„Der alte Türke“ lebt noch

Aus aktuellem Anlass wird der Artikel (Erstveröffentlichung 13. März) nochmals gepostet.

Eine Schilderung von Pater Johannes Leppich S.J.

Fundstück aus dem Jahre 1959

Pater Leppich (* 16. April 1915 in Ratibor, Oberschlesien; † 7. Dezember 1992 in Münster) war in den fünfziger und sechziger Jahren eine prominente Gestalt, nicht nur in Deutschland und in katholischen Kreisen. Bekannt wurde Leppich durch seine Volks- und Straßenpredigten in zahlreichen Städten (bis 1971). Wegen seiner beißenden Gesellschaftskritik hatte er in der Adenauerzeit den Spitznamen „Maschinengewehr Gottes“. Leppich warb in seinen Predigten unnachgiebig für christliche Werte und positionierte sich auch klar politisch gegen Kommunismus und Sozialismus und einen ausufernden Liberalismus. Leppich würde heute sicher nicht nur als Reaktionär, sondern von den politisch korrekten Elite-Medien überhaupt als „Nazi“ tituliert und stigmatisiert werden.
Leppich unternahm 1958 eine Weltreise, die ihn von Istanbul bis New York um die ganze Welt führte. Seine Ansichten und Erlebnisse hat er in einem Buch zusammengefasst, das nur noch antiquarisch zu erhalten ist: „Gott zwischen Götzen und Genossen“.
Die Reise führte ihn auch in die Türkei. Seine Erfahrungen und Schlussfolgerungen sind jetzt 60 Jahre danach unverändert lesenswert, ja aktuell in ihren Implikationen.
Ein nach wie vor aktuelles Zeitdokument – wenn auch manche Straßen Istanbuls und viele Touristenzentren inzwischen sich für die Welt gern „modern“ oder auch „europäisch“ geben möchten.
Mit der Volksbefragung vom 16. April 2017 hat Erdogan sich freie Hand für Errichtung einer Diktatur und eines islamischen Staats geben lassen. Erdogans Absicht ist es, den früheren „Vater der Türken“ Kemal Atatürk endgültig vom Sockel zu stoßen.

 

„Der alte Türke“ lebt noch
(1959)

Durch die engen Gassen Istanbuls holpert unser Taxi. Wir sind unterwegs zur Kirche des orthodoxen griechischen Patriarchen.
Vor einer hohen Mauer bleiben wir stehen. Eine schmale Stiege führt in die Höhe, als würde sie eine alte Befestigung durch schneiden.
Ich will durch das schwere hölzerne Haupttor in den Palasthof. Es ist versperrt. Nur ein kleiner Nebeneingang ist offen. Von einem alten Popen mit wallendem Bart bekommen wir die Erklärung dafür;
„Dieses große Tor wird nie mehr geöffnet, und zwar aus Protest. An diesem Tor nämlich haben die Türken 1821 den Patriarchen Gregorius gekreuzigt. Er war der Führer der griechischen Christen. Weil damals die Griechen die türkische Herrschaft abschütteln wollten, haben die Türken ihn aus Rache gemordet.“
Mich schaudert bei dem Gedanken, was sich hier abgespielt hat.
Wozu aber in der Geschichte kramen?
Es gibt doch heute keine gefürchteten Türken mehr.
In deutschen Illustrierten lächeln Sie fesche, türkische Pin-up-girls an. Die verschleierte Frau mit den bunten Pluderhosen ist in der Türkei überholt. Die türkische Frau ist emanzipiert. Sie sitzt als Studentin im Hörsaal und führt in Frauenverbänden das große Wort.
Die moderne Türkin, in der schicken Uniform der Marine, haben wir selbst gesehen. Die Mädchen führten mit geschultertem Gewehr das Paraderegiment.
Das orientalische Märchen von der Türkei ist überholt. Die Türkei ist auf dem Wege nach Europa.
Sie verdankt das fast ausschließlich Kemal Pascha Atatürk, der mit rücksichtsloser Entschlossenheit die Türkei zu einem modernen Staat umgestaltete. Er riß die Türkei nach dem ersten Weltkrieg aus ihrer politischen Lethargie. Allerdings mit vielen ihrer Wurzeln, auch manchen islamischen. Darum ist der Baum Türkei, der heute auf asiatischem und europäischem Boden wurzelt, auf keinem von beiden fest. Der Europäer läßt sich nicht aufpfropfen und der Asiate nicht ausschneiden.
Der »Führer“, Kemal Atatürk, hatte es nicht leicht bei dem Islam, der immer nur rückwärts schaut. Darum kann man Atatürk das Wort zutrauen, das von ihm überliefert ist: Wenn die Türken statt des Islams das Christentum angenommen hätten, dann hätte et sich seine Reformen ersparen können.

Der hochgefeierte Diktator hat aber unter „Christentum“ nur Europa verstanden. Besser gesagt: seine Eisenbahnen, seine Spitäler, seine Hochschulen, seine Modesalons und Fabriken.
Und so zog sich also der alte Türke nur eine neue europäische Haut über:

Die Männer vertauschten ihren Fes mit dem europäischen Herrenhut; und der Schleier der Frauen wich dem Chick aus Paris und London. Moderne Traktoren und Mähdrescher eroberten das Land. Und der „Laizismus“ proklamierte, daß Religion nichts mehr mit dem öffentlichen Leben zu tun habe. Selbst unser katholische Priester, der mich vom Bahnhof abholte, war in Zivil, denn heute noch darf kein Vertreter einer Religionsgemeinschaft im geistlichen Gewand in der Öffentlichkeit auftreten, jedenfalls nicht die Christen.
Natürlich spricht man viel von Toleranz. Aber während die prachtvollen Fassaden der Moscheen das Stadtbild kennzeichnen müssen sich die christlichen Kirchen verschüchtert in den Winkel der Stadt verkriechen.
Wir Deutschen sind beliebt, sehr beliebt. Man ist bereit, von uns alles anzunehmen: Technische Wunder, kulturelle Einrichtungen und selbst die deutsche Unmoral. Aber es ist fast wie ein Staatsverbrechen, wenn ein Mohammedaner es wagt, die Religion der Deutschen anzunehmen, das Christentum.
Aber auch ein Diktator kann nicht ohne weiteres ein Volk umwandeln. Atatürk ist tot, und der alte Türke wird wieder lebendig:

Die türkische Frau haben wir in den Straßen wieder mit dem „Tscharschaff“, dem schwarzen langen Tuch, gesehen. Der Bauer in Anatolien hat sich nicht stören lassen, mit seinem Holzpflug, wie ihn schon die Hethiter vor 3000 Jahren in ihren Steinreliefs verewigt haben, weiterhin die flachen Furchen zu ziehen. Und der Islam besteht eisern weiter. Darum endet fast jede Ehe zwischen einer Christin und einem Moslem mit einer Katastrophe. Das Mädchen, das sich einer dummen Romantik verkauft, zerbricht, wenn nicht an der anderen Religion und Rasse, auf jeden Fall an der türkischen Sippe.
Denn die Türkei ist weit mehr in Asien verwurzelt als in Europa.
Sehen Sie sich nur die Landkarte an: Wie wenig gehört zu Europa und wie gewaltig ist der Teil in Kleinasien!
Und diesem Asien bin ich in Istanbul erschreckend nahe begegnet.
An allen Ecken und Enden sitzen Krüppel, die betteln. Ihr Anblick ist grauenvoll, Sie kommen fast alle aus Anatolien. Vor zwei Jahren ist eine Bettlerorganisation aufgeflogen. Ihre Manager haben jahrelang aus der asiatischen Türkei Krüppel importiert. Nicht weil es in Anatolien so viele Mißgeburten gäbe. Aber unmenschliche Eltern haben ihren Kindern Hände und Fuße gebrochen oder ihnen die Augen geblendet, damit sie sie als erfolgreiche Bettler an die Agenten dieser Teufelsgesellschaft teuer verkaufen konnten.
Nein, die Türkei ist noch nicht „Europa“ geworden. Und der unruhige Nomade und fanatische Streiter für den Islam im Türken ist noch lange nicht dem Europäer gewichen. Vom „christlichen“ Europäer ganz zu schweigen.
Im Gegenteil; „Der alte Türke“, wie er den Patriarchen Gregorjus ans Tor und zum Tod geschlagen hat, lebt noch immer. Vor drei Jahren erst hat er ein Lebenszeichen gegeben. Vor den Augen aller Welt ist erschreckend explodiert, was an jahrhundertealtem asiatischen Haß und mohammedanischem Fanatismus gegen Europa und das Christentum unter einer dünnen Decke von Zivilisation schwelte.
Diesmal war es die griechisch-orthodoxe Kirche, die sie überfielen. Am 6. September 1955 brach es in Istanbul los: Moslemmassen rotteten sich zusammen und wälzten sich durch die Straßen Istanbuls. Wo ihnen ein Kreuz begegnete, setzten sie den roten Hahn aufs Dach. Dreißig Kirchen brannten sie so nieder.
Nicht genug: sie zerstörten und plünderten alle Geschäfte, wenn auf einer Ware ein Markenzeichen nur entfernt an ein Kreuz erinnerte. Aus christlichen Gräbern rissen sie die Leichen und schändeten und entehrten noch die Toten …
Man darf es uns Christen nicht übelnehmen, wenn uns nach solchen Erfahrungen der alte Schreckensruf Europas „Der Türke kommt“, im Gedächtnis bleibt, ich habe daran gedacht, als ich am Grabe des Sultans Soliman stand. Er hatte seine Zelte bereits vor Wien aufgeschlagen. Wäre damals das christliche Abendland erlegen, was wäre aus Europa geworden?
So aber besteht Hoffnung, daß die Türkei doch noch, „auf den Weg nach Europa“ kommt.
Wiederum stehen die Türken vor Wien — diesmal allerdings nicht zum Schrecken Europas mit dem Türkensäbel: Es sind junge türkische Studenten, die in unseren Hörsälen sitzen, türkische Ingenieure, die unsere Betriebe besichtigen. Es ist die wissensdurstige, lernbegierige Türkei,
Es ist nur die Frage, wie diese Schüler des alten Europa in ihre Heimat zurückkehren. Denn Naturwissenschaft/ Medizin und Technik bei uns studiert zu haben, genügt nicht. Das kann nur eine Zivilisationstünche für den »alten Türken“ abgeben. Gnade uns, wenn ihnen gottlose Professoren und liberale Betriebsdirektoren Lehrmeister sind!
Sie müssen im alten Europa Gott begegnen. Sie müssen erleben, daß Gott nicht ein zwar ehrwürdiges, aber im 20. Jahrhundert überholtes Museumsstück ist, sondern ein lebendiger, nie alternder Gott, daß auch die modernste Technik und Wissenschaft und das Christentum sich nicht widersprechen.
Das heißt, sie müssen Christen begegnen, die in dieser modernen Welt als Christen leben und damit glaubhaft machen, daß die Lehre Jesu Christi nicht für ein paar europäische Ästheten da ist, sondern für alle Menschen — auch für den „alten Türken“!

Leppich verströmt zum Schluß seines Aufsatzes etwas Optimismus – mit Einschränkungen. Er setzt irgendwie Hoffnung in junge wissenbegierige Studenten und Schüler, die „in unseren Höraälen“ sitzen. Er fürchtet nur, dass „gottlose Professoren und liberale Betriebsdirektoren“ ihre Lehrmeister werden könnten. Reicht das?
Leppich unterstellt der erwünschten „Zivilisierung“ dieser modernen Türken eine notwendige „Begegnung mit Gott im alten Europa“. Hat er bedacht, dass mit diesem Gott nicht „Allah“ gleich gesetzt sein kann? Ich meine doch, weil er sicher mit „Allahu Akbar“-Rufen konfrontiert worden war und er erkannte, dass „der alte Türke“ weiterlebt.

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