Hier wendet sich der Gast mit Grausen: „So kann ich hier nicht ferner hausen“*

90 Jahre Bauhaus

„Wohnungen mit viel Glas und Metallglanz: Bauhausstil.
Desgleichen mit Wohnhygiene ohne Wohnstimmung: Bauhausstil.
Stahlrohrsesselgerippe: Bauhausstil.
Gewürfelte Tapeten: Bauhausstil.
Kein Bild an der Wand: Bauhausstil.
Bild an der Wand, aber was soll es bedeuten: Bauhausstil.
Alles kleingeschrieben: bauhausstil.
ALLES GROSSGESPROCHEN: BAUHAUSSTIL.“
aus „Die Weltbühne“ 1930. 

 

Noch so ein Jubiläum, dem 19. Jahr des 20. Jahrhunderts geschuldet.
1919 wurde von Walter Gropius das „Bauhaus“ in Weimar als Kunstschule gegründet. Es sollte etwas völlig Neues darstellen: die Zusammenführung von Kunst und Handwerk. Das historische Bauhaus galt alsbald als die einflussreichste Bildungsstätte im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs im 20. Jahrhundert und als Heimstätte der Avantgarde der Klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Kunst und Architektur.

Nach der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, nach dem 1. Weltkrieg nahmen etliche künstlerischen Tendenzen eine offenere politische Färbung an. Die Dada-Bewegung vertrat eine rebellische und nihilistische Ablehnung des kulturellen und gesellschaftlichen Status Quo. Und auch das Bauhaus entstand auf diesem kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Nährboden. Wie Tausende andere hatten die Kriegserlebnisse den Gründer des Bauhauses Walter Gropius radikalisiert.
Er war Vorsitzender einer linken Vereinigung von Architekten, Künstlern und Intellektuellen – dem Arbeitsrat für Kunst, der den Anspruch hatte, die Novemberrevolution in den Bereich der Kunst auszuweiten. Man glaubte an die Notwendigkeit einer neuen Gesellschaft und Ziel war es, die Trennung zwischen Kunst und Handwerk zu überwinden und eine (sozialistische) Gesamtumgebung zu schafften, die angeblich für das Leben der Menschen geeignet war.

Nach der Machtergreifung der Nazis waren Ideologie und Stil des Bauhauses natürlich nicht mehr opportun. Wie auch im Reich des real existierenden Sozialismus der Sowjetunion, mit seiner gleichfalls imperialistisch angehauchten Protzarchitektur und naturalistischen Kunstauffassung.
Die wichtigsten Protagonisten wie Gropius, Mies van der Rohe u.a. emigrierten in die USA und brachten ihre Kreierungen eines fragwürdigen, späteren „Weltkulturerbes“ auch dorthin.

Tom Wolfe, der jüngst verstorbene amerikanische Schriftsteller, Journalist und Dandy, der mit Verve gegen jegliche Häßlichkeit in der Welt anschrieb, ätzte in seinem Buch „From Bauhaus to our house“:
Alteuropas Lasten schwappten über den Ozean. Nicht nur das Bauhaus wuchs in Chicago als „New Bauhaus“ in Richtung „Kathedrale des Sozialismus“, auch die Psychologen bekamen die „Pest“ der Psychoanalyse mitgebracht (nach der Inkubationszeit, die durch Freuds Besuch in den USA ihren Anfang nahm), auch musikalisch brachte Europa schwerstes Geschütz mit in Form von Arnold Schönbergs „Dodekaphonie“. Nicht zu sprechen von der Malerei, die die Amerikaner infizierte und vorbereitete für die künstlerische Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg.
„… der herrschende Architektur-Stil im Babylon des Kapitalismus wurde der Soziale Wohnungsbau. Sozialer Wohnungsbau, wie er von einer Handvoll Architekten in den Verbünden inmitten der Trümmer Europas in den frühen Zwanziger Jahren entwickelt worden war, wurde nun hoch und breit aufgetürmt, in Form von Kunstgalerie-Anbauten, für altehrwürdige Ivy-League-Universitäten, Museen für Kunstmäzene, Eigentumswohnungen für die Reichen, Firmensitzen, Rathäusern, Landhäusern. Arbeiterwohnungsbau für jeden Zweck, außer für Arbeiter zum Wohnen.“ 

Dem Bauhaus ist die Kunst des Plattenbaus zu verdanken und die Termitenbauten zur sozialistischen Massenmenschhaltung a la Gropiusstadt in Berlin, Neuperlach in München, Killesberg in Stuttgart und viele andere Wohnreviere und sog. Trabantenstädte.
In den nach dem 2. Weltkrieg sozialdemokratisch regierten Großstädten Deutschlands wurde die gewiss vom „Bauhaus“ beeinflusste Kaufhof- oder Sparkassen-Architektur der 50er und 60er Jahre bis in jüngste Zeit für die neu-deutsche Häßlichkeit auch vieler Innenstädte prägend.

Zu den Bauhaus-Akteuren gehörten Künstler und Maler wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Gerhard Marcks, Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky, deren  Oeuvre mir „altgemoden“ sich immer noch nicht erschliessen.
Ich habe mich hier schon über die Scheußlichkeiten moderner Sakralarchitektur und -Kunst ausgelassen, die ex aequo ebenfalls Bauhaus-geprägt ist.
Martin Mosebach schrieb dazu:

„Aus (dem) denkerischen Aufstand gegen das Offensichtliche ist die Grundstimmung unseres Zeitalters geboren worden: ein die ganze Öffentlichkeit erfüllendes Mißtrauen gegen jede Art von Schönheit und Vollkommenheit. Etwas sei »nur schön« – das ist heute die Schärfstmögliche Verurteilung. In der Kunst wird das Unfertige, das Fragmentarische, das Zerbrochene begünstigt. Die Beherrschung handwerklicher Regeln und Fähigkeiten, die zum Gebrauch einer vollendeten Formensprache notwendig sind, wird verachtet. Am erregendsten ist es für den zeitgenössischen Kunstfreund, wenn gar nichts irgendwie Sichtbares geboten wird, nur noch ein paar verhuschte Zeichen, kryptische Spuren. Den neuen Schriftgelehrten dienen sie zu Auslegungsexzessen, die um so wortreicher ausfallen, desto weniger zu sehen ist…“

 

Erstaunlich, dass jetzt zum Jubiläum gerade in den dem modernistischen Zeitgeist verschriebenen Postillen kritische Töne aufscheinen.
Die Süddeutsche titelt dazu: „Wie ein Anfall von Würfelhusten.“
Und die Zeit schmäht eines der Dessauer „Meisterhäuser“: „Ein ungemütliches Angeberhaus … Richtiges und falsches Wohnen – richtig ist das Bauhaus, falsch sind Wohnküchen, verwinkelte Gassen, Blumentöpfe, die vor dem Haus auf der Straße stehen. Unordnung und Unübersichtlichkeit sind schlecht, Leere und rechte Winkel sind gut.“

Was hat nicht „Das verdammte 20. Jahrhundert“ (Gerard Radnitzky) alles an Grässlichkeiten hervorgebracht.

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Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
 „So kann ich hier nicht ferner hausen,
 Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
 Die Götter wollen dein Verderben –
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
 Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

* aus „Der Ring des Polykrates“ von Friedrich Schiller

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