Coronakrise

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https://www.geo.de/wissen/22735-rtkl-coronakrise-die-geschichte-der-spanischen-grippe-lehrt-zuhause-bleiben-rettet

Die Geschichte der Spanischen Grippe lehrt: Zuhause bleiben rettet Leben

Die Spanische Grippe und die Coronakrise sind nur bedingt vergleichbar. Was der Blick zurück ins Jahr 1918 aber zeigt: Frühzeitige Vorsichtsmaßnahmen retten Menschenleben
Spanische Grippe in St. Louis

Der Erste Weltkrieg neigt sich gerade seinem Ende zu, da sucht ein neues Grauen die Menschheit heim: Eine Seuche bricht aus und verbreitet sich in nahezu alle bewohnten Teile der Erde. Über Infizierte in Spanien wird erstmals weithin berichtet, und diesem Umstand verdankt die Krankheit ihren Namen: die Spanische Grippe. Die Pandemie zählt zu den verheerendsten der Geschichte. Bis zu 50 Millionen Menschen tötet sie in den Jahren 1918 und 1919.

Sterberate in St. Louis achtmal niedriger als in Philadelphia

Doch die Zahl der Opfer unterscheidet sich mitunter drastisch von Ort zu Ort. In den USA lässt die Stadt Philadelphia trotz Warnungen am 28. September 1918 eine große Parade stattfinden. Rund 200.000 Schaulustige drängen sich auf engem Raum am Straßenrand.

Nach drei Tagen sind alle Krankenhäuser überfüllt, binnen einer Woche etwa 45.000 Bürger infiziert. Keine amerikanische Metropole trifft die Pandemie so schwer wie Philadelphia. Nach sechs Wochen sind dort mehr als 12.000 Menschen tot.

Die Geschichte der Spanischen Grippe lehrt: Zuhause bleiben rettet Leben

Die Grafik vergleicht die Mortalitätsrate in Philadelphia und St. Louis zwischen dem 8. September und 28. Dezember 1918. Sie stammt aus einer Forschungsarbeit der Princeton University über die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Spanischen Grippe.

In St. Louis hingegen reagieren die Behörden frühzeitig. Bereits vor dem ersten registrierten Fall warnen sie vor der Gefahr durch Menschenmengen. Sie sagen ihre Parade ab, schließen bald Schulen, Kinos, Billardsalons, Bibliotheken und Kirchen, verbieten öffentliche Versammlungen.

So schnellt die Zahl der Infektionen nicht schlagartig in die Höhe; sie verteilen sich über einen längeren Zeitraum. Daher können die Krankenhäuser die Menge der Patienten besser bewältigen. Die maximale Sterberate ist achtmal niedriger als in Philadelphia. Und am Ende verzeichnet St. Louis nicht mehr als 700 Tote.

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Die spanische Grippe*

„Wie als Warnsignal für die Auswirkungen auf die Weltgesundheit trat zu Beginn des 20. Jahrhundert die mobilste und tödlichste Pandemie auf, welche die Welt je gesehen hatte: die Grippepandemie, die ab 1918 über den Erdball fegte und innerhalb von sechs Monaten mehr als 25 Millionen Menschen das Leben kostete (etwa dreimal so viele wie im Ersten Weltkrieg). Ihr folgten eine Encephalitis-lethargica-Epidemie (eine auch Economo-Encephalitis genannte Krankheit mit Entzündung von Hirn und Rückenmark) und eine wei­tere Welle der tödlichen Grippe im Jahre 1920. Sie war möglicherweise eine Mutante der Schweinegrippe und wurde durch die massive Bewegung von Volksgruppen im Zuge des Krieges weltweit verbreitet. Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass die Welt kleiner geworden war – hier war er.
Die Grippepandemie trat in zwei Wellen auf. Die erste war schwach und bedeutungslos. Die zweite Welle setzte im August 1918 ein und führte rasch zu Lungenentzündung, gegen die der Medizin die Mittel fehlten. Sie brach in Tausende Kilometer voneinander entfernt liegenden Zentren gleichzeitig aus: Freetown in Sierra Leone, Brest – der französische Hafen amerikanischer Expeditionskorps – und Boston in Massachusetts. Zwei Drittel der Bevölke­rung Sierra Leones erkrankten, und allein in Freetown starben mehr als 1000 Personen. In Boston waren zehn Prozent der Einwohner betroffen, und mehr als 60 Prozent der Kranken starben.
Das kalifornische San Francisco Hospital nahm 3509 Fälle mit Lungen­entzündung auf – die Sterblichkeitsrate betrug 25 Prozent. In den gesamten USA wurden öffentliche Versammlungen verboten. Schulen, Kirchen, Kinos und Betriebe schlössen ihre Tore, und die Menschen trugen Mundschutz -alles erfolglos.
Unter den amerikanischen Soldaten in den USA und im Ausland breitete sich die Grippe rasch aus. In Camp Devens, Massachusetts, wurde der erste Fall am 12. September 1918 diagnostiziert. In weniger als zwei Wochen war die Zahl der Kranken auf 12 604 gestiegen. Im Oktober waren etwa 20 Prozent der US-Armee krank: 24000 Soldaten starben an der Grippe, 34000 im Ein­satz. Insgesamt gab es in den USA mehr als 500 000 Tote, in England und Wales 200000, und Samoa verlor ein Viertel seiner Bevölkerung. Verzweifelt versuchte man, den Erreger der Grippe zu kultivieren, ihre Ätiologie zu bestimmen und Behandlungen zu entwickeln – mit geringem Erfolg. Die Grippe verschwand so plötzlich und mysteriös, wie sie gekommen war. Sie war der größte demographische Schlag, den die Menschheit je erlitten hat, und die fatalste Seuche seit dem Schwarzen Tod.“

Aus: Roy Porter „Die Kunst des Heilens“ – Spektrum Berlin 2003

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