Oktoberfest allerorten

Brauchtumspflege oder Event -“Kultur“?

Bei der morgendlichen Lektüre des Lokalteils dachte ich mich irgendwie südwärts ins Bayerische versetzt und nicht in die hessische Provinz. Auf mehreren Seiten grinsten mir in Farbe abgelichtete fröhliche junge Leut entgegen: Mädels im Dirndl, Burschen in der Krachledernen und alle mit Maßkrügen vor der Brust. Reportagen von mehreren aktuellen „Oktoberfesten“ im platten oder mittelgebirgigen Main-Kinzig-Land. Ich gehe davon aus, dass in den gezeigten Maßkrügen schon Bier enthalten ist, irgendeine Plörre aus Frankfurt oder Lich und nicht gar dieser schauerliche Äppelwoi, auf den die Hessen sich was zugutehalten.

Ein Oktoberfest zu feiern ist landauf-landab offenkundig zur Obsession geworden. Aber nicht in etwa Bayern, wo das Original beheimatet ist, herrscht Oktoberfest-Inflation  – nein, in ganz „Preußen“ von Hamburg bis Frankfurt, von Mecklenburg bis ins Breisgau. Dass „amerikanische Saupreußen“ (um im baierischen Duktus zu bleiben) schon seit Jahrzehnten in Michigan oder Texas, in NY und LA Oktoberfeste feiern, ist schon länger allgemein bekannt. Im Zeitalter der Globalisierung drang dieser  Export von „Brauchtum“ bis ins ferne Asien, Australien und gar Südafrika und Brasilien vor. Zu den unersetzlichen Accessoires des herbstlichen Bierfestes gehören natürlich Brezeln, Weißwurst, Schweinshaxen und der „Obatzte“. Und der Chinese, der Inder, der Russe oder auch der Neger geht in Lederhose, sein Weib im Dirndl zu dem Event.

Hierzulande sorgen schon ab August die Discounter von Aldi bis Penny, Globus und Rewe, dass die Feierbiester sich frühzeitig mit dem passenden Outfit versorgen können: „Hirschlederne“ aus Indien, Trachtenjankerl, -Hemd und -Bluse aus Bangladesh, Haferlschuhe aus China usw. Alles im originalen „Bayern-Look“. Da haben sich allerorten für Textilproduzenten, für die „gschäftsmaßigen“ Trachtenspezln nicht nur hierzulande, neue Geschäftsfelder aufgetan. Da die Mädels ihr mehr oder weniger vorhandenes „Holz vor der Hütten“ präsentieren wollen, profitiert auch die Miederbranche mit ihren Produkten zum „Lifting“ und „Push-up“ von dem aktuellen „Look“ . 

Was da mehr oder minder geschönt bis verhunzt wird, ist die baierische Tracht, die eigentliche „Gebirgstracht“. Eigentlich eine „sittlich“ verhüllende Angelegenheit.


Ich bin in einer oberfränkischen Kleinstadt im Freistaat aufgewachsen und mich wunderte damals, was da ein „Heimat- und Gebirgstrachten-Verein“ zu suchen hatte. Oberbayerische Brauchtumspflege in der fränkischen Provinz? Nun ja, die dortig vorhandene regionale „Tracht“ drückte ja in ihrer düsteren Ausgestaltung nicht gerade Lebensfreude aus und der beim Maibaumaufstellen aufgeführte Schuhplattler der Burschen und Maiden in Chiemgauer Volkstracht sorgte für Publikum. Erst viel später besann man sich auf eine fränkische Tradition und „Tracht“, die aber eher ein Kunstprodukt aus Mainfranken, denn eine lokal übliche Fest- oder Gebrauchskleidung darstellt; der „Gebirgstrachten“-Zusatz im Vereinsnamen verschwand denn.

Die Lederhose , ein zweckmäßiges, haltbares Kleidungsstück, war ja früher auch außerhalb der Alpenregion besonders für hyperaktive Buben ein gern gebrauchtes Teil. Ich selbst bin vom 4. bis zum 14. Lebensjahr mehrfach mit jeweils kurzen (für den Sommer) und jeweils langen Lederhosen (für die kältere Jahreszeit) versorgt worden. Nach vier- bis fünfjähriger Tragezeit – man hatte da reinzuwachsen – hatten die Hosen dann ihre unvergleichliche speckige Schönheit erreicht, mit ganz typischen Gebrauchsspuren vom Latz bis zum Hosenboden und mit ausgelutschten ledernen Hosenträgerbändel.
Mir ist es hiernach nie mehr in den Sinn gekommen, nochmal eine Lederhose oder ein „Trachtenjankerl“ anzulegen. Ich habe es auch immer als merkwürdig empfunden, wenn ein Sparkassenschwengel oder ein kleiner Provinzpolitiker aus dem Ort sich im „Raiffeisen-Smoking“ in der Öffentlichkeit präsentierte. Dem Oberförster oder Forstrat, dem befreundeten Jäger hat man das nachgesehen. Nachgerade auch für fränkische CSU-Politiker und auch für sich volkstümlich gebende Sozis schien ab einem bestimmten Zeitpunkt der bayerische Trachtenjanker als unverzichtbarer Aufzug vorgegeben zu sein.

Tracht bedeutet Tradition, hinweisend auf Ursprung und Wurzeln, ist ein Zeichen für Heimatverbundenheit. Es scheint paradox, dass in Zeiten, da Begriffe wie Heimat und Tradition nur noch naserümpfend rezipiert werden, jedes Jahr das angebliche Traditionelle seine Urständ feiert.
Ist der derzeitige Trachten-Hype ein Zeichen von wieder aufkommender Heimatverbundenheit oder gar -sehnsucht? Vielleicht gibt es das sogar wieder bei manchen jungen Leuten.
Ich sehe das aber skeptisch. Die Spaß- und Eventgesellschaft braucht stets neue Stimuli, befeuert von einer recht wachen Event- und Ausstattungsindustrie.
Was hat der Abklatsch einer bairischen Gebirgstracht in Ostfriesland oder in HU – hessisch Uganda – zu suchen?
Natürlich darf jeder sich „stylen“ oder auch verunstalten, wie es ihm gefällt. Von mir aus mag man sich zu gegebener Zeit mal wieder die Weißwurst- oder Brezel-Dröhnung geben oder mit pappigem Obatzten aus dem Discounter-Kühlregal den Magen verderben. Aber mit Tradition oder gar Brauchtumspflege, mit „Authentizität“ hat dies nichts zu tun.

Dem Franken aus Bayern sei es erlaubt, den Brauch des bairischen „Preußenwitzes“ an dieser Stelle aufzunehmen, denn der Münchner weiß es schon lange:
„Wie kann man einen Preußen bis aufs Blut quälen? –
Indem man ihm sein Trachtenjankerl wegnimmt!“

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Ein Kommentar zu Oktoberfest allerorten

  1. Richtig. Do gibd´s nix mea dazu zum song.
    Trachten waren auch mehr was für die gutverdienende Gesellschaft, sei sie bürgerlich oder bäuerlich gewesen. Eingeführt/hoffähig gemacht wurde der Trachtenkult von einem bayerischen König, Ludwig I. Der aber gar kein Bayer war, auch sein Weiberl war keine Bayerin. Das Tragen der Tracht hat also durchaus fremdländische Wurzeln oder besser gesagt „dieses“ Tragen der Tracht.
    Trachtenvereine mit ihren strengen Reglements sind mir fremd.
    Die Lederhose war eine Gebrauchskleidung. Auch ich kannte sie als Bub noch und auch als junger Erwachsener trug ich sie noch einige Jahre, je nach Bedarf. Ich schenkte sie dann meinem Neffen in den USA, der freute sich wie ein Schneekönig.

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