Im Tal der Narzissen

„Daffodils“ von William Wordsworth

Vor 170 Jahren, im April 1850, starb der englische Dichter William Wordsworth (1770 -1850) an einer Rippenfellentzündung. Wordsworth war ein tonangebendes Mitglied der englischen Romantikbewegung.
„Daffodils“ ist gewiss sein bekanntestes Poem aus seinem umfangreichenGedichte-Schatz.
Es war das erste englische Gedicht, das ich damals, vor bald 60 Jahren, in der Schule auswendig lernte und das mir noch immer vollständig im Gedächtnis ist. Mich hat damals als eher widerborstigem Gymnasiasten an diesem Gedicht überrascht, welchen wunderbaren Klang auch die englische Sprache auszeichnen kann. Die Sonette und die Dramen von Shakespeare waren da noch nicht so ins Gedächtnis geschrieben gewesen.

I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.

Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.

The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed–and gazed–but little thought
What wealth the show to me had brought:

For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

Hier eine durchaus gelungene Übersetzung ins Deutsche, der aber dieser melodiöse Fluss fehlt, der mich so beeindruckte.

Der Wolke gleich, zog ich einher,
die einsam zieht hoch übers Land,
als unverhofft vor mir ein Meer
von goldenen Narzissen stand.
Am See, dort wo die Bäume sind,
flatterten, tanzten sie im Wind.

So stetig wie der Sterne Schein
und Funkeln hoch am Himmelszelt,
war’n sie in endlos langen Reih’n
am Saum der Bucht entlang gestellt.
Zehntausende, auf einen Blick,
bogen im Tanz den Kopf zurück.

Ihr Tanzen übertraf sogar
des Wellentanzes Funkelschein:
In dieser ausgelass’nen Schar
muss selbst ein Dichter heiter sein!
Ich schaut’ und schaute, kaum bedacht,
welch Wohl dies Schauspiel mir gebracht.

Denn oft, wenn auf der Couch ich ruh’
gedankenschwer, des Grübelns leid,
gesell’n dem Herzen sie sich zu:
dies ist das Glück der Einsamkeit.
Erfüllt von Glück mein Herz dann singt
mit den Narzissen tanzt und springt.

© Bertram Kottmann.

Die Narzissen sind nun bald alle wieder abgeblüht. Bei ihrem ersten Erscheinen Anfang März in meinem Garten kam mir unweigerlich dieses Gedicht wieder in den Sinn. Und in diesen Tagen der Absonderung und erzwungenen Einsamkeit für viele Menschen, erinnerte ich mich einmal mehr an die letzte Strophe, die wie ein „Ohrwurm“ im Denkorgan kleben bleiben kann:

„When often* on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

________

*Wir lernten es damals nicht mit „oft“, sondern irgendwie „englischer“ mit „often“.

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2 Antworten zu Im Tal der Narzissen

  1. Joachim Volkmann sagt:

    Für mich ist das aus persönlichen Gründen der Artikel des Tages. Wir müssen ungefähr gleich alt sein – auch wir haben das Gedicht in der Schule besprochen, ich hatte es aber jahrzehntelang vergessen, und nun ist es plötzlich „wieder da“! Und trotz meiner naturgegebenen Abneigung gegen diese Sprache kann ich es sehr schätzen und genießen. – Danke!

  2. Joachim Volkmann sagt:

    Auf einmal kommt so viel wieder zurück: „Composed upon Westminster Bridge…“
    Anscheinend war unser Englischunterricht gar nicht so schlecht! Nochmals vielen Dank für diese Erinnerung.

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