«, Elite, Partei nennt, die unbeschränkte Herrschaft überträgt? Wenn die Grundrechte, die nach unserem Grundgesetz jeder Änderung und auch einer späteren Abstimmung entzogen sind, durch Mehrheit abgeschafft werden? Wenn durch die Freiheit der Abstimmung die Freiheit selber vernichtet wird?
Wenn man nicht mehr miteinander reden kann, wenn der republikanische Weg des Sichüberzeugens und der Entwicklung der Dinge durch ein Miteinander- und Gegeneinanderreden der in legalen Formen kämpfenden Mächte aufgehoben wird, wenn Politik im eigentlichen Sinne aufhört, dann bleibt Selbstpreisgabe (Ermächtigungsgesetz 1933) oder Bürgerkrieg.
Gegen die Freigabe der Gewalt an eine absolute Herrschaft kann nur noch die Gewalt ein Schutz sein. Soll eine Minorität verzichten, wenn die Majorität die irreversible Gewalt über sie errichten, sie vernichten will? Ein Volk, das in solchem Falle nicht den Bürgerkrieg der Unfreiheit vorzieht, ist kein freies Volk. Nur der Bürgerkrieg kann in solcher Lage die angemessene Entscheidung bringen. Unterliegt dann die Freiheit, statt von vornherein auf sie zu verzichten, hat das Volk durch seine Minorität wenigstens bezeugt, was es seinem Wesen nach ist und sein könnte.

Grenze der Sicherheit ist dort, wo die Freiheit durch falsche Freiheit selber vernichtet, wenn Gesetzlichkeit durch Gesetz aufgehoben werden soll. Die menschlichen Dinge gestatten keine absolute Sicherheit. Freiheit kann sich nur durch Freiheit im Risiko behaupten. Wer absolute Sicherheit will, will die Unfreiheit und den politischen Tod.
Der Wille zur absoluten Sicherheit drückt eine Gesinnung aus, die die Wirklichkeit des menschlichen Daseins nicht anzuschauen wagt, nicht in das Antlitz der unerbittlichen Gorgo blicken, sondern sie als nicht vorhanden ignorieren möchte.

Kann sich irgendwer erinnern, dass in der Bundesrepublik jemals Bürgerkrieg „gedacht“ wurde?
Heute bewegen wir uns mehr, als es 1966 denkbar war, auf eine solche Option zu, erwachsen aus der Überfremdung, der Überflutung des Landes mit Menschen, die unserer Kultur, unserem Verständnis von Freiheit und schon unseren einfachsten Verhältnissen in der Lebenswelt fremd, wenn nicht feindlich gegenüber stehen.

Die Thesen von Karl Jaspers muten inzwischen – trotz oder gerade wegen der negativen Rezensionen damals und heute – wie das berühmte Menetekel aus dem „Buch Daniel“ an: Als eine unheilverkündende Warnung, einen ernsten Mahnruf und Vorzeichen drohenden Unheils, das Gott dem König Belšazar als Ankündigung seines baldigen Todes und Untergangs seines Königreiches überbracht haben soll.

Was man bei der Botschaft von Jaspers nicht vergessen sollte, die Gefahr entstand in erster Linie aus dem Inneren heraus, indem man den Feind unkontrolliert ins Land eindringen ließ. Aktiv befeuert durch die höchsten politischen Repräsentanten unserer Parteiendemokratur.

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„Führe uns nicht in Versuchung – und erlöse uns von dem Bösen“

Ergänzung zu einem Artikel von Peter Helmes auf Conservo

Christus oder Satan? Evangelischer Kirchentag 2017 – Gottlos und zum Fremdschämen

Nach der Auslegung des zentralen Gebetes der Christenheit, dem „Vater unser“, ist mit dem Bösen die Person Satans gemeint. Im Persönlichen bitten wir Gott, den Versuchungen des täglichen Lebens, den Einflüsterungen des Bösen zu entkommen und diese ans Licht bringen zu können. Im Weiteren beinhaltet die Bitte, das Böse in der Welt, das Böse um uns herum, einzudämmen.
Das Böse ist in der Geschichte der Menschheit in vielfältiger Form aufgestiegen. Die Vergangenheit sollte uns aber nur bedingt interessieren. Uns muss die Gegenwart mit ihren stetigen und immer neuen Erscheinungsformen und Ankündigungen des Bösen beschäftigen.

Es besteht kein Zweifel, dass im Namen des Christentums Niedertracht und übelste Ruchlosigkeiten begangen wurden. Es ist nicht abzustreiten, dass Perioden, in denen das Christentum mit gesellschaftlicher und politischer Herrschaft verbunden war, oft genug besonders gewalttätige Epochen waren. Die Verknotung von Religion und Politik gebiert unzweifelhaft besonders mühelos Gewalt und Verbrechen, welche dann mit dem Bezug auf die Religion gerechtfertigt werden.
Dies macht gerade den besonders gefährlichen Charakter des Islam aus, wie es sich, ohne zweifeln zu müssen, erwiesen hat.

In unserem angeblich säkularen Staat machen sich christliche Hirten und ehemalige Pastoren im Offizium der Politik wieder einmal anheischig, sich mit „theologischen“, besser pseudoreligiösen Bekundungen zum Erfüllungsgehilfen und Büttel eines sich inzwischen mehr und mehr autoritär gebenden Staates zu machen und damit gesellschaftliche Ausaneinandersetzungen zu befeuern. Sie überschreiten inzwischen die bisher durchaus geltenden Grenzen zwischen Staat und Kirche.

In einem Aufsatz schrieb Thorsten Hinz auf JF z.B. über die Allüren des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck:
„Wenn der gelernte Pfarrer und amtierende Bundespräsident Gauck, dem die Repräsentanz des Staatsvolks als Gesamtheit obliegt, ein „helles“ von einem „dunklen Deutschland“ unterscheidet, dann übersetzt er den politischen Gegensatz … in einen theologischen Gut-Böse-Dualismus und erklärt den Gegner, den Andersdenkenden, zum absoluten Feind, der aus dem Ganzen ausscheidet.
Denn wer das schlechthin Böse vertritt, verwirkt logischerweise seine Rechte und darf sich nicht wundern, wenn er zum Zielobjekt von Gewalt wird, die sich als die Gegen-Gewalt des Guten legitimiert.“

Folgt man den „Hirten“ der deutschen Kirchen, ist mit Pegida und besonders der AfD der „Gottseibeiuns“ in deutschen Landen leiblich auf der Bildfläche erschienen. Dazu siehe auch „Hirtenworte“ bei altmod.de
Bischöfe verdammen die Sympathie und Gefolgschaft für die AfD als unchristlich.
Eine obskure Gemeinschaft, die sich ACK – Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen nennt (Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“) und sich nicht scheut, die linke terroristische „Antifa“ mit an Bord zu nehmen, ruft zu Demonstrationen gegen die AfD auf. Die offizielle Kirche in Köln läßt dazu in perfider Weise „Fürbitten“ beten und sprechen:
„Barmherziger Gott, wir leben aus deiner Zusage, daß jeder Mensch kostbar ist. Der Regenbogen, den du in die Wolken gesetzt hast, der österliche Bund des Friedens und der Versöhnung kennen keine Grenzen. Und doch erleben wir Menschenverachtung, Nationalismus und Intoleranz. Menschen werden als ‘Fremde’ ausgegrenzt. Gib uns Kraft, die Würde jedes Einzelnen zu achten. Erneuere und stärke uns alle durch den österlichen Blick des Friedens aufeinander.“

„Dem Widerspruch wohnt kein liturgisches Mandat inne“, schreibt dazu treffend Alexander Kissler bei „Cicero“.

„Jeder Mensch ist kostbar …“ – nur offensichtlich die nicht, welche sich zur AfD bekennen“!?
Wo bleibt die Achtung vor der Würde dieser Menschen, die sich für eine demokratisch legitimierte Partei einsetzen – der mitnichten „Menschenverachtung, Nationalismus und Intoleranz“ nachgewiesen werden kann?
Wo der „österliche Blick des Friedens“, wenn man zu Demonstrationen aufruft, wohlwissend, dass es dabei zu Gewalttätigkeiten gegen die gleichwohl von der Kirche verfemte Gruppe von Menschen kommen wird?

Wenn wir Christen das „Vater unser“ beten, beinhaltet der Satz „und erlöse uns von dem Bösen“, auch die Bitte um das wertvolle Geschenk des Friedens.
Warum beteiligen sich die Kirchen an der Aussaat des Unfriedens?

„In der Krise wächst die Neigung, den Meinungsgegner zum Dissidenten zu machen, zum Abgesonderten, und das geschieht wirksam durch moralische Ächtung. Der so zum Schweigen Gebrachte kann wie der Tote weder anklagen, noch sich verteidigen, noch Zeugnis ablegen.“ so Arnold Gehlen in „Moral und Hypermoral“.

Die Kirche versagt in der gegenwärtigen Krise, in welche unsere Welt von einer ideologisierten und Vernunft-fernen Politik gestürzt wurde – und sie beteiligt sich noch aktiv daran. Und so wird sie sich wieder mitschuldig machen, wenn aus Meinungs-Toten tatsächlich „um-das- Leben-Gekommene“ werden.

Das protestantische Pfarrhaus

 

 

 

 

In der neuesten Ausgabe des Magazins „Monumente“ (Deutschen Stiftung Denkmalschutz) beschäftigt sich die Autorin Julia Ricker – passend zum Lutherjahr – mit dem protestantischen Pfarrhaus: „Zwischen Himmel und Erde – Vom Leben protestantischer Pfarrfamilien“.
Diese Kunst- und kulturhistorische Abhandlung erinnert inhaltlich auch an einen Aufsatz in der ZEIT aus dem Jahre 2010, als bereits eine mögliche Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten diskutiert wurde.
„Gutes altes Pfarrhaus – Efeuumrankt, eichenbewacht – wer in diesem Idyll aufwächst, der kann vielleicht was Großes werden“ heißt es dort.

In beiden Artikel wird herausgestellt, welch besonderes „Biotop“ das protestantische Pfarrhaus war, quasi eine Kaderschmiede und eine Wiege von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft in deutschen Landen, ein Hort der Bildung und Kultur. Unzählige deutsche Geistesgrößen sind daraus hervorgegangen, besonders seit dem 19. Jahrhundert.
Das Milieu Pfarrhaus gebiert jedoch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Lessing, Claudius, Lichtenberg, Lenz, Jean Paul, Nietzsche, Hesse, Benn, Albert Schweitzer, Malcolm X, Dürrenmatt, C. G. Jung, Angela Merkel und Joachim Gauck … sie waren oder sind Pfarrerskinder. Einer Studie zufolge kamen Mitte des 19. Jahrhunderts von 1600 bekannten Deutschen 861 aus einem evangelischen Pfarrhaus.

Das Familienleben der Luthers galt als ein verwirklichtes Ideal und die Pfarrersfamilie hatte das ideale Christentum vorzuleben, fromm, gottgefällig und moralisch unbedenklich zu sein.
Der frühere SPD-Bürgermeister von Berlin und ehemalige Pfarrer, ebenfalls Pfarrerssohn Heinrich Albertz erkannte aber schon 1982 in einem ZEIT-Artikel: „Das Pfarrhaus stirbt aus“
Albertz greift in seiner Abhandlung auf ein Buch des Politikwissenschaftlers und Kulturforschers Martin Greiffenhagen („Pfarrerkinder“) zurück, der ebenfalls aus einem protestantischen Pfarrhaus stammt, Sohn eines Widerständlers in der Bekennenden Kirche.
Greiffenhagen führt das Absterben „der Quellstube der Nation, die seit Luthers Zeiten den deutschen Himmel der Dichter und Denker ziert“ u.a. auf die gewandelte Rolle, bzw. die Abwesenheit der Pfarrersfrau und die damit verbundene Auflösung der alten Familienstrukturen im Pfarrhaus zurück.
Albertz dazu:

„Ich selbst kann es auch bezeugen aus unzähligen Pfarrhäusern, in denen ich aus und ein ging, und aus den Geschichten der Großmütter in den pommerschen und brandenburgischen Landgemeinden: Sie war wohl das Herz des Lebens, die Mutter alles Lebendigen, viel mehr als der Vater in seiner wohlgehüteten Studierstube. Sie stirbt aus. Und mit ihr versiegt der Quell.“

Und noch etwas Wichtiges schneidet Albertz an:

„ … was Greiffenhagen als Syndrom des alten Pfarrhauses beklagt: seine Abstinenz gegenüber allem „Politischen“, ist spätestens seit Hitlers Zeiten vorbei. Schon sein eigener Sohn hat dies erfahren. Der Unsinn, daß das Evangelium gleichsam politikfrei vorgetragen werden könnte, ist im Absterben.“

Mit der „Abstinenz gegenüber dem Politischen seit Hitlers Zeiten“. Da irrt Albertz meinens Erachtens. 
Die deutschen Protestanten hatten gewiss ein besonderes Politik- und Staatsverständnis und eine besondere Staatsnähe.
Die preußische „Staatskirche“ unter den Hohenzollern war keineswegs politisch neutral.
Die Situation der evangelischen Kirche in Deutschland während des „Dritten Reichs“ war von politischer Spaltung geprägt und die von einer großen Zahl der protestantischen Pfarrer gegründete und getragene Organisation der „Deutschen Christen“ waren aktive Nazis und arbeiteten von der Kanzel dem „Führer“ zu.

Fahne der Deutschen Christen, 1932

Aber sogar die „Bekennende Kirche“, die später als Widerstandsorganisation geführt wurde, hatte aktive Nazis und SS-Mitglieder in ihren Reihen.
Bereits vor der Machtergreifung der Nazis gab es Verbindungen offizieller Vertreter der evangelischen Kirche mit den Nazis.
Die Berufung auf Luther mit seinem bekannt aggressiven Antisemitismus erleichterte die Fühlungnahme mit dem mörderischen Rassismus der Nazis.
Hans Meiser, ab 1933 evangelischer Landesbischof von Bayern verfasste 1926 als Direktor des Nürnberger Pfarrer-Seminars ein „Gutachten“ mit dem Titel „Die evangelischen Gemeinden und die Judenfrage“. Er spricht darin gegen „die Verjudung“ des deutschen Volkes aus, und er erklärt sich einverstanden mit den völkischen Idealen, deren Anhänger „mit der antisemitischen Bewegung in einer Front stehen“:Er beklagt den Einfluss der Juden auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet. Er schreibt: „Mag die Moral vieler Juden nichts anderes sein als stinkende Unmoral“, und so fordert er durch konkrete Maßnahmen „ein Zurückdrängen des jüdischen Geistes im öffentlichen Leben“ und die „Reinhaltung des deutschen Blutes“.
In Nürnberg nahm der evangelisch-lutherische Pfarrer Martin Weigel 1926 vor dem Altar der Lorenzkirche in Nürnberg eine Fahnenweihe für die Schlägertruppe der Nazis, der SA vor.
Im deutschen Pfarrerblatt, sozusagen die Pflichtlektüre aller evangelischen Pastoren, erscheint 1930 ein Grundsatzbeitrag über das Verhältnis von NSDAP und Kirche. Der Autor, Pfarrer Friedrich Wienecke, erklärt es zu den Aufgaben der Männer der Kirche, in die „Tiefe der nationalsozialistischen Gedankenwelt“ zu schauen und sich nicht durch „äußere Schönheitsfehler“ abschrecken zu lassen. Die von Gott gewollte Aufgabe für die deutsche Politik sei nach Wienecke die Förderung des „arisch-germanischen Menschen.“ Die Aufgabe von Theologie und Pfarrerschaft sei es, zu helfen, dass die Nazi-Bewegung „erfüllt von göttlicher Kraft unserem Volk Gesundung bringe“.
Siehe hier: „Die unrühmliche Rolle der evangelischen Kirche im Dritten Reich“.
Es ist nicht erstaunlich, dass in den überwiegend protestantischen Gebieten des Deutschen Reichs, die Nationalsozialisten die höchsten Wahlergebnisse einfuhren.

Die Politiknähe der evangelischen Kirche setzte sich nach dem Krieg in der Bundesrepublik fort. So ist auch der SPD-Politiker, der oben zitierte Pfarrer Albertz ein Beispiel dafür. Die vielfältige Personalunion von Ratsmitgliedern und Pfarrern der EKD mit der SPD ist Fakt und hat sich offensichtlich prägend auf die „Botschaften“ der EKD ausgewirkt. Neuerdings erleben wir Personal- und Gesinnungsunionen mit den Gender-, Lesben- und Schwulen-Propagandisten der Partei der Grünen.

Albertz meint, es sei „Unsinn, daß das Evangelium politikfrei vorgetragen werden könnte“. 
Ich meine, dass man das Evangelium politikfrei vortragen muss und kann, weil darin ewige Werte und Prinzipien ausgedrückt sind. Weil dadurch die Kirche daraus nicht aufzugebende Wahrheiten für das Zusammenleben der Menschen für alle Zeiten ableiten kann, welche nicht politischen oder zeitgemäßen Ideologien oder dem gerade herrschenden Zeitgeist unterworfen werden dürfen.

Das evangelische Pfarrhaus als „Kaderschmiede“? Die Zeiten des Pfarrhauses als „Quellstube der Nation, die … den deutschen Himmel der Dichter und Denker ziert“ sind vorbei, man darf sogar ätzend darauf verweisen, das z.B. auch Gudrun Enßlin, die blutigste RAF-Aktivistin aus einem evangelischen Pfarrhaus stammt, und der als Politiker und Pfarrer schwer gebeutelte Pastor Albertz hätte sich damals gewiss nicht träumen lassen, dass dereinst ein evangelischer Pfarrer, der in einem offensichtlich ehebrecherischen Verhältnis lebt, gar zum Bundespräsidenten gewählt wird.

Albertz zitiert in seinem ZEIT-Artikel den DDR Dichter Rainer Kunze mit seinem Gedicht zum Pfarrhaus (1968)

„Wer da bedrängt ist findet
mauern, ein
dach und
muss nicht beten“.

Ich mag die Lyrik, die Metaphern von Rainer Kunze, aber gibt es heute noch diese Mauern und Dach als Schutz? Sind sie nicht auch vom Geist der Political correctness und eines unduldsamen Gutmenschentums der Bewohner geschliffen worden.
Das „muß nicht beten“ gilt und galt auch ohnehin schon für jeden der Bewohner, der glaubte, dass Gott tot ist. Mit diesem Glauben kann man Pfarrer oder Bischof werden, und braucht auch dann kein Kreuz mehr in der Öffentlichkeit tragen und darf sich Andersgläubigen unterwerfen.

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