Kurze Nachlese zum deutschen Jahrhundertfeiertag

Süßes oder Saures

31. Oktober, gegen 19 Uhr – und gerade zu Tisch beim Reformations-Festabendessen – klingelt es Sturm an der Haustür. Ich ahne schon etwas und habe somit keine Lust, unverweilt die Tür zu öffnen und nähere mich von der Terrasse her den uneingeladenen Gästen.
„Süßes oder Saures!“ verlangt der Chor.
„Wie bitte?“
„Es ist Feiertag!“ kräht es mir entgegen.
Etwa ein halbes Dutzend männlicher Halbwüchsige, teils mit grotesker Gesichtsbemalung und dazu stimmigem Outfit, im Alter zwischen 13 und 18 Jahren, haben sich vor meiner Tür versammelt. Unverkennbar sind auch ein paar türkische Jüngelchen aus der verwestlichten Spaßfraktion der hiesigen muslimischen Community mit von der Partie. Sind die mitgekommen, um „Ungläubige“ aufzuklären?
„Welcher Feiertag?“, frage ich, den Unbedarften mimend; und in Blick auf einen mir bekannten Jung-Muselman: „Ramadan ist doch längst vorbei.“
„Halloween“ schallt es zurück, in einem etwas mit Gereiztheit unterlegten Tonfall, so wie man sich einem begriffsstutzigen alten Sack erklären muss.
„Ist nicht heute Reformationstag? Hallo Wien sagt mir nichts.“ versuche ich einzulenken.
Nun kriege ich ein mitleidiges Lächeln meiner Festtagsgäste ab. Aber nachdem man erkennt, dass es weder Süßes noch Saures gibt – allenfalls vielleicht noch Essiggurken nach dem Verfallsdatum – verdrückt sich die bunte Schar.

 

Erhebendes und Erleuchtendes.

Je eine Stunde haben ARD und ZDF in ihren Hauptprogrammen mit Gottesdienst und Festakt am 31. Oktober 2017 dem Reformationsgedenken gewidmet. (Das nachfolgende „Internationale Schlagerfest“ war aber der ARD eine Sendezeit von drei Stunden wert.)
Nicht dass ich mich ganztägig mit dem Reformationsgewese hatte volldröhnen wollen, auch der „Thementag“ bei 3Sat oder Phoenix mit Geschichtsbelehrungen a la Guido Knopp oder anderer polit-korrekter Historiker hat mich nicht herausgefordert.
Es genügte, was ich denn später in den Nachrichten hören und lesen konnte.

„Bischof Bedford-Strohm ruft Kirche zur Erneuerung auf!“ titelten mehrere Online-Portale und Zeitungen über die Nürnberger Reformationstagspredigt „des evangelischen Oberpropstes Bedford-Strohm (der mit dem Kreuzverstecken bei den Imams)“. Wie der Publizist Albert C. Sellner bei Tichys Einblick ätzt. Und:

er „beschwört die Agenda der notwendigen Weltrettung und lässt keine Ranschmeißparole an die Merkel-K.G-E.-Politik aus. „Luther wäre heute gegen Obergrenzen“ meint der wendige Protestanten-Chef, Kardinal Marx nickt sofort beflissen, K.G-E. strahlt begeistert und das Antlitz der Kanzlerin wird von einem inneren Licht erhellt – in den hinteren Reihen sitzt pflichtverdonnert anwesend der Horst und schaut verdrossen.“

So geschehen beim nachmittäglichen Festakt in Wittenberg.

Welche Kirche wollte dieser Apostat des Christlichen zur Erneuerung aufrufen?
Seinen esoterischen Kuschel-und Wohlfühlverein EKD? Dieser Verein mit dem wiederkehrenden Sonderparteitag der Grünen namens Kirchentag, auf dem man sich mit Themen wie „Ein Leib – viele Geschlechter – Trans- und Intersexualität“, „Ver-queeres Willkommen“ oder „Oversexed and Underfucked – Lust und Sexualität, Mythen und Realität“ befasst?
Oder hat er sich an den auch in Wittenberg anwesenden angeblichen Katholiken, den windig-wendischen Kirchen-Apparatschik namens Kardinal Rainer Marx gewandt?
Da seien die Ober-Evangolen vor, denn der katholische Religionsverein aus Deutschland mit seinem Islam-Appeasement und der jesuitische Befreiungspapst in Rom tun schon das Ihrige zur „Modernisierung“, hin zur Apokalypse der 2000 Jahre alten römisch-katholischen Kirche.
Aber wie heißt es in Matthäus 16.18: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“
Da wollen wir davon ausgehen, dass dies den Antichristen und Gegenwarts-Teufeln in ihrer „Gemeinde“ nicht gelingen wird.

 

Die Reformation als Weltbürgerin?

„Wir feiern die Reformation als Weltbürgerin, die Menschen über Konfessionen und Kontinente hinweg nicht spaltet, sondern verbindet. Die die Geißel des Nationalismus, für die sie so oft in Dienst genommen wurde, hinter sich lässt und zur Kraft der Versöhnung wird.“

sagte der Kreuz-Verweigerer Bedford-Strohm.

Was will er mit dieser verqueren Katachrese eigentlich ausdrücken?
Der Bischof scheint zudem geschichtsblind.
Richtig ist, dass die Reformation „Konfessionen und Kontinente“ in der Tat gespalten hat. Sie hat die Geißel von National- und Staatskirchen in den protestantischen Ländern der alten und der Neuen Welt entstehen lassen. Den nicht minder nachteiligen universalen Machtanspruch der römisch-katholischen Kirche in ihrer Geschichte lassen wir mal außen vor. In der protestantischen Kirche Englands und deren sektiererischen Ablegern in Nordamerika, in den calvinistisch beeinflussten Regionen und Staaten in Europa ist historisch gleichwohl nichts von der „Kraft der Versöhnung“ zu beobachten gewesen.
Auf diese beschworene „Kraft der Versöhnung“ der Protestanten und deren Auswirkungen mag ich – auch in meinem durchaus Rom-kritischen Katholisch-Sein – gerne verzichten.

In 500 Jahren, wenn in Deutschland der nächste arbeitsfreie Feiertag des Reformations- und Luther-Gedenkens gefeiert werden möchte, wird es vielleicht ein christliches Deutschland nicht mehr geben; und keine evangelische Kirche mehr. Die wahre, römisch-katholische Kirche wird hingegen auch das nächste halbe Millennium überstehen.
Wetten dass!

 

Das protestantische Pfarrhaus

 

 

 

 

In der neuesten Ausgabe des Magazins „Monumente“ (Deutschen Stiftung Denkmalschutz) beschäftigt sich die Autorin Julia Ricker – passend zum Lutherjahr – mit dem protestantischen Pfarrhaus: „Zwischen Himmel und Erde – Vom Leben protestantischer Pfarrfamilien“.
Diese Kunst- und kulturhistorische Abhandlung erinnert inhaltlich auch an einen Aufsatz in der ZEIT aus dem Jahre 2010, als bereits eine mögliche Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten diskutiert wurde.
„Gutes altes Pfarrhaus – Efeuumrankt, eichenbewacht – wer in diesem Idyll aufwächst, der kann vielleicht was Großes werden“ heißt es dort.

In beiden Artikel wird herausgestellt, welch besonderes „Biotop“ das protestantische Pfarrhaus war, quasi eine Kaderschmiede und eine Wiege von Dichtung, Philosophie und Wissenschaft in deutschen Landen, ein Hort der Bildung und Kultur. Unzählige deutsche Geistesgrößen sind daraus hervorgegangen, besonders seit dem 19. Jahrhundert.
Das Milieu Pfarrhaus gebiert jedoch ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Lessing, Claudius, Lichtenberg, Lenz, Jean Paul, Nietzsche, Hesse, Benn, Albert Schweitzer, Malcolm X, Dürrenmatt, C. G. Jung, Angela Merkel und Joachim Gauck … sie waren oder sind Pfarrerskinder. Einer Studie zufolge kamen Mitte des 19. Jahrhunderts von 1600 bekannten Deutschen 861 aus einem evangelischen Pfarrhaus.

Das Familienleben der Luthers galt als ein verwirklichtes Ideal und die Pfarrersfamilie hatte das ideale Christentum vorzuleben, fromm, gottgefällig und moralisch unbedenklich zu sein.
Der frühere SPD-Bürgermeister von Berlin und ehemalige Pfarrer, ebenfalls Pfarrerssohn Heinrich Albertz erkannte aber schon 1982 in einem ZEIT-Artikel: „Das Pfarrhaus stirbt aus“
Albertz greift in seiner Abhandlung auf ein Buch des Politikwissenschaftlers und Kulturforschers Martin Greiffenhagen („Pfarrerkinder“) zurück, der ebenfalls aus einem protestantischen Pfarrhaus stammt, Sohn eines Widerständlers in der Bekennenden Kirche.
Greiffenhagen führt das Absterben „der Quellstube der Nation, die seit Luthers Zeiten den deutschen Himmel der Dichter und Denker ziert“ u.a. auf die gewandelte Rolle, bzw. die Abwesenheit der Pfarrersfrau und die damit verbundene Auflösung der alten Familienstrukturen im Pfarrhaus zurück.
Albertz dazu:

„Ich selbst kann es auch bezeugen aus unzähligen Pfarrhäusern, in denen ich aus und ein ging, und aus den Geschichten der Großmütter in den pommerschen und brandenburgischen Landgemeinden: Sie war wohl das Herz des Lebens, die Mutter alles Lebendigen, viel mehr als der Vater in seiner wohlgehüteten Studierstube. Sie stirbt aus. Und mit ihr versiegt der Quell.“

Und noch etwas Wichtiges schneidet Albertz an:

„ … was Greiffenhagen als Syndrom des alten Pfarrhauses beklagt: seine Abstinenz gegenüber allem „Politischen“, ist spätestens seit Hitlers Zeiten vorbei. Schon sein eigener Sohn hat dies erfahren. Der Unsinn, daß das Evangelium gleichsam politikfrei vorgetragen werden könnte, ist im Absterben.“

Mit der „Abstinenz gegenüber dem Politischen seit Hitlers Zeiten“. Da irrt Albertz meinens Erachtens. 
Die deutschen Protestanten hatten gewiss ein besonderes Politik- und Staatsverständnis und eine besondere Staatsnähe.
Die preußische „Staatskirche“ unter den Hohenzollern war keineswegs politisch neutral.
Die Situation der evangelischen Kirche in Deutschland während des „Dritten Reichs“ war von politischer Spaltung geprägt und die von einer großen Zahl der protestantischen Pfarrer gegründete und getragene Organisation der „Deutschen Christen“ waren aktive Nazis und arbeiteten von der Kanzel dem „Führer“ zu.

Fahne der Deutschen Christen, 1932

Aber sogar die „Bekennende Kirche“, die später als Widerstandsorganisation geführt wurde, hatte aktive Nazis und SS-Mitglieder in ihren Reihen.
Bereits vor der Machtergreifung der Nazis gab es Verbindungen offizieller Vertreter der evangelischen Kirche mit den Nazis.
Die Berufung auf Luther mit seinem bekannt aggressiven Antisemitismus erleichterte die Fühlungnahme mit dem mörderischen Rassismus der Nazis.
Hans Meiser, ab 1933 evangelischer Landesbischof von Bayern verfasste 1926 als Direktor des Nürnberger Pfarrer-Seminars ein „Gutachten“ mit dem Titel „Die evangelischen Gemeinden und die Judenfrage“. Er spricht darin gegen „die Verjudung“ des deutschen Volkes aus, und er erklärt sich einverstanden mit den völkischen Idealen, deren Anhänger „mit der antisemitischen Bewegung in einer Front stehen“:Er beklagt den Einfluss der Juden auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet. Er schreibt: „Mag die Moral vieler Juden nichts anderes sein als stinkende Unmoral“, und so fordert er durch konkrete Maßnahmen „ein Zurückdrängen des jüdischen Geistes im öffentlichen Leben“ und die „Reinhaltung des deutschen Blutes“.
In Nürnberg nahm der evangelisch-lutherische Pfarrer Martin Weigel 1926 vor dem Altar der Lorenzkirche in Nürnberg eine Fahnenweihe für die Schlägertruppe der Nazis, der SA vor.
Im deutschen Pfarrerblatt, sozusagen die Pflichtlektüre aller evangelischen Pastoren, erscheint 1930 ein Grundsatzbeitrag über das Verhältnis von NSDAP und Kirche. Der Autor, Pfarrer Friedrich Wienecke, erklärt es zu den Aufgaben der Männer der Kirche, in die „Tiefe der nationalsozialistischen Gedankenwelt“ zu schauen und sich nicht durch „äußere Schönheitsfehler“ abschrecken zu lassen. Die von Gott gewollte Aufgabe für die deutsche Politik sei nach Wienecke die Förderung des „arisch-germanischen Menschen.“ Die Aufgabe von Theologie und Pfarrerschaft sei es, zu helfen, dass die Nazi-Bewegung „erfüllt von göttlicher Kraft unserem Volk Gesundung bringe“.
Siehe hier: „Die unrühmliche Rolle der evangelischen Kirche im Dritten Reich“.
Es ist nicht erstaunlich, dass in den überwiegend protestantischen Gebieten des Deutschen Reichs, die Nationalsozialisten die höchsten Wahlergebnisse einfuhren.

Die Politiknähe der evangelischen Kirche setzte sich nach dem Krieg in der Bundesrepublik fort. So ist auch der SPD-Politiker, der oben zitierte Pfarrer Albertz ein Beispiel dafür. Die vielfältige Personalunion von Ratsmitgliedern und Pfarrern der EKD mit der SPD ist Fakt und hat sich offensichtlich prägend auf die „Botschaften“ der EKD ausgewirkt. Neuerdings erleben wir Personal- und Gesinnungsunionen mit den Gender-, Lesben- und Schwulen-Propagandisten der Partei der Grünen.

Albertz meint, es sei „Unsinn, daß das Evangelium politikfrei vorgetragen werden könnte“. 
Ich meine, dass man das Evangelium politikfrei vortragen muss und kann, weil darin ewige Werte und Prinzipien ausgedrückt sind. Weil dadurch die Kirche daraus nicht aufzugebende Wahrheiten für das Zusammenleben der Menschen für alle Zeiten ableiten kann, welche nicht politischen oder zeitgemäßen Ideologien oder dem gerade herrschenden Zeitgeist unterworfen werden dürfen.

Das evangelische Pfarrhaus als „Kaderschmiede“? Die Zeiten des Pfarrhauses als „Quellstube der Nation, die … den deutschen Himmel der Dichter und Denker ziert“ sind vorbei, man darf sogar ätzend darauf verweisen, das z.B. auch Gudrun Enßlin, die blutigste RAF-Aktivistin aus einem evangelischen Pfarrhaus stammt, und der als Politiker und Pfarrer schwer gebeutelte Pastor Albertz hätte sich damals gewiss nicht träumen lassen, dass dereinst ein evangelischer Pfarrer, der in einem offensichtlich ehebrecherischen Verhältnis lebt, gar zum Bundespräsidenten gewählt wird.

Albertz zitiert in seinem ZEIT-Artikel den DDR Dichter Rainer Kunze mit seinem Gedicht zum Pfarrhaus (1968)

„Wer da bedrängt ist findet
mauern, ein
dach und
muss nicht beten“.

Ich mag die Lyrik, die Metaphern von Rainer Kunze, aber gibt es heute noch diese Mauern und Dach als Schutz? Sind sie nicht auch vom Geist der Political correctness und eines unduldsamen Gutmenschentums der Bewohner geschliffen worden.
Das „muß nicht beten“ gilt und galt auch ohnehin schon für jeden der Bewohner, der glaubte, dass Gott tot ist. Mit diesem Glauben kann man Pfarrer oder Bischof werden, und braucht auch dann kein Kreuz mehr in der Öffentlichkeit tragen und darf sich Andersgläubigen unterwerfen.

Bildergebnis für Bedford-Strohm Marx Tempelberg