TOSKANA in FRANKEN

Bildergebnis für Großherzog Ferdinand III von Toskana

Am 18. Juni 1824 starb Großherzog Ferdinand III von Toskana, Bruder des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und Großvater des ersten Königs des vereinten Italien Vittorio Emanuele. Als Kurfürst von Salzburg und mehr noch als Kurfürst und anschließend Großherzog von Würzburg war er eine prominente Gestalt in der Napoleon-Ära. Das Großherzogtum Toskana in Würzburg war der letzte Akt einer fast tausendjährigen eigenständigen Geschichte Mainfrankens.
Allzu großartig waren die Selbstständigkeit Ferdinands und die Souveränität des Großherzogtums Würzburg nicht gewesen. Napoleon bestimmte die Außenpolitik, wie bei allen Rheinbundstaaten. Die Innenpolitik wurde durch die französischen Gesandten und Militärgouverneure streng kontrolliert. Während der Kontinentalsperre beschlagnahmten französische Zöllner englische Waren bei Würzburger Kaufleuten, ohne den Großherzog oder seinen Staatsrat auch nur zu informieren. Seit 1810 waren die Tage bzw. Jahre des Großherzogtums gezählt. Napoleon plante, es mit dem Großherzogtum des alten und kranken Fürstprimas des Rheinbunds Karl Theodor von Dalberg nach dessen Tod zusammenzulegen. Souverän dieses neuen Staates sollte Eugène Beauharnais werden, Stiefsohn Napoleons und Schwiegersohn des bayerischen Königs Max Joseph. Für Ferdinand winkte ein politischer Aufstieg, für ihn war die Rolle des Königs von Polen gedacht.
Vor der Toskanazeit gehörte das Gebiet des ehemaligen Fürstbistums Würzburg bereits mehr als drei Jahre zu Bayern. Die kurpfalzbairische Verwaltung von 1802/03 bis 1806 war angetreten, den ihrer Meinung nach zurückgebliebenen Franken das „aufgeklärte Zeitalter“ zu bringen. Mit eisernen Besen wurden die Relikte der angeblich „dunklen“ Jahrhunderte unter den Fürstbischöfen weggefegt. Die Folge war eine solche Vernichtung von religiösen Kulturdenkmälern, wie sie nicht einmal Stalin nach 1945 in Polen gewagt hätte. Die Folge dieser bairischen Barbarei war ein politischer Stimmungsumschwung am Main. Die Masse der Bevölkerung und der fränkische Adel waren sich einig in ihrer antibairischen Stimmung. Man fühlte pro-österreichisch.
Österreich aber verlor im Kampf gegen Napoleon 1805 die Schlachten von Ulm und Austerlitz. Der Frieden von Preßburg im Dezember 1805 brachte einschneidende territoriale Veränderungen. Das mit Napoleon verbündete Bayern erhielt Tirol und Vorarlberg, musste jedoch das mainfränkische Gebiet an den bisherigen Kurfürsten von Salzburg und früheren Großherzog von Toskana abgeben. Als Ferdinand am 1. Mai 1806 in Würzburg einzog und damit Würzburg für ein paar Wochen zum letzten Kurfürstentum des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation machte, war der Jubel in Mainfranken groß.
Es begann jedoch keine österreichische sondern eine französische Epoche am Main, da Ferdinand im September 1806 dem Rheinbund beitreten musste. Inzwischen gab es nach tausendjähriger Geschichte kein Heiliges Römisches Reich mehr und damit auch keine Kurfürsten. Ferdinand war von Napoleons Gnaden zum Großherzog avanciert, eine Rolle die er schon von Österreichs Gnaden in der Toskana gespielt hatte. Ferdinand war das Bündnis mit Napoleon nur allzu gerne eingegangen, um vom Wiener Hof seines Bruders unabhängig zu werden. Der Großherzog verstand es in der Folge meisterhaft, bei Napoleon als treuer Freund und bei den Gegnern Frankreichs als armes Opfer des Korsen zu erscheinen.
Das politische Leben des Großherzogs von Toskana verlief ohne den geringsten Hauch von Tragik. Der politische Überlebenskünstler verlor eine Herrschaft nach der anderen und fiel wie eine Katze immer wieder auf die Füße. Napoleon spielte nach der Schlacht von Wagram (1809) sogar mit dem Gedanken, Ferdinand auf den österreichischen Kaiserthron zu setzen. Napoleon schätzte den Großherzog wegen einer ganz besonderen Eigenschaft: Ferdinand war unbeschreiblich faul, eine Art habsburgischer Oblomow, – und damit ein äußerst bequemer Verbündeter.
Großherzog Ferdinand führte im Schloss Werneck bei Schweinfurt ein vorwiegend privates Leben. Er kann meist nur einmal in der Woche in seine Hauptstadt nach Würzburg, um die Sitzung des Staatsrats zu leiten. In Werneck feierte der Witwer keine Feste sondern lebte zurückgezogen und beschaulich, kümmerte sich vorbildlich um seine Kinder, den Sohn „Canapino“ und die beiden Töchter. Beim Küchenpersonal soll er einige uneheliche Kinder hinterlassen haben. Ansonsten interessierte er sich nur wenig für sein Volk. Aus Gründen der image-Pflege fuhr er hie und da übers Land und machte sich Notizen, die keiner las. Einmal im Jahr spielte er in der Würzburger Residenz den Prater-Wirt für seine Gäste, mit grüner Mütze und weißer Schürze. So eroberte er sich die Herzen seiner Untertanen. Die Staatsgeschäfte überließ er seinem Staatsrat.
Die Politik dieses Staatsrats bestand aus unglaublich kleinkarierten Streitigkeiten, vor allem mit dem Königreich Bayern. Bis 1810 gelang damit jedoch die territoriale Abrundung des Großherzogtums. Einbezogen wurde das ganze Schachbrett der jahrhundertealten Herrschaftspositionen zwischen Rhön und Taubertal, Spessart und Steigerwald. Zum ersten Mal in der Geschichte gab es in Mainfranken ein geschlossenes staatliches Territorium.
Entgegen seinem Ruf war Ferdinand tolerant. Er behielt die von Kurpfalzbaiern eingeführte Parität der Konfessionen bei. Es entstand sogar eine evangelische Landeskirche im Großherzogtum. Der Großherzog ‚befreite‘ auch die Juden, allerdings im Mafia-Stil, d.h. gegen Ankauf eines kostspieligen ‚Schutzpatents‘.
Viele gefallene fränkische Soldaten schon vor Napoleons Russlandfeldzug beweisen, dass der Kaiser der Franzosen die Außenpolitik des Großherzogtums diktierte. Dabei ging es Würzburg immer noch besser als den anderen Rheinbundstaaten. Nach der Völkerschlacht von Leipzig sagte sich Ferdinand gerade noch rechtzeitig von seinem Protektor Napoleon los und wechselte zur Allianz der Sieger über. Dies sollte ihn aber nicht hindern, an seinen Freund Napoleon auch künftig allzu freundliche Briefe nach Elba zu senden.
Die Re-Bavarisierung Mainfrankens vollzog sich langsam. Österreichisch-bayerische Truppen standen schon seit Oktober 1813 am Main, nachdem der bayerische ‚Feldherr‘ Fürst Wrede zuvor die wehrlose Stadt Würzburg drei Tage lang unnütz beschossen hatte, Die Festung Marienberg blieb bis Mai 1814 in der Hand der Franzosen. Die Bayern waren überrascht, 1814 bessere Verhältnisse vorzufinden als bei ihrem Abzug 1805/06. Lediglich die großherzogliche Justiz war in einem chaotischen Zustand.
Großherzog Ferdinand zog unter dem Jubel der Italiener wieder in Florenz ein. Aus Deutschland hatte er einige Souvenirs mitgenommen, den Domschatz von Salzburg und Teile des Würzburger Domschatzes, heute im Palazzo Pitti in Florenz zu bewundern. (So ging – wie tröstlich – dieser Teil des Domschatzes nicht in der Würzburger Bombennacht des 16. März 1945 unter.) In Florenz entpuppte sich Ferdinand als liberaler Fürst, zum Schrecken Metternichs. Politisch Verfolgte fanden Asyl in Florenz. Die Stadt wurde das ‚Mekka‘ der politischen Flüchtlinge Italiens. Ferdinando, wie sich der Granduca nun nannte, verheiratet seine Tochter Maria Teresa an den späteren Thronerben von Piemont. Sein Enkel Vittorio Emanuele wurde 1861 der erste König des geeinten Italien.
Ferdinando überließ auch in Florenz das Regieren seinen Ministern. Als er zum ersten Mal in seinem Leben selbst eine Aufgabe anpackte, die Freilegung der Maremmen-Sümpfe, holte er sich prompt die Malaria und den Tod.
Sichtbar geblieben ist nur wenig von der Toskana-Zeit in Mainfranken: In der Malerei das Deckengemälde im Himmelssaal des Schlosses Werneck, in der Architektur Würzburgs ein Zuchthaus, die später unter dem bayerischen König Ludwig I berüchtigte Fronfeste, heute Jugendherberge, ferner einige Zimmer im Südflügel der Residenz, dort auch der Toskana-Saal, heute Hörsaal der Universität (Lehrstuhl für Kunstgeschichte) sowie das erst später vollendete Wachthaus am Zeller Tor. Auf dem Lande ist vor allem die Rundkirche in Unterhohenried zu erwähnen, nach dem Vorbild des römischen Pantheons, hier allerdings im Bonsai-Format. Außerdem findet man vereinzelt eine Dorfkirche, zum Beispiel in Donnersdorf, einem Ort, der im 20. Jahrhundert als Wohnsitz des Tierprofessors Bernhard Grzimek einen spärlichen Bekanntheitsgrad erlangte, heute als Heimat des bayerischen Innenstaatssekretärs Gerhard Eck.
J.H.

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