Stille Tage in Prag …

 Prager Frühling 1968

Hradschin, Prag – Von Stefan Bauer, http- www.ferras.at – Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5,

Heute vor 50 Jahren endete ein hoffnungsvolles, freiheitliches Experiment innerhalb des real existierenden Sozialismus: der „Prager Frühling“. Vom Januar bis zum August 1968 konnten Menschen aus dem Ostblock, wenn es ihnen vergönnt war, nach Prag reisen, um erstmals so etwas wie Luft von Freiheit zu schnuppern. Kam man aus dem Westen, gab es außer des Zwangsumtausches von läppischen 5 DM pro Tag keine Schikanen und Schurigeleien mehr an den Grenzen, wie man sie beim Übergang von Deutschland nach Deutschland erdulden musste.

Die tschechoslowakischen Reformkommunisten um Alexander Dubcek und dem Wirtschaftswissenschaftler Ota Šik hatten begonnen, ein Liberalisierungs- und Demokratisierungsprogramm durchzusetzen.
Im Februar 1968 hatte Dubček die Pressezensur aufgehoben und die Meinungsführerschaft hatte inzwischen von der Partei zum Volk gewechselt. Die Freiheit von Presse, Wissenschaft, Information und Reisen waren wichtige Schritte auf dem Weg zu einem angestrebten kulturellen Pluralismus und zu einer neuen, eher marktwirtschaftliche orientierten Wirtschaftsordnung – aber ohne den „Sozialismus“ aufzugeben.
Den Bemühungen setzten dann die „sozialistischen Brüder“ des „Ostblocks“ ein jähes Ende. In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 besetzten Truppen des Warschauer Pakts die Tschechoslowakei – unter Beteiligung der DDR.

 

Ich selbst war von 1967 bis 1968 dreimal in der CSSR, die frühere Heimat meiner Eltern und Großeltern im Böhmerwald zu besuchen und dann einige Tage in Prag zu verbringen.
Prag war für mich eine Obsession: die Moldau mit ihren Brücken, daneben das Nationaltheater und über allem der Hradschin mit dem Veitsdom. Die Altstadt mit dem Ring, dem Judenviertel und seinem beeindrickenden Friedhof. Dann der Wenzelsplatz und die „Kleinseite“ und die vielen Kneipen und Cafes, die Stammkneipe Schweijks, das U Kalika oder die ultimative Prager Bierschwemme, das U Flecku. Und dann das Cafe Slavia, gleich gegenüber dem Nationaltheater.

Prag, Nationaltheater – Von Lynx1211 – Eigenes Werk

Der Besuch im Slavia , dieser Prager Kultstätte, war ein „muss“. Dort trafen sich seit jeher Künstler und Literaten und während der Zeit des Kommunismus viele Studenten und Oppostionelle. Die Atmosphäre des Cafe Slavia war wohl stets in besonderer Weise anregend.

Zu diesem Thema fand ich denn vor Jahren, es war 2012, einen wunderbaren Aufsatz des Schriftstellers und Journalisten Ulrich Schacht* in der leider nicht mehr existenten Zeitschrift MUT.
Schacht schreibt von seiner expressiven Liebe und Bindung an diese Stadt. Er beschreibt ein „Glücksgefühl….. das mich vor so langer Zeit an diesem Ort gepackt hatte wie eine erste große Liebe, die einen nie verläßt.“
Schacht war 1968 als Siebzehnjähriger das erste Mal in Prag und erlebte als DDR-Bürger erstmals, wie Freiheit, die er gern erleben wollte, sich anfühlt. Bei einem neuen Besuch im Cafe Slavia mehr als 40 Jahre nach seinem ersten Besuch, mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall, refelektiert er jetzt in diesem Bericht über die Suppressionen, die jetzt im Namen von Freiheit uns von den neuen Zentralkomitees in Brüssel und anderswo auferlegt werden und führt seine Gedanken zurück zu dem damaligen echten, aber gescheiterten Aufbruch in die Freiheit in Prag.

Der Absinth-Trrinker von Viktor Oliva – Cafe Slavia

 

„…. Als ich meine Augen wieder öffnete, fiel mein Blick auf das berühmte Bild im hinteren Teil des Cafes: Es zeigt in unspektakulärem Grau und Braun nichts anderes als einen Ort wie den, in dem ich gerade saß, in seinem Zentrum aber nur einen einzigen Gast. Das Bild wäre zu übersehen, stünde in seinem wahren Mittelpunkt nicht etwas ganz Anderes: ein Geist. Ein Geist von giftgrüner Farbe und höchst verführerischer Gestalt. Der Mann am Tisch ist sein Opfer, denn der Mann am Tisch ist ein Trinker, und das, was er trinkt, ist – es leuchtet mit tödlicher Aura in einem Glas, das vor ihm steht, und sitzt zugleich als nackte junge Frau aus grünlich-durchsichtigem Nebel lasziv auf der Kante des Möbels ― Absinth. Ich habe noch nie Absinth getrunken, aber ich weiß, daß er wieder zurückgekehrt ist: wie eine süchtig machende Mode, die lange verschwunden war. Und nun ist sie erneut da, so neu und so chic wie einst; aber schluckt man ihn wirklich wieder so exzessiv wie damals? Absinth, dachte ich, was für ein schönes Wort für ein so abgründiges Naß, und trank mit Genuß einen ersten Schluck von meinem kühlen Chardonnay. Dann schnitt ich meine Zigarre an, befreite sie vorsichtig von ihrer Bauchbinde und begann mit der Zeremonie des Entzündens. Seit drei Tagen immer wieder dasselbe erregende Spiel, und seit drei Tagen sagte niemand, noch bevor es begann: Rien ne va plus. Rauchen verboten!
Ja, in Prag darf man in Restaurants noch rauchen, und fast hat es den konterrevolutionären Charme jener „2000 Worte“, die vor einem halben Jahrhundert den greisen Revolutionären zu Moskau, Warschau, Sofia, Budapest und Berlin die letzte Legitimation dafür lieferten, endlich ihre Soldaten, Panzer und Flugzeuge in Bewegung zu setzen, um dem Freiheitsspuk in Prag für lange Zeit ein Ende zu setzen. Heute sitzen – ging ich den eingeschlagenen Gedankenweg weiter – die neuesten alternden Revolutionäre zwar weit im Westen, gleich hinterm Ärmelkanal, aber daß in den Restaurants zu Prag noch immer blauer Dunst aufsteigen darf, treibt sicherlich ganze Kommissariate in der Welthauptstadt des Allerneusten Menschen um, in unzähligen Sitzungen zu prüfen, wie man dieses Mal das interventionistische Theorem von der begrenzten Souveränität im Fall Prags anwenden könnte, ohne Blutvergießen zwar, aber mindestens genauso wirkungsvoll.
Ich dachte dies, als ich die erste zarte Rauchwolke ausstieß und dabei eine der beiden großen deutschen Sonntagszeitungen aufblätterte, ich hatte sie mir beim Hergang in einem mit Zeitungen und Illustrierten aus aller Welt übersäten Kiosk am Wenzelsplatz gekauft. Aber die Schlagzeilen, die sie boten, hatten nichts mit diversen Beglückungsideen aus Brüssel zu tun, dafür mit Arabiens Aufbruch in die Demokratie, jedenfalls den Schlagzeilen zufolge. 
 Ach ja, seufzte ich leise, nach einem kurzen Überfliegen der Texte: Alles schon mal gelesen, damals, 1979, als sie den Schah verjagt hatten und die persische Demokratie ausriefen, die Mullahs mit den Kommunisten und den liberalen Bürgern zusammen, kurz darauf hingen die Kommunisten am Galgen, die Bürgerlichen standen vor den Erschießungspeletons, und die Frauen, eben noch frei, hatten fortan nur noch die Freiheit, sich Stoffbahnen verschiedener Qualität und Farbe zu kaufen, um sich darin einzuwickeln wie Fisch, dem ein Geruch von Fäulnis anhaftet. Zuletzt sah man vor allem an Kränen hängende Homosexuelle im in die Jahre gekommenen persischen Revolutionswind schaukeln.
Für einen Moment unterbrach ich meine Lektüre, zog intensiv an meiner von Hand gerollten Zigarre aus der Dominikanischen Republik und fragte mich, während ich langsam den Rauch ausstieß, ob die Welt nur periodisch verrückt sei oder strukturell? Hinter den blassen Rauchwölkchen entschied ich mich an diesem Nachmittag für das Naheliegendste, das Letztere mithin, was mich im selben Moment falscher Erregung enthob und meinen Versuch, die Stunde ungebrochen zu genießen, nicht vorzeitig beendete.
Also ließ ich die Zeitung auf die Tischplatte zurücksinken, trank erneut einen Schluck Chardonnay und blickte, durch den Raum meines geschützten Wohlbehagens und seine Fenster hindurch und hinaus, erneut über die Moldau hinweg, hinauf zum Hradschin: Ja, sie war noch immer zu sehen, die Fahne des Präsidenten der böhmischen Republik, nur viel schwächer als gestern, da den ganzen Tag über die Sonne schien und ein leichter Wind ging. Heute war der Himmel bedeckt, heute wehte kein Lüftchen, und also hing die Fahne des Präsidenten der Tschechen schlaff am Mast herab, nadelfein von hier aus, aber immerhin: Ich konnte sie noch sehen, und selbst wenn ich mich geirrt habe – es bleibt bei der einen Fahne, und darauf kommt es an.
Es gibt keine zwei Fahnen auf dem Palast des tschechischen Staatspräsidenten, es sei denn, er hat einen Gast. Und also können auch nie ständig zwei Fahnen über dem Haupt von Herrn Klaus wehen, wie auf vielen anderen Dächern Europas, unter denen Noch-Staatsoberhäupter sich täglich gen Belgien verbeugen,  jenem Menetekelgelände, das selbst nicht weiß, ob es zusammengehört oder demnächst auseinanderbricht wie eine Packeisplatte im Weddellmeer.
Klaus mag sie nicht, die blaue Fahne mit dem Sternenkranz, jedenfalls nicht über seinem Kopf. Sowenig übrigens wie die Reden der Wetterapokalyptiker, die uns täglich weiszumachen versuchen, wir seien es, die den Himmel erwärmten, und nicht der Himmel uns mit seiner Sonne und ihren Kapriolen aus Eruptionen, Neigungswinkeln und Teilchenströmen.

Eigenartig, dachte ich, es gibt immer noch Gründe, viel lieber Bürger dieses Landes zu sein als des eigenen, das täglich seinen Dreifarb ertränkt im Blau jener Flagge mit dem Sternenkranz, das gegen Raucher zu Felde zieht, als wollte es jenem fanatischen Küß-die-Hand-Nichtraucher von einst ein flächendeckendes immaterielles Denkmal setzen, und in dem täglich auf dem Fernsehschirm die Ablaßmessen der antimeteorologischen Priesterkaste gelesen werden, begleitet von schaummauligen Tetzeln in Serie, die auf den medialen Marktplätzen dem wohlgenährten Dummvolk die Sündenregister herunterbeten und die große Kehre einfordern, die darin besteht, die Dächer mit vergifteten Sonnenkollektoren zu beflastern, in zarteste Landschaften und glitzernde Meeresgründe gigantische Windmühlen aus Stahl zu rammen, deren Propeller zahllose seltene Vögel zu Hackfleisch verarbeiten, im Auto aber, mit dem sie nach ihren Auftritten davonjagen, nicht mit dem Fahrrad, im Auto soll das Volk den Teufel persönlich erkennen.
Und ich begriff: Nichts hatte sich wirklich geändert, obwohl sich seit damals, vor fast einem halben Jahrhundert, als ich zum ersten Mal hier war und die Freiheit schmeckte wie ein Auftauchen aus großer erstickender Tiefe, fast alles verändert hat. Schon gestern und vorgestern war ich beim Flanieren durch die Stadt jenem unfaßbaren Glücksgefühl von einst auf der Spur gewesen, aber eher zweifelnd, verzagt: Die Freiheit war jetzt auch hier Alltag, wie sollte sie da noch über jenen Glanz verfügen, der darin bestand, daß sie umstellt war von Lumpen, die sie mit Schmutz bewarfen, damit sie dreckig aussähe und die uniformierten Putzkolonnen, die schon hinter der Grenze lauerten, mit der Säuberungsarbeit beginnen könnten?

Wie in Trance sind wir damals durch die Stadt gelaufen, ich war noch keine achtzehn, mein Freund gerade sechzehn geworden. Aber wir waren alt genug, um zu wissen, was hier auf dem Spiel stand und daß es kein Spiel war, das Spiel, sondern Ernst, heiliger, sozusagen: Die Freiheit, kaum ans Licht gekommen, war sie schon wieder tödlich bedroht und wir mittendrin, in diesem Raum zwischen den Zeiten, von dem wir nicht wußten, träumten wir ihn nur, oder brannte sich da etwas für immer ein: über die Augen und Ohren in den Kopf, bis tief ins Hirn, ins ganze noch folgende Leben.
Seitdem sind über vierzig Jahre vergangen, und das ganze damals noch folgende Leben ist bis in diese Stunde gelebt, da ich zum dritten Mal während meiner jüngsten Reise hierher im Slavia eine köstliche Zigarre rauche, zum Chardonnay und nach einem Salat „Cesar“, der mir hier wunderbar schmeckt, woanders habe ich ihn mir längst übergegessen: Ja, es war ein Traum, aber er war auch wahr, so wahr, wie das Wirkliche nur sein kann, wenn es wirklich wahr wird, was selten geschieht, meistens ist es ja nur.
Auch gestern kam ich von meinem Quartier mit der Straßenbahn ins Zentrum, wie damals. Auch gestern stieg ich kurz vor dem Wenzelsplatz aus, passierte eine Seitenstraße und begriff im selben Moment, als sich der Platz vor mir auszubreiten begann, daß es genau die Ecke war, wo wir, im August 1968, in ein Kino gingen, um, es war der helle Wahnsinn, Help zu sehen, und vor dem Kino, unter den Arkaden, kaufte ich ein Poster mit den vier Hauptdarstellern des Films, was für eine Trophäe, was für ein Schatz, und von dem wenigen Geld, über das ich verfügte, auch noch ein paar deutsche Zeitungen aus Hamburg, die ich dann unterm Hemd zurückschmuggeln mußte in die Unfreiheit, aus der ich kam … “

 

Auch ich war in Prag verliebt. Wenn man mich damals frug, welche Stadt mir am schönsten schien, nannte ich Prag neben meinem geliebten Würzburg. Ich sollte auch später bedeutendere Schönheiten wie Paris, Rom, Neapel und andere kennenlernen dürfen. Aber an die erste Liebe erinnert man sich immer verklärt.
Prag wurde aber leider nach der Wende eine neuzeitliche Touristenmetropole mit Rummel, viel Nepp und ganz bestimmten Auswüchsen „westlicher Kultur“. Der Zauber der einstigen „Geliebten“ schien nicht nur mir bei meinen letzten Besuchen dahin.
Auch im Cafe Slavia war nichts mehr von dieser Atmosphäre zu erfühlen, wie einst im Mai 1968 oder auch früher zu Zeiten Friedrich Smetanas, der hier sogar wohnte, oder von Rainer Maria Rilke, Egon Erwin Kisch und später mit Karel Capek und Vaclav Havel.

Aber man sollte sich nicht ablenken lassen von der weitergehenden Botschaft, die dazu Ulrich Schacht für uns hat.

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* Ulrich Schacht wurde im Frauengefängnis Hoheneck, wo seine Mutter inhaftiert war, geboren und wuchs in Wismar auf. Nach Handwerkslehre und Sonderreifeprüfung studierte er in Rostock und Erfurt evangelische Theologie. 1973 wurde er in der DDR wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, 1976 in die Bundesrepublik Deutschland entlassen. Er studierte anschließend Politische Wissenschaften und Philosophie in Hamburg und arbeitete als Feuilletonredakteur und Chefreporter für Kultur der Zeitungen Die Welt und Welt am Sonntag sowie als Autor diverser Periodika, darunter Süddeutsche Zeitung, Volksstimme, Donaukurier, Focus, Rheinischer Merkur, Die Zeit, Cicero, Merkur, Sinn und Form, Die Politische Meinung, liberal, Preußische Allgemeine Zeitung und Junge Freiheit. 1994 war er zusammen mit Heimo Schwilk Herausgeber des Sammelbandes „Die selbstbewusste Nation“. (Wikipedia)

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