Frohe Ostern!

Allen, die hier vorbeischauen!

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Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häusern dumpfern Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straße quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle an’s Licht gebracht.

J.W.Goethe: Faust – Osterspaziergang

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Die Heinzelmännchen zu Köln

Nachdichtung eines Klassikers des deutschen Gedichtschatzes.

Wie war zu Köln es doch vordem,
An Silvester doch so schön!
Denn, war man richtig so in Laune,
Mit Lust auf Trommel und Posaune,
Da ging man früh bei Nacht –
Gar nicht lange nachgedacht –
Männlein und und Weiblein zum Dom und man schwärmte
Und klatschte und lärmte,
Und rupfte
Und zupfte,
Und hüpfte und tanzte
Und lachte und ranzte,
Und an nicht Böses wird gedacht,
Man freute sich auf die Neujahrsnacht!

Die Polizei, man glaubt es nicht,
Stand rum, verdrückte sich.
Doch kam ne neue Männerschar,
Die meisten aus Nordafrika:
Die nahmen blond und braun,
In Hauptsach junge Fraun;
Und fummelten und grapschten
Und fingerten und patschten,
An Busen und an Hintern,
Um nebenbei auch noch zu plündern,
Was nicht niet- und nagelfest:
Handys, Taschen, auch den Rest.
Und eh´s die Polizei versah,
War die Schande fertig da!

Bei der Presse war nicht Not,
Schließlich war ja keiner tot.
Die Lügenkerle schauten weg,
Als wäre es nur Dreck.
Als nichts mehr zu verbergen war,
War den Medien eines klar:
Es ist ein Problem mit Männer,
Sagten Expertinnen und Kenner,
Und sagten
Und klagten:
Männer sind halt Schweine,
Aber bei „Asylanten“ gibt es keine.
Köln ist nur Oktoberfest,
Wie Fasching oder Winzerfest.

Die Politik hat große Not,
wie kriegt man das ins Lot?
Der Innenminister sprach mit Huld:
Wir haben keine Schuld.
Der Präsident der Polizei
Von Köln bemerkte dieses Ei.
Und wurde schnell zurückgetreten,
Da half kein Schwören und kein Beten.
Frau Bürgermeister hatte auch parat:
Für Frauen einen dummen Rat.
So schnitten und rückten
Und nähten und stickten,
Und strichen und guckten
Und zupften und ruckten,
Grüne und Rote,
Das Ganze zur Anekdote.

Fortschrittlich ist auch der Bischof von Köllen,
Er fürchtet nicht Himmel und Höllen.
Er möchte sich gerne erbarmen,
Mit Flüchtigen, nicht mit hiesigen Armen.
Stellt ein Boot aus,
Direkt vor seinem Haus,
Vor des Domes Stufen,
Um noch mehr zu rufen:
Sie sollen doch kommen.
Die Islam-Frommen,
Nicht zu schänden und zu stehlen,
Nein, zu retten der christlichen Seelen.
So meinte es der Kölner Kardinal,
läßt seinen Schäfchen keine Wahl.

Wie war zu Köln es doch vordem
Mit Schwulen so bequem!
Denn will man Geld einnehmen, nichts entrichten,
Für Kindergärten und noch ähnlich Pflichten,
Für Lesben und für Schwule,
braucht´s Kita nicht und Schule.
Sie kamen nicht bei Nacht,
So wie man’s sich gedacht,
Die Schwulen. Und sie schwärmten,
Und klapperten und lärmten,
Und schafften
Und rafften,
Und hausten und zahlten,
Den Kölnern, die darob noch prahlten:
Denn eh einer nachgedacht,
Hatten die „Kreativen“ dem Kölner Geld gebracht.

Doch weh! Nun sind bald alle fort,
Und bald ist keiner mehr am Ort!
Man kann hier nicht wie sonsten bleiben,
Wenn Islamisten Terror treiben!
Ein jeder Schwule muss allein
Hier für sich wachsam sein.
Kratzen und schaben,
Rennen und traben,
Und schniegeln,
Und biegeln,
Und klopfen und schreien,
Protestieren, kasteien.
Ihr könnt nicht obsiegen!
Der Islam wird Euch kriegen!

Der Karneval: Man soff und trank
Bis jeder niedersank.
Am Rosenmontag auf den Gassen,
der Spaß war nicht zu fassen.
In Köln gehört es zur Kultur,
der Kölner stellt danach die Uhr.
Doch darauf wird er bald verzichten,
Die Islamisten werdens richten.
Die Polizei musst´s schon erklären,
Wir können nicht mehr Schutz gewähren:
Mit Knüppeln und Waffen,
ist das nicht mehr zu schaffen.
Wir ahnen,
Und wir mahnen:
Vor Bomben und Knarren,
Macheten, Sprengstoffkarren.
– Und eh der Kölner noch erwacht,
Ist er um seinen Karneval gebracht!

Wie war zu Köln vordem.
die Freiheit so genehm!
„Leeve un levve losse.“
Sagte jeder Volksgenosse,
Da kam – wieder nicht bei Nacht,
Die AFD-Faschistenwacht:
Höhner, Kasalla und Konsorten
Sagten: Wir wollen nicht an Orten,
Wo AfD und Rechte tagen,
Unseren Blödsinn auch vortragen.
Und so rupfen,
Und zupfen,
Und hüpfen und traben,
Und putzen und schaben…
Die neuen Heinzelmännchen von Köln am Rhein.
Drum wird´s nie mehr wie einstmals sein.

DER HINTERBRINGER

von Elias Canetti

Der Hinterbringer mag nichts für sich behalten, was einen andern kränken könnte. Er beeilt sich und kommt anderen Hinterbringern zuvor. Manchmal ist es ein bitteres Rennen, und obwohl sie nicht alle vom gleichen Punkt losgehen, spürt er, wie nah die andern schon sind und überholt sie in riesigen Sprüngen. Er sagt es sehr rasch und es ist ein Geheimnis. Niemand darf davon erfahren, daß er es weiß. Er erwartet Dankbarkeit und sie besteht in Diskretion. »Ich sag’s nur Ihnen. Es geht nur Sie etwas an.« Der Hinterbringer weiß, wenn eine Stellung bedroht ist. Da er sich so rasch fortbewegt, er beeilt sich sehr, wächst die Bedrohung auf dem Weg. Er kommt an und es ist schon ganz sicher. »Sie werden entlassen.« Der Betroffene erbleicht. »Wann?« fragt er und »Wieso? Man hat mir nichts gesagt.« »Man hält es geheim. Man wird es Ihnen im allerletzten Augenblick sagen. Ich mußte Sie warnen. Verraten Sie mich aber nicht.« Dann hält er eine ausführliche Rede darüber, wie furchtbar es wäre, wenn man ihn verriete, und während das Opfer noch keine Zeit hatte, die eigene Gefahr ganz zu ermessen, fühlt es schon Mitleid mit dem Hinterbringer, diesem besten Freund.

Der Hinterbringer läßt sich keine Beleidigung entgehen, die im Zorn geäußert wurde und sorgt dafür, daß sie den Beleidigten erreicht. Weniger gern hinterbringt er Lob, aber um zu beweisen, wie gut er gesinnt ist, zwingt er sich bisweilen dazu. In solchen Fällen beeilt er sich nicht und zögert noch an Ort und Stelle. Das Lob liegt ihm wie ekles Gift auf der Zunge. Bevor er es ausspuckt, glaubt er zu ersticken. Schließlich sagt er’s, aber sehr keusch, als hätte er Scheu vor der Nacktheit des Andern.

Sonst kennt er weder Scham noch Ekel. »Sie müssen sich wehren! Sie müssen etwas tun! Sie können das nicht einfach hinnehmen!« Er berät den Betroffenen gern, schon weil es länger dauert. Seine Ratschläge sind so, daß sie die Angst des Opfers vergrößern. Es ist ihm ja nur um das Vertrauen der Menschen zu tun, ohne Vertrauen kann er nicht leben.

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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels:

DER JÄHRLICHE KISTENGAUKEL DES LINKEN JUSTE MILIEU IN DER PAULSKIRCHE

Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels wird von der polit-medialen Klasse der Bundesrepublik jährlich als eine Art kulturelles Hochamt zelebriert. Ich habe es mir abgewöhnt, die Reden der Laureaten wie der Laudatoren vor der Glotze anzuhören. Bei Bedarf können diese Ausflüsse intellektueller Hochleistungen auf dem Niveau des jeweiligen Zeitgeistes auch im Internet nachgelesen werden.

Bei „Friedens“preisen bin ich grundsätzlich skeptisch (geworden). Zu Recht meine ich, wenn man z.B. bestimmte Preisträger des „Friedensnobelpreises“ betrachtet. Seit 1967, mit der Verleihung des deutschen „Friedenspreises“ an den Edel-Marxisten Ernst Bloch, häuften sich die bundesdeutschen Besonderheiten dieses Preises, auszumachen nicht nur an den jüngsten Preisträgern.

Vor der diesjährigen Preisverleihung an die „Publizistin“ und Journalistin Carolin Emcke war im Berliner Tagesspiegel ein Interview mit der Preisträgerin zu finden, in dem sie bekannte: „Lieber politisch inkorrekt als moralisch infantil“. Ich hatte nicht mehr die Zeit, ihr dort gerühmtes Buch „Gegen den Hass“ mir noch einzuverleiben und beschränke mich als Quellen für meine Betrachtungen der Person und ihren Background auf dieses Interview und den Text der Rede, die sie am 23. Oktober vor einem illustren Publikum (u.a. mit BuPrä Gauck und JuMi Maas) in der Paulskirche gehalten hat. Die Laudatio auf die Preisträgerin trug Seyla Benhabib, eine amerikanische Professorin vor, deren Themengebiete die sozialpolitische Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und – wer ahnt es nicht – feministische Theorie und die Frankfurter Schule (!) sind. Dies als Anmerkung. In der Begründung des Stiftungsrats für die Preisverleihung an Carolin Ecke heißt es:

„Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2016 an Carolin Emcke und ehrt damit die Journalistin und Publizistin, die mit ihren Büchern, Artikeln und Reden einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden leistet. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei besonders jenen Momenten, Situationen und Themen, in denen das Gespräch abzubrechen droht, …“

Als ein Kernsatz der von Carolin Ecke gehaltenen Rede wurde von etlichen Postillen ihre Aussage „Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten dürfen wir nicht“ als Titel gewählt. Ihre Homosexualität nimmt sie denn auch als Aufhänger für eine Kernformel ihres Vortrages, der gesellschaftlichen Zugehörigkeit“ oder „Angehörigkeit“. Sie beklagt, dass unter anderem die (ihre) sexuelle Orientierung immer noch „abgelehnt“ oder „pathologisiert“ werde.

Von wem noch – wer traut sich noch, werfe ich mal ein?

Sie spinnt den Faden weiter:

„Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeutete ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen. So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, … Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal „geduldet“ und auf gar keinen Fall „respektiert“ werden? Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht? Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die zu uns gehören, absprechen wollen?“

Und:

„Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Jetzt kommt es aber dicke an die von ihr in Visier genommene Adresse:

„Zurzeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa … Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen. Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, …“

Carl Carolin Emcke ruft dann aus humanitär erhöhter Sicht „zum Dialog, zum Zuhören“ auf – für eine „freie, säkulare, demokratische Gesellschaft“. Aus Interview und Rede wird klar, wen sie als Feind erkennt – den angeblich ideologisch wahren Feind der Freiheit, der Demokratie und einer exklusiv säkularen Gesellschaft oder Ordnung. Der politische Islam oder die kriminell und militant verfranzte „Antifa“ kommt bei ihr nicht vor. Die Populisten und die von ihr nebulös definierten „Fanatiker der Reinheit“ sind diese Feinde, wozu sie auch den „salafistisch geprägten Islamismus“ hinzurechnet.

„Die neue Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat angesichts des gegenwärtigen Hasses und Fanatismus in der Gesellschaft zur Zivilcourage aufgerufen“, textete die FAZ. Hass und Fanatismus werden von der Friedenspreisträgerin in Einmütigkeit mit der „Elitenpresse“ natürlich nur auf bestimmter Seite des ausgespähten gesellschaftlichen Spektrums verortet. In dem erwähnten Interview für den Tagesspiegel ist C. Emcke deutlicher in ihren Attacken, als in ihrer „Paulskirchenrede“:

„(Wir) erleben … derzeit nicht nur im Internet, sondern auch auf der Straße eine Form von Entgrenzung und Selbstbewusstsein, die schon erstaunlich ist. Da sind Leute nicht nur der festen Überzeugung, selbst im Recht zu sein, sondern sie sind sich auch sicher, andere Menschen grundsätzlich angreifen zu können. … Das geschieht nicht mehr ausschließlich in randständigen Bereichen, sondern ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Das ist die inzwischen typisch links-elitäre Abgrenzung zu dem, was man als „Mitte“ versteht oder einst verstanden hat. Nicht nur Pegida oder AfD sind das Ziel ihrer „Sorge“, die Mehrheit des Volkes, die sich eher konservativ denn als „links“ versteht. Und so wertet sie auch gleich die Sorgen oder gar Ängste, welche die Masse der Bevölkerung in unserer Zeit bewegen links-kultiviert herab:

„Dabei wird die Sorge, die manche Menschen berechtigterweise angesichts von sozialen und politischen Missständen oder prekären Arbeitsverhältnissen empfinden, vorgeschoben, um die Grenzen des Sagbaren zu verrücken und dahinter Ressentiments zu verbergen. Es ist doch bemerkenswert: Man tut so, als ob ein Gefühl an sich bereits ein politisches Argument darstellte. … Das hat auch etwas leicht Infantiles.“

Das ist schon eine perfide Dialektik. Liege ich daneben, wenn ich mich bei den letzten Sätzen an die Methode und Herangehensweisen z.B. einer Claudia Roth gemahnt fühle, die sicher nicht zu den Verdächtigen von Emcke zählt?

Emcke beklagt ein verengtes Weltbild bei ihren Studienobjekten zum Thema „Hass“. Sie möchte herausstellen, „wie die Ressentiments der Hassenden geformt werden, dass sie andere nur als „Kriminelle, “Invasoren“ oder „Terroristen“ wahrnehmen“. Dazu ist sie in den „rechten Internetforen“ fündig geworden und erkennt dort „eine sehr aufgeregte Welt im permanenten Ausnahmezustand.“ Die „Neo-Rechten und islamistische Fanatiker“– die funktionieren für sie wie eine „Spiegelfigur“, beide seien „Ideologen der Reinheit“ und sie haben eine „apokalyptische“ Weltsicht, wegen der „Erzählung der permanenten Bedrohung, (des) Herbeisehnen von etwas Bürgerkriegsähnlichen“, es herrsche „ein Dauerbombardement mit Schreckensnachrichten“.

Ich mache mal eine Kommutierung: Erleben wir nicht ebenfalls ein „Dauerbombardement“ mit Unterstellungen, Verdächtigungen und Ressentiments durch die „Eliten“, durch die den Emckes Beifall-spendenden Politiker, wie Gauck, Maas und deren Konsorten in Politik und Medien. Emcke ist eine Stichwortgeberin für diese Bekämpfer der neu ausgedachten sog. „Hassverbrechen“ – im Internet oder bei Pegida. Die richtige Vorgehensweise bei den von C. Emcke gesellschaftlichen und gesinnungsmäßigen festgestellten Disparitäten liege beim „ … Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.“

Das klingt toll, man stimmt zu und man möchte rufen: Tut es, zeigt wechselseitigen Respekt… Doch wie wird es getan werden? Sicher nicht mit Zugestehen von Schwächen und Verzeihen, gewiss nicht puristisch durch offen „diskursiv begründete Verfahren“ der „Frankfurter Schule“, wie man Glauben machen möchte. Da stehen die Erfahrungen des Volkes mit der politischen Klasse dagegen mit den  inzwischen geschaffenen Institutionen staatlich etablierter und auch sich privat ermächtigender Gesinnungswächter unter der Ägide des Wahrheitsministeriums des Holger Maas. Das Recht wird weiter als „Erziehungsmittel“ ausgestaltet werden und man wird noch intensiver bestrebt sein, die Moral des Bürgers zu steuern und ihn über sein richtiges Verhalten belehren (Johann Braun – Soziale Lenkung, Sezession 69). Man hat es inzwischen gelernt, je dräuender die Probleme, je offensichtlicher das Verderben als eigene Schuld erkannt wird, um so strikter wird mit Kritikern und Zweiflern, mit dem „Pack“ umgegangen. Opposition findet in der real agierenden Politik der Bundesrepublik ohnehin nicht mehr statt. Das linke – gar nicht mehr so liberale – „juste Milieu“ hat endgültig die Moral für sich okkupiert und in eine fast unüberwindbare Hypermoral transformiert. C. Emcke hat die Frankfurter Paulskirche einmal mehr als Schaubühne für das Theater der ausgrenzenden Hypermoralisten und der bundesdeutschen Tugendbolde stupriert. Bei Günter Zehm (in „Gesunder Menschenverstand“ – 2009) fand ich folgende Sequenz zum Thema Tugendbold und Moral

„… es sind bei weitem nicht alle Tugendbolde Heuchler, vielleicht sogar die meisten führen die Tugend nicht nur im Mund, sondern praktizieren sie durchaus, zeigen den anderen Wesen immer wieder, wie moralhaltig und wahrheitsliebend sie sind. Nietzsche hat diese Spezies in seiner Schrift Zur Genealogie der Moral boshaft-treffend charakterisiert. Es sind natürlich keine Heuchler, sagt er, sondern Darsteller, und zwar schlechte Darsteller, die in schier unerträglicher Weise übertreiben, dick auftragen. Diese Leute, schreibt Nietzsche, sind krank vor lauter Moral. »Die Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit wenigstens darstellen – das ist der Ehrgeiz dieser Kranken. Und wie geschickt macht ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge der Tugend, selbst der Goldklang der Tugend, nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen […]. >Wir allein sind die Guten, die Gerechten<, so geben sie uns zu verstehen, >wir allein sind die Menschen guten Willens<. Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns.«

Neben ihrer „Erzählung“ zum Hass sollte die eigentliche Intention von Emcke noch einmal genauer herausgestellt werden. Ihrer „Rede“ ist unzweideutig zu entnehmen, dass das, was von der Mehrheit von uns –  dem deutschen Volk – als verbindendes Ganzes angesehen wird, aufzulösen ist in eine ihrerart „offene Gesellschaft“, welche aus der „Diversität“ lebt und schöpft und welche als Patriotismus allein den „Verfassungspatriotismus“ (Habermas) gelten lassen kann. „Vielfalt“ sei nach Emcke „nicht nur zu tolerieren, sondern zu feiern.“ Für sie ist demgemäß kein Platz mehr für Nation, deutsches Volk oder deutsche Leitkultur. Was für die Mehrheit der Deutschen noch zählt: Gemeinsame Kultur, Sprache, Geschichte und Verbundenheit, hat nichts zu gelten. Die Paulskirchen-Laureatin macht sich damit auch zum Sprecher der immer aggressiver auftretenden und krakeelenden Minderheit unseres Volkes (oder nur „Bevölkerung“?), die von einem Hass auf das Eigene, alles Deutsche beseelt ist. Ihre Einstellung begründen diese Leute als Lehre aus der angeblichen Diskreditierung des Nationalstaates durch die Kriege des 20. Jahrhunderts und aus der besonderen Erfahrung des Nationalsozialismus. Dieser Hass ist gesund in diesen Kreisen, für welche die Selbstaufgabe der deutschen Nation  das Ziel ist. Durch vorbehaltlosen Humanitarismus und Kosmopolitismus als das einzig Hüllende möchte man den angeblichen Makel der eigenen, deutschen Identität beseitigen.

Frau Emcke erträumt für Zuhörer ihrer „Klasse“ das Hirngespinst von einer heilen Weltgesellschaft, in der alle Menschen Brüder/Schwestern geworden sind. „In der jeder die Bedürfnisse und Interessen jedes anderen berücksichtigt als wären es die eigenen.“ interpretierte dies u.a. schon der bekannte Staatsrechtler Josef Isensee.

Wie riefen die Jakobiner der Französischen Revolution: „La fraternité ou la mort!“, zu Deutsch „Brüderlichkeit oder Tod!“, oder wie man auch sagt: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein!“ Soweit zu den Friedenserfahrungen unter dem Einfluss real gelebter Utopien. Und so schließt sich der Kreis – vom „Friedensnobelpreis“ bis zum „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“, die als jährliche „Kistengaukelei“ (= Ehre oder Ehrung) in Oslo und Frankfurt mit „Gepräge und Goldklang der Tugend“ inszeniert werden.

Biedermann und die Brandstifter

Eine aktuelle Parabel

„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch ist 1953 zuerst als Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk gesendet worden und erfuhr 1958 als Drama seine Erstaufführung am Schauspielhaus Zürich.
Die Parabel von Biedermann steht für die fatale Fähigkeit des Menschen, eine erkennbar drohende Gefahr auszublenden und dem eigenen Untergang mit offenen Augen entgegenzugehen. Der Biedermann lernt nichts aus seinen Beobachtungen, sondern verdrängt stattdessen aus Indulgenz und Trägheit seine notwendigen Einsichten.
Man findet im Netz zahlreiche Inhaltsangabe des Stückes. Hier eine etwas eingehendere, wie sie trefflich passend in dem Buch „Die Lust am Bösen“ von Eugen Sorg dort zu finden ist:

Seit einiger Zeit geht in der Stadt ein Brandstifter um, der sich als Hausierer ausgibt, sich Zugang zum Dachboden verschafft und dort sein Werk vollbringt. Die Polizei sucht immer noch vergeblich nach dem gefährlichen Pyromanen, als es an der Villa des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann klingelt. Dieser öffnet dem großen, kräftigen Mann, der sich als Josef Schmitz, ehemaliger Schwergewichtsringer und Obdachloser vorstellt und klagt, von den Leuten als Brandstifter verdächtigt zu werden. Er appelliert an die Barmherzigkeit des Hausherrn, dieser möge ihm etwas zu essen und für eine Nacht Unterschlupf gewähren, und Biedermann, der soeben kaltherzig einen treuen Angestellten auf die Straße gestellt hat, sieht die Möglichkeit, sich als Menschenfreund zu präsentieren. Er überlässt Hausierer Schmitz den Dachboden seiner Villa. …
Im weiteren Verlauf versucht Biedermanns misstrauische Ehefrau, Schmitz wieder loszuwerden. Aber er weckt ihr Mitleid, indem er sich für seine ungehobelten Manieren entschuldigt, die Folge einer schweren Kindheit in Armut und Waisenhaus. Ein Kollege von Schmitz taucht auf, der elegante und redegewandte Wilhelm Eisenring, der sich als angeblicher Vertreter einer Feuerversicherung Zugang zum Haus verschafft. Auch er wird mit der Geschichte einer traumatisierenden Demütigung aufwarten. In seiner früheren Arbeit als Kellner habe er sich die vom Gansbraten Servieren fettigen Finger an den eigenen Haaren abwischen müssen, während die feinen Herrschaften Wasserschälchen benutzten.
Je zahlreicher die Hinweise werden, dass Schmitz und Eisenring die gesuchten Brandstifter sind, desto hartnäckiger sträubt sich Hausherr Biedermann, aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Er trifft die beiden auf dem Dachboden inmitten von Benzinkanistern, die sie in der Nacht zuvor hin aufgeschleppt haben. Im selben Moment taucht ein Polizist auf, um ihm die Nachricht vom Selbstmord des gekündigten Angestellten zu überbringen. Als er die Kanister sieht, fragt er nach deren Inhalt. «Haarwasser», antwortet Biedermann, weil es in diesen Tagen verboten ist, Benzin im Estrich zu lagern, und der Polizist, der keinen Grund sieht, dem Fabrikanten nicht zu glauben, zieht wieder ab.
«Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben. Nicht immer nur das Böse sehen», gibt Biedermann den toleranten Zeitgenossen und belügt sich da bei selbst. Wie vor ihm seine Frau wollte auch er die beiden Dachbewohner wieder wegschicken. Aber sein schlechtes Gewissen respektive die Angst um sein Ansehen wegen des Suizids seines früheren Mitarbeiters, und noch viel mehr die Angst vor einem Brandanschlag der zwei Männer hindern ihn daran. Im Grunde weiß er mittlerweile, wer sie wirklich sind, und um sie milde zu stimmen, lädt er sie zu einem festlichen Gansbraten ein. Er biedert sich bei ihnen an und hofft, dass sie ihn verschonen.
Schmitz und Eisenring, die seine Angst genau registrieren, werden immer dreister. Sie beginnen offen von Zündkapseln und brennbarer Holzwolle zu reden und messen die Zündschnur aus, während Biedermann ihnen dabei hilft. Er redet sich ein, dass sie nur derbe Scherze treiben und lacht laut mit ihnen mit. Als man in der Ferne die Sirenen der Feuerwehr hört, atmet er auf. Gut, dass es nicht bei ihnen brenne, meint er, worauf Eisenring entgegnet, dies sei ihre Taktik. «Wir holen die Feuerwehr in ein billiges Außenviertel, und später, wenn’s wirklich losgeht, ist ihnen der Rückweg versperrt.» In einer Mischung aus Panik und Verblendung schiebt Biedermann den beiden eine Packung Streichhölzer zu. Er will ihnen den ultimativen Beweis seines Vertrauens in ihre Freundschaft demonstrieren, indem er sein Schicksal in ihre Hände legt. Die vorbehaltlose Unterwerfung soll ihn retten, und er merkt nicht, dass er mit dieser Geste bereits aufgehört hat zu leben. Schmitz und Eisenring verschwinden, und kurz daraufsteigen Flammen aus seinem Haus, und im Lärm explodierender Gasometer greift das Feuer auf die Nachbarshäuser über und brennt schließlich die ganze Stadt ab.

Die Meisten sahen damals den Stoff des Dramas als Menetekel für den aufkommenden Totalitarismus, zurücklegend den Nationalsozialismus, dann den Kommunismus; auch für den Umgang mit der Atombombe wurde das Schauspiel herangezogen. Der bedeutende deutsche Theaterkritiker Friedrich Luft sah die Parabel seinerzeit vielfach anwendbar: „Man kann die Moral dieses Lehrstücks ohne Lehre auf die jüngste Vergangenheit anlegen. […] Oder man kann (und soll wohl) an die Brandstifter denken, die mit dem neuen großen Feuer, mit der Teufelsbombe kokeln. Wir dulden es. Wir sehen es mit an und finden viele Gründe, es zu tun. Aber die Lunte ist gelegt. Wehe! Oder man kann an die demokratische Duldsamkeit denken, mit der extreme Brandstifter biedermännisch von uns ausgehalten werden […] Aus Gründen der öffentlichen Gemütlichkeit schieben wir die Regungen einer besseren Einsicht einfach weg: Ist ja alles nicht so schlimm…“

Wen darf man heute als die Person des Biedermann identifizieren: Frau Merkel und ihre gesamte mitregierende Entourage, die deutschen Gutmenschen mit Ihrer Willkommenskultur, die ihre „Gäste“ wenn nicht zum Gansbraten so aber zu den Segnungen an den gedeckten Tafeln des deutschen Wohlfahrtsstaates zum Verbleiben einladen.
Welch treffende Analogien, wenn Biedermann die „ungehobelten Manieren“ seines Gastes der misstrauischen Gattin gegenüber damit entschuldigt, dass sie die Folge einer schweren Kindheit in Armut und Waisenhaus seien. Da trifft sich die Entschuldigungskunst unserer Soziologen, Sozialpsychologen, Migrationsforscher usw., welche uns ihre von den Medien gepuschten, abstrusen und weltfremden Erklärungsmodelle für die Gründe von Terrorismus, Kriminalität und Delinquenz immer wieder verkaufen wollen.
In dem redegewandten angeblichen Vertreter der Feuerversicherung, dem Komplizen des Pyromanen, der sich ebenfalls Zugang zum Haus verschafft hat, mag ich unschwer die Vertreter der (noch) beschwichtigenden Islamverbände und unserer Religionsvertreter erkennen.
Symptomatisch für die Beschwichtigungsmarotten der Medien und der Politiker angesichts der drohenden Gefahr ist doch dieser Satz von Biedermann: «Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben. Nicht immer nur das Böse sehen».

Ich will die Interpretation nicht weiter treiben. Ich empfehle, einfach nochmal das obige Exzerpt zu lesen.
Max Frisch hat sicher nichts von den heutigen aktuellen Geschehnissen geahnt: der obsessiven und aggressiven Ausbreitung der Ideologie des Islams in Verbindung mit einer Völkerwanderung nie gekannten Ausmaßes. Der Schweizer Schriftsteller dürfte einer Einbeziehung der heutigen Geschehnisse in die Interpretation seiner Parabel sicher nicht widersprechen.
Frisch seinerzeit über seinen Protagonisten:

„Wenn Sie mich fragen, ich finde diesen Gottlieb keinen Bösewicht, wenn auch als Zeitgenossen gefährlich. Um ein gutes Gewissen zu haben – und das braucht er, um Ruhe zu haben –, belügt er sich halt. […] Gottlieb möchte als guter Mensch erscheinen. Er glaubt sogar, daß er das sei: indem er sich selber nicht auf die Schliche kommt. (…) Schlimm ist allerdings, daß auch die Nachbarn von Gottlieb Biedermann voraussichtlich zugrunde gehen: da hört die Komödie auf.“

 

Eine Feststellung zum Schluss: “Biedermann und die Brandstifter” – (k)ein T hema für die
Berliner Schaubühne oder das deutsche “Regietheat er”?

Die Leidverweser

Oder „Seufzerköche“

Wer vermittelt uns und hüllt uns ein in die Willkommens- und Betroffenheitskultur, welche die „Eliten“ uns verschreiben?
Wer macht Hoffnung und gibt Unterstützung gegen den herzlosen, egoistischen Pöbel, der sich eher bei Pegida, HoGeSa, AfD und Buchlesungen von Sarrazin einfinden will, als an Tafeln, Pro-Asyl-Demonstrationen und Lichterketten gegen rechts?
Da bedarf es eines psychologische Vorgehens, und was ist zuträglicher dabei, als positive, beispielgebende Vorzeigegestalten.

In einem  Artikel über die „Willkommenskultur“ habe ich den Leidverweser angeführt. Elias Canetti hat ihn entdeckt, zu finden unter den 50 Charakteren, die er in seinem Buch „Der Ohrenzeuge“ beschrieben hat.

Nicht jeder kann in seinem Bekanntenkreis über einen Leidverweser verfügen, deshalb bedient man sich öffentlich präsenter Akteure.
Und wo ist das am besten zu bewerkstelligen: bei der „Vierten Gewalt“, den Massenmedien!
Dazu sind nun verschiedene Unterhaltungs- und Indoktrinationsformen – auch neudeutsch „Infotainment“ genannt – entwickelt worden: der „authentische“ Korrespondenten- oder Expertenbericht in den Nachrichten oder im ARD-Spezial.
Eine hochstehende Form des Indoktri-tainments wurde mit der sog. Talkshow geschaffen. Dort gibt man sich neben bewusst gefördertem Krawall unter Teilnehmern besonders der Betrofffenheitspflege und -kultur hin.
Dazu werden herangekarrt: die Premium-Gutmenschen, die säkularen Seelsorger, die Aspiranten für eine massenmediale Seligsprechung, die vollmundigen, selbsternannten Bevollmächtigten der Notleidenden und Geknechteten der Welt.

Wer denkt da nicht zunächst an die deutsche Betroffenheits-Ikone Claudia Roth? Aber die hat ja bisher kein Elend erdulden und erfahren müssen, außer den eigenen Anblick im Spiegel oder einen verdorbenen Magen nach exzessivem Börek- und Raki-Genuss.
Mutter Theresa? Gott hat sie selig, sie kann nicht mehr zum Plappern animiert werden!

Man braucht dazu Leute wie Jürgen Todenhöfer oder Rupert Neudeck.
In Ergänzung dazu Glamour-Tanten wie z.B. Ute-Henriette Ohoven die „Mutter Teresa in Chanel“ auch „Charity-Queen“.
Effektvoll können Personen wie die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane, vormals IM Victoria, Rechtsextremismus-Expertin eingesetzt werden.
Wie auch andere Funktionäre von „Leidverweser-Organisationen“.
Kirchenvorstände überwiegend protestantischer Provenienz zählen dazu oder Geschäftsführer von Wohlfahrtsverbänden und beredte Männer aus der Sozial-Industrie.
Margot Käßmann wäre gemäß der Definitionen von Elias Canetti eher eine „Seufzerköchin“, wie Claudia Roth, geht ihr doch wirklich konkret Erlebtes ab. Aber sie darf sagen: „Nichts ist gut in Afghanistan“, obwohl ihr dort noch keine Kugeln um die Ohren geflogen sind oder eine Burka-Zwangseinkleidung zu erdulden war.

Zu den Leidverwesern zählen fraglos die zahllosen Auslandskorrespondenten der Fernsehsender, „embedded journalists“, die immer wieder vor einem Millionenpublikum vor den Fernsehschirmen ihre Tränensäcke ausquetschen dürfen.
DER LEIDVERWESER von Elias Canetti

mit subjektiven Einwürfen

Der Leidverweser hat einiges gesehen und alles Leid der Welt nicht ohne Grund für sich gepachtet. Wo immer etwas Entsetzensvolles geschah, er war dabei, er ist hineingeraten.

den Leidverweser ergreift es…

Andere reden davon und bedauern es, er hat es am eigenen Leib erfahren. Er redet nicht, aber er weiß es besser. Ergreifend seine Art vor sich hinzusehen, wenn eine seiner Katastrophen genannt wird.
Es begann, als die >Titanic< auf den Eisberg stieß. Er sprang über Bord, er schwamm 16 Stunden im Wasser. Keinen Augenblick verlor er das Bewußtsein, er sah einen nach dem anderen im Wasser verschwinden und wurde als Allerletzter gerettet.

er war überall und auch schon vorher dabei

Der Leidverweser hat sechsmal sein Vermögen verloren. Er kennt Armut und Hunger; und da es ihm an der Wiege nicht gesungen war, empfand er sie in ihrer vollen Schwere. Durch eisernen Fleiß hat er sich wieder hinauf gearbeitet. Kaum war er oben, verlor er alles wieder.

Und trotzdem pflegt er die Charity

Der Leidverweser war mehrmals glücklich verheiratet und müßte jetzt Enkel und Urenkel haben. Alle seine Angehörigen ausnahmslos sind ihm durch tödliche Krankheiten entrissen worden. Er hat sich daran gewöhnen müssen. Seine erste Frau, die ihm die teuerste war, ist in die medizinischen Annalen eingegangen: als der letzte Fall von Pest in Europa. Auch von der Lepra, die niemand mehr hierzulande für möglich hält, weiß er ein Lied zu singen. Vor seinen Augen ist es geschehen, daß zwei seiner Töchter und ein halber Sohn daran zugrunde gingen.

Sein Schicksal ist unvergleichlich

Er ist auch darüber nicht zum Seufzerkoch geworden, er hat es männlich getragen. Man begreift aber, daß ihm wenig Eindruck macht, was andere zu leiden haben. Er klagt über nichts, er nimmt es auf sich, er schweigt und lächelt. Wenn andere auspacken, hört er zwar zu, aber man erwarte nicht von ihm, daß sein Herz sich denen öffnet, die ihr Leben mit einem einzigen Leid bestreiten.

Der Seufzerkoch? Ist er nicht jedem Leidverweser doch überlegen durch die Quantität und Qualität ersonnenen aber nicht erlittenen Leids.

Der Leidverweser hat eine milde Art, Widersprüche in den Unglücksgeschichten anderer zu bemerken. Er fragt sie nicht aus, er hört weiter zu, aber plötzlich berichtigt er ein Datum. Es ist schon vermessen, wenn einer sich zu berichten getraut, was der Leidverweser von Anfang zu Ende selbst erlebt hat.

Gibt es dazu ein besseres Medium als die Talkshow?

Ein leichter Zug von Sarkasmus spielt dann um seine Lippen. Nicht das Geringste ist seinen Worten anzumerken, wenn er sein Beileid äußert. Es ist nicht eigentlich förmlich, es ist von seiner tieferen Kenntnis geprägt, aber was er dabei denkt, das mag man erraten. Er kennt sie gut, diese Räuber, die ihm jede seiner Leiderfahrungen entwenden möchten.

Sarkasmus wird ihm nicht nachgetragen

Aber kürzlich ist ihm die Geduld gerissen. Der Name Pompeji fiel und ein Dieb von ungewöhnlichem Format wollte ihm von den Ereignissen damals berichten: ihm, der an diesem einzigen Tag in Pompeji war und als einziger sich zu retten vermochte! Dem ist er schneidend über den Mund gefahren. Das hat er sich doch verbeten. Er ist aufgestanden und von den Erinnerungen an jenen Tag übermannt, in sichtlicher Erregung, doch nicht ohne Würde, hat er die Gesellschaft verlassen. Es hat ihm wohlgetan, noch bis zur Tür das ehrfurchtsvolle Verstummen der anderen entgegenzunehmen.

Welch ein Abgang!

Habe ich jetzt übertrieben? Die grotesken Überzeichnungen von Canetti treffen unsere heutige Lebenswelt und ihre „öffentlichen Charaktere“ sehr genau. Er spricht von „akustischen Masken“ im Zusammenhang mit der Beschreibung seiner 50 Charaktere; deshalb als „Der Ohrenzeuge“, da die Identität nicht nur dieser Leute aus ihrem Sprachverhalten bestimmt wird.

Ich habe mir hier bewußt den Realismus des Porträts vom Leidverweser zu eigen gemacht, da die Beschreibung immer wieder ins Grotesk-Surrealistische überzugehen scheint; die Wirklichkeit des Typus blüht so phantastisch auf, wie es der Absurdität des modernen Lebens entspricht. Das hat mich angesteckt und ins Bewusstsein gebracht, dass es wohl für den heutigen Zeitbeobachter und -zeugen „unmöglich ist, keine Satire zu schreiben“ (Juvenal).

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Elias Canetti: Der Ohrenzeuge – fünfzig Charaktere, 1974 Carl Hanser Verlag München