Martin Luther – ein Meister aus Deutschland

Bald ist es vorüber, das große Luthergedenkjahr. Doch dürfen dieses Jahr dank Luther alle, die schon länger hier leben, und nicht nur wie bisher die Dunkeldeutschen allein, am 31. Oktober einen arbeitsfreien – einen Feier-Tag begehen.
Als ich noch zur Schule ging, seinerzeit in Bayern, war auch in katholischen Gebieten der Reformationstag zumindest ein schulfreier Tag, die Ämter waren geschlossen und aus den evangelischen Kirchen klang mächtig „Ein feste Burg ist unser Gott!“ nach draußen. Das Reformationsgedenken ist inzwischen – mit Ausnahme diesen Jahres – regelrecht verdunstet, und seit geraumer Zeit rückte am 31. Oktober immer mehr ein aus den USA importierter Humbug namens Halloween ins Bewusstsein der bunten Spaßgesellschaft mit ihren verzogenen Blagen.

Ein Weblog-Autor mit meinem Anspruch kann diesen Gedenktag nicht übergehen und sollte dem Magister Luther die angemessene Ehrenerweisung zukommen lassen; aber wie es einer zwiespältigen Persönlichkeit gemäß sei.
Manch einer möchte Luther gerade in diesem Gedenkjahr von dem von seiner Kirche gigantisch aufgerichteten Postament holen; was die Ev. Kirche mit Luther in diesen Zeiten anstelle sei „banal, erbärmlich, albern“ schreibt ein Kritiker. Da wollten wir uns schon anschließen, ist uns doch jeder übertriebene Bahöl per se verdächtig.

Doch Ehre wem Ehre gebührt.

 

Der Sprachmeister

Für nicht Wenige ist Luther der „Der Genialste Sprachschöpfer aller Zeiten“. Zumindest für das Deutsche kann man das wohl gelten lassen. Bezüglich der Sprachmacht Luthers schreibt auch der oben zitierte theologische Kritiker: „Er hat die Menschen erreicht, weil er ihre Sprache sprach.“

Wie das?

Seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche war ein nicht zu übertreffender Erfolg. Zu Luthers Lebzeiten wurde das Buch 500.000mal gedruckt; in einer Zeit, in der im Volk kaum einer des Lesens oder Schreibens mächtig war. Übertragen auf heutige Verhältnisse wäre das eine gigantische Auflage und Reichweite – ein Jahrhunderbestseller.

Luther schuf nicht nur eine Fülle neuer Redewendungen und Metaphern, die aus dem Deutschen nicht mehr wegzudenken sind. Man denke an: wetterwendisch, kleingläubig, friedfertig, lichterloh, auf eigene Faust, für immer und ewig, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.
Treffsichere Redewendungen, die sofort ins Ohr gehen: „Ein Herz und eine Seele“, „der große Unbekannte“, „ein Buch mit sieben Siegeln“, „die Zähne zusammenbeißen“, „im Dunkeln tappen“, „auf Sand bauen“.
Dazu Sprichwörter, die Luther dem Volksmund entnahm: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ – „Hochmut kommt vor dem Fall.“ – „Recht muss Recht bleiben.“ – „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“
Er liebte und schuf klangvolle Alliterationen und Bilder wie „Schmach und Schande“, „Leib und Leben“, „fressendes Feuer“. Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Judaslohn, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lockvogel, Lästermaul, Gewissensbisse.

In einer Zeit, als in Deutschland 20 verschiedene Dialekte gesprochen wurden und es eine bedeutsame Sprachgrenze zwischen dem Nieder- und Oberdeutschen gab, verstand es Luther, mittels seiner Weise die Sprachgrenzen zu überbrücken. Wobei ihm auch die sächsische Kanzleisprache dienlich war.
Seine Leistung würdigten viele Meister unsere Sprache nach ihm. Jacob Grimm etwa schreibt 1822: „Luthers Sprache muss in ihrer edlen, fast wunderbaren Reinheit, für Kern und Grundlage der neuhochdeutschen Sprachniedersetzung gehalten werden“. Heinrich Heine: „Wie Luther zu der Sprache gelangt ist, in der er seine Bibel übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Diese Schriftsprache gibt unserem politisch und religiös zerstückelten Deutschland eine literarische Einheit.“
Daran kann wohl nicht gezweifelt werden.

Luther fand seine deutsche Bibelsprache, indem er auch „dem Volk aufs Maul schaute“. Und Luther war in Manchem das, was man heute einen Populisten nennen würde.
Er war, obschon man ihn gern als Modernisierer bezeichnen wollte, gleichwohl ein Kind und Gefangener seiner Zeit am Ausgang des Mittelalters – und das Gegenteil von „modern“.

 

Der Antisemit Luther

Vielleicht sollte man Luther besser als Antijudaisten bezeichnen; Antisemit ist ja eher eine Sprachschöpfung unserer Zeiten. Luther pflegte jedoch einen persönlichen Judenhass.
Kann man den religiös bedingten Anti-Judaismus (Alteuropas) neben dem rassistischen Antisemitismus der Moderne beiseiteschieben? Mancher sagt, Luther habe hier statt «Güte und Milde, Hass und Vernichtung der Menschenwürde gepredigt.»
Richtig, denn Luther predigte in der Tat erbarmungslos gegen die Juden und forderte die Obrigkeiten unerbittlich auf, sie zu vertreiben.
Falsch, wenn man unter «Vernichtung der Menschenwürde» die physische Ausrottung aus rassistischen Gründen versteht.

Luther im Original:

«Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Christen sind und solches öffentliches Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben …
Zum andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun wie die Zigeuner, auf daß sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande, wie sie rühmen, sondern im Elend (= Ausland) und gefangen, wie sie ohne Unterlaß vor Gott über uns Zeter schreien und klagen.
Zum dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten, darin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.
Zum vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren
Zum fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, denn sie haben nichts auf dem Lande zu schaffen, weil sie nicht Herren, noch Amtleute, noch Händler oder desgleichen sind. Sie sollen daheim bleiben …
Zum sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod und lege es zur Verwahrung beiseite. Und dies ist die Ursache: Alles, was sie haben (wie droben gesagt), haben sie uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher, weil sie sonst keine andere Nahrung haben …
Zum siebenten, daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nasen, wie Adams Kindern Gen 3 (19) auferlegt ist. Denn es taugt nicht, daß sie uns verfluchte Gojim wollten im Schweiße unseres Angesichts arbeiten lassen und sie, die heiligen Leute, wollten es hinter dem Ofen mit faulen Tagen, Festen und Pomp verzehren.»

Folgende Fragen seien erlaubt:
Was meinte Luther, als er nahelegte, mit Juden «nach aller Unbarmherzigkeit» umzugehen, «wie Mose tat in der Wüste und schlug dreitausend tot …»?!
Was meinte er, als er gefragt, ob er Juden ohrfeigen würde, gestand, er würde einen Juden «niederwerfen und im Zorne erstechen. Wenn man einen Räuber nach menschlichem und göttlichem Recht zu töten befugt ist, so darf man doch viel eher einen Gotteslästerer umbringen» ?!
Was meinte er, als er seinen vierten Ratschlag gab, «daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren …»?
Bei Leib und Leben, das heißt bei Todesstrafe.

Natürlich hat Luther den Weg nach «Auschwitz» nicht gewiesen, hat aber fraglos damit irgendwie zu tun. Man braucht nicht auf Julius Streicher vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verweisen, der sagte: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn er noch lebte.“
Es gibt dazu ehrlichere Gewährsmänner als den Erznazi Streicher.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte Melvin Lasky, ein junger amerikanischer Schriftsteller, Karl Jaspers in Heidelberg, sprach etwas verlegen-verbindlich über Deutschlands große kulturelle Tradition, nannte Lessing, Goethe, wurde jedoch von Jaspers brüsk unterbrochen und sah sich nach einem kurzen Griff des Gelehrten hinter sich ins Bücherregal mit Luthers «Von den Juden und ihren Lügen» konfrontiert. «Das ist es», sagte Jaspers. «Da steht das ganze Programm der Hitler-Zeit schon!» Und schrieb auch später in «Die nichtchristlichen Religionen und das Abendland»: «Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.»

 

Der verunmöglichte Aufklärer

Die Welt zitiert in einem Beitrag Margot Käßmann: „Luthers Freiheitsbegriff hat große Konsequenzen nach sich gezogen. ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ als Parole der Französischen Revolution hat im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Am Ende ist der Bogen bis zur Aufklärung zu spannen.“

Man darf sagen, er ist weder Freiheitsapostel noch Vorläufer der Aufklärung. Der amerikanische Luther-Biograf Richard Marius ist der Auffassung, Luther bedeute „eine Katastrophe für die westliche Zivilisation“-?
Starker Tobak.
Aber: Ende des 15. Jahrhunderts führen die Wiederentdeckung der Antike, das Studium des Aristoteles und die Verweltlichung der Kirchenhierarchie dazu, dass sich in der europäischen Elite ein toleranter Skeptizismus breitmacht, am besten verkörpert in den Humanisten um Erasmus von Rotterdam. Dieser Bewegung gegenüber vertritt Luther eine buchgläubige Intoleranz: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig!“
Die Vernunft ist für Luther des Teufels Hure“. Kopernikus lehnt er ab, weil seine Erkenntnisse der Bibel widersprächen: „Der Narr will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!“ Luther ist immer für die Schrift und nicht für den Verstand oder die Vernunft der Aufklärung: „will doch meinen Verstand gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi“. Nach Richard Marius hasste Luther jeden Skeptizismus.
Man darf Luther durchaus als Fundamentalisten bezeichnen, fraglos im Widerspruch stehend zum aufklärerischen Humanismus.

Der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner schreibt:
»Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch – am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.«

Weitere Zitate von Luther selbst:

„Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

„Es ist ein arm Ding um ein Weib. Die größte Ehre, die das Weib hat, ist, dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden.“

„Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“

„Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird“.
Hexen könnten „Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen, … ein Kind verzaubern, … geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen … Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder …“

„Das ganze Leben solle Buße sein.“

„Daher bleibt die Strafe, solange der Hass gegen sich selbst – das ist wahre Herzensbuße – bestehen bleibt … Aufrichtige Reue begehrt und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig und lehrt sie hassen …“

Selbsthass statt Befreiung: Was für eine finstere Lehre, meint denn der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Essay „Nach Gott“. Sloterdijks Beitrag zum „lutherbesoffenen Reformationsjubiläum“!?
Sloterdijk ist wie der Lutherbiograph Richard Marius bekennender Atheist. Er spricht vom Drama der menschlichen Existenz in der neurotischen Fixierung des Protestantismus auf Sünde und Buße. Sloterdijk sieht Luther als „Neurotiker“ und „christlicher Salafist“: „Im Hinweis auf die unvertretbare, unkäufliche, unmanipulierbare Buße ist das ganze Programm der Reformation enthalten“. Der Ablasshandel war Luther der Dorn im Auge. Für Luther, der sich in Rom selbst als eifriger Ablassjäger im Heilsdienst der eigenen Seele betätigte, und die ihm nachfolgenden Ideologen des Protestantismus stellte der Ablasshandel vor allem einen Wechsel der Perspektive auf Sünde und Buße dar, die plötzlich lebensbejahend wirkte. Luther wollte hinter diesen, von der Kirche nach vielen Jahrhunderten erreichten Punkt eines menschlichen Daseins in der weltlichen Erlösungsmöglichkeit zurück. In der Beichte seine Sünden zu bekennen und sich durch die Absolution wieder mit Gott im Reinen zu wissen, erschien Luther als Widerspruch zum göttlichen Zwang des Menschen, ein irdisches Leben in der Erlösungsunmöglichkeit zu führen. Mit seinem „sola gratia-Pathos“ habe Luther die Gläubigen zu einer „extremen Reue-Leistung“ genötigt: „Das Bereuen-Können ist selbst schon Werk der Gnade. Du sollst verloren sein, als ob du gerettet wärest.“

 

Zuchtmeister und Fürstenknecht

Beginnen wir wieder mit einem Zitat:

„Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“

„Los von Rom!“ War der Wunsch der deutschen Fürsten, der Ritter, Bürger und Bauern, auch um das Eigentum der Kirchen und Klöster an sich zu ziehen. Daher genoss Luther den Schutz seiner Fürsten gegen Kaiser und Papst. Die geknechteten und in Leibeigenschaft gehaltenen Bauern hatten in ihn Hoffnung gesetzt, nicht nur aus der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen„. Nach der Eskalierung der Bauernäufstände im großen Bauernkrieg 1524-1526 stellte Luther klar, dass sich die aufständischen Bauern zu Unrecht auf ihn beriefen und ermutigte die Fürsten, die Bauern mit aller notwendigen Gewalt niederzuschlagen.
In der Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ rief er die Obrigkeit auf:

Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“
„Denn ein Fürst und Herr muß hie denken, wie er Gottes Amtmann und seins Zorns Diener ist (Röm. 13), dem das Schwert uber solche buben befohlen ist und sich ebenso hoch fur Gott versundiget, wo er nicht straft und wehret und sein Amt nicht vollfuhret, als wenn einer mördet, dem das Schwert nicht befohlen ist. Denn wo er kann und straft nicht, es sei durch Mord oder Blutvergießen, so ist er schuldig an allem Mord und Ubel, das solche buben begehen, als der, da mutwilliglich durch Nachlassen seins göttlichen Befehls zuläßt, solchen Buben ihre Bosheit zu uben, so er’s wohl wehren kann und schuldig ist. Darum ist hie nicht zu schlafen. Es gilt auch nicht hie Geduld oder Barmherzigkeit. Es ist des Schwerts und Zorns Zeit hie und nicht der Gnaden Zeit.“

Der historisch in Frage gestellte Spruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“, angeblich vor dem Reichstag in Worms ausgesprochen, dient für die Glorifizierung des Reformators bis heute, um seine Aufrichtigkeit, Unerschrockenheit und Freiheitsbekundungen gegenüber der Obrigkeit zu belegen.
Wie passt dazu eine Entscheidung Luthers, mit der er das Gegenteil belegt!?
1540 stimmte Luther in einem schon seinerzeit als skandalös anzusehenden „Beichtrat“ an den Landgrafen Philipp von Hessen dessen Doppelehe mit Christine von Sachsen und mit dem Hoffräulein Margarete von der Saale zu. Philipp war ehedem einer der mächtigsten politischen Verfechter der Reformation, sodaß Luther sich wohl aus Kalkül dem unsittlichen Begehren dieses Fürsten unterwarf. Luther erlaubte und rechtfertigte die fürstliche Bigamie; woran auch Philipp Melanchthon eingehend beteiligt war. Dieser „theologische Skandal“ wurde erst 128 Jahre später bekannt und veröffentlicht. Allein das Gerücht über die Bigamie des Landgrafen führte damals bald zu einer Schwächung der protestantischen Sache, insbesondere des Schmalkaldischen Bundes. Melanchthon war über diese – auch seine – Abweichung von Christi Gebot „psychosomatisch krank“ geworden, wie man heute sagen würde, und nur Luthers „Gebete“ konnten ihn angeblich heilen.

 

Ist das, was ich hier alles zum Reformationsfest über Luther zusammengetragen habe negativ wirkend für das Gedenken an den großen Magister aus Deutschland?
Kritiker werden einwenden, dass man doch Luther in seiner Zeit und Epoche verstehen müsse. Das ändert aber nichts an der Wirkung der Gedanken und Theoreme des Reformators: Die Auflösung der europäischen Einheit der Christenheit mit den späteren Glaubenskriegen und Zerstörungen der deutschen Lande für Jahrhunderte im 30-jährigen Krieg. Die fatale Obrigkeitshörigkeit der Deutschen mit Nachwirkungen bis heute. Und der auch religionsbegründete, mörderische Rassismus in deutscher Ausprägung.

Dagegen stehen: der Anstoß zur Entwicklung der deutschen Sprache als Welt- und Kultursprache durch die Luthersche Bibelübersetzung. Ohne Luther wohl nicht die großartigen Werke eines Johann Sebastian Bach und das, was auch Katholiken mit Luthers Hilfe als unser Liedgut schätzen. Mit seinem Appell „An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“, indem er auffordert, eine gute Ausbildung der Jugend zu garantieren, legte er mit die Grundlage für das spätere, öffentliche Schulwesen in Deutschland.

Wie Margot Käßmann mit Luther „den Bogen bis zur Aufklärung zu spannen“ ist wohl überkommen; und für die Greuel der Französischen Revolution und für Hitler wollen wir ihn auch nicht verantwortlich machen.

Es bleibt genügend, um Martin Luther zu feiern.

 

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Literatur zu „Luther – Ein Meister aus Deutschland“

 

 

 

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