Nachruf auf Roger Scruton

Woanders gelesen
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Es fängt mit dem Ort an

Von Alexander Wendt  –    So. 12. Januar 2020

Roger Scruton, einer der wichtigsten liberal-konservativen Denker in Europa, starb heute Sonntag, am 12. Januar 2020, im Alter von 75 Jahren. Er schrieb die Autobiografie eines Konservativen.

Scruton verstand Konservatismus nie als reinen Rückblick. Er trat immer – mit Edmund Burke – dafür ein, dass der Gesellschaftsvertrag zwischen drei Parteien geschlossen werden sollte: den Toten, den Lebenden und der kommenden Generation. Und er forderte andere dazu auf, nicht zuerst die Verluste zu beklagen, sondern auf die Ideen und Traditionen zu bauen, die bis heute existieren. Um diesen Gedanken kreist sein Buch. 

Manchem deutschen Leser dürfte der Brite Roger Scruton schon ein Begriff gewesen sein, bevor die deutsche Übersetzung von „How to be a Conservative“ 2019 in der Edition Tichys Einblick (Finanzbuch Verlag) erschien. Im April 2019 twitterte ein Journalist des New Statesman angebliche Zitate aus einem Interview, das er mit Scruton geführt hatte – Beleidigendes über Chinesen, einen antisemitischen Kommentar über den Finanzier George Soros, aggressive Bemerkungen über den Islam. Nur vier Stunden später entfernte die britische Regierung unter Theresa May den Philosophen von seinem (unbezahlten) Posten einer Kommission für besseres Bauen. Der New-Statesman-Journalist postetet daraufhin ein Bild von sich selbst, auf dem er mit Champagner zu sehen war und den Abschuss des konservativen Publizisten feierte. Dann stellte sich ziemlich schnell heraus, dass die vermeintlich empörenden Scruton-Zitate von ihm verkürzt, verdreht und zurechtfrisiert worden waren. Ein öffentlicher Proteststurm zwang das Magazin, das volle Transkript des Interviews zu veröffentlichen. Und das zeigte Scruton als eigensinnigen, libertären, sehr englischen Individualisten, als Konservativen und luziden Beobachter – und zwar ohne eine Spur von Rassismus und Antisemitismus.

Nach einer Schamfrist (die Scham bezog sich auf den zuständigen Minister) bekam er sogar seinen Job in der Kommission zurück.

Wer ist der Philosoph, der diesen Sturm stoisch über sich ergehen ließ? Roger Scruton, Jahrgang 1944, besitzt die seltene Fähigkeit, über Ideen so zu schreiben wie Rudyard Kipling über Personen und Landschaften. Die Begriffe in „Von der Idee, konservativ zu sein“ bleiben nicht abstrakt. Denn seine Idee des Konservativseins ist die der Begrenzung: Eine Gemeinschaft freier Bürger kann für ihn nur in überschaubaren Gebilden und nur im freiwilligen Zusammenschluss existieren (weshalb Scruton auch den Brexit begrüßt). „Wenn die Gesellschaft von oben organisiert wird, entweder durch die vertikale Führung einer revolutionären Diktatur oder durch die unpersönlichen Verordnungen einer undurchschaubaren Bürokratie, verschwindet die Verantwortung schnell aus der politischen Ordnung ebenso wie aus der Gesellschaft. Eine vertikale Regierung gebiert verantwortungslose Individuen, und die Enteignung der bürgerlichen Gesellschaft durch den Staat führt dazu, dass die Bürger nicht mehr willens sind, für sich selbst zu sorgen.“

Für sich selbst sorgen können Bürger seiner Meinung nach nur, wenn sie die geerbten Traditionen zwar kritisch mustern, aber vor allem als ihren eigentlichen Schatz verstehen. Zum Gewachsenen gehört nach Scruton vor allem der oikos, der Ort: „Menschen werden sesshaft, indem sie den Erste-Person-Plural erwerben – einen Ort, eine Gemeinschaft, eine Lebensweise, die sie ‚unser’ nennen können.“ Hier zieht er den entscheidenden Trennstrich. Auf der einen Seite zeichnet er sein Bild einer bestimmten Gesellschaft, die auch wandlungs- und aufnahmefähig ist, in der aber Platz und kulturelles Erbe etwas zählen, und die sich nicht endlos ausdehnen lässt. Auf der Gegenseite steht der Entwurf einer supranationalen beziehungsweise globalistischen Gesellschaft, die weder Bürger noch Grenzen und Wurzeln kennt, sondern nur noch frei flottierende Menschen-, Güter- und Kapitalströme. Zu Scrutons wichtigsten Anliegen gehört es, den Begriff des Konservatismus aus der Nähe der Ökonomie zu befreien, in die er vor allem auf der Insel durch Margaret Thatcher geraten war, und wieder auf den Begriff des autonomen Bürgers zurückzuführen.

Was den Autor von vielen anderen westlichen Konservativen unterscheidet, ist seine Erfahrung des östlichen Totalitarismus. Er reiste schon in den siebziger Jahren zu Zeiten der Charta 77 nach Prag, um sich dort mit Dissidenten zu treffen. Wenn er von seiner ersten Begegnung mit diesem Untergrund in einer Prager Privatwohnung erzählt, ist Scruton gleichzeitig Historiker, Autobiograf und Philosoph. „In jenem Zimmer hatte sich der arg mitgenommene Rest der Prager Intelligenzia eingefunden: alte Professoren in abgenutzten Westen, langhaarige Poeten, Studenten mit frischen Gesichtern, Priester, Romanautoren, und Theologen […] Auch hatte ich entdeckt, dass sie alle den gleichen Beruf hatten: sie waren Heizer.“

Den von dem Regime in den Hilfsberuf abgedrängten Oppositionellen, schreibt Scruton, sei es am wichtigsten gewesen, die Erinnerungen an die Ideen wachzuhalten, an deren Verdrängung der kommunistische Apparat arbeitete. Mit diesem Bild des realexistierenden Sozialismus vor Augen attackierte er schon lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs die linken Intellektuellen des Westens: „Ich sah nun in der Realität die Fiktionen, die in den Hirnen meiner marxistischen Kollegen herumschwammen.“ Vermutlich verschaffte ihm gerade dieser doppelte Blick so viele erbitterter Gegner.

In seinem Buch gibt es durchaus melancholische Passagen; den Verlust etwa der religiösen Spiritualität, den er für unumkehrbar hält, bedauert er außerordentlich. Dennoch lautet sein Appell an Konservative, nicht ständig über Verluste zu klagen, sondern vor allem darüber zu sprechen, was sich trotz aller Umbrüche im Westen an kulturellen Beständen erstaunlicherweise erhalten hat. Zum 30. Jahrestag der Samtrevolution reiste er im November 2019 noch einmal nach Prag, zwar gezeichnet von der Chemotherapie, aber auch mit Triumph. Im Spectator schrieb er vor wenigen Tagen, beim Fall der Mauer 1989 sei es Tschechen, Polen und den anderen Völkern nicht um Grenzenlosigkeit gegangen, sondern darum, dass sie nach dem Untergang des Ostblocks wieder in eigenständigen Staaten leben konnten: „We are celebrating the restoration of national sovereignty to people who had been absorbed and oppressed by a lawless empire.“

Renitente Bürger, die an Ideen festhalten, davon ist Scruton überzeugt, können mächtiger sein als Imperien.

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