Querfront – Geht ein Gespenst um in Europa?

Eine Kontroverse unter Linken

 

„Das Herz des Weisen schlägt auf der rechten,
das des Narren auf der linken Seite.“
Prediger 10,2

Man kann einwerfen, die Beschäftigung mit dem Thema „Querfront“ sei nicht mehr aktuell, in den Zeitläuften inzwischen überholt. Das scheint nicht der Fall. Mit etwas Verzögerung zur Diskussion unter den Linken erschien nun auch eine Publikation von „rechter Seite“: Benedikt Kaiser „Querfront“ – Kaplaken-Band 49, Antaios Verlag. Darauf wird noch einzugehen sein.

Was heißt oder bedeutet eigentlich „Querfront“?
Greifen wir auf eine Definition zurück, wie sie z.B. in der überwiegend linksgestrickten Enzyklopädie Wikipedia zu finden ist:

„Als Querfront im historischen Sinn bezeichnet man antidemokratische Strategien, die gegensätzlichen Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus zu verbinden, um die politische Macht in der Weimarer Republik zu übernehmen. Solche Bündnisse strebten Vertreter der Konservativen Revolution seit etwa 1920 theoretisch, der damalige Reichskanzler Kurt von Schleicher 1932 praktisch an.
Als Querfront im weiteren Sinn bezeichnet man Versuche, die Zustimmung für anti-emanzipatorische Positionen zu vergrößern und lagerübergreifende Aktionsbündnisse „quer“ zu bestehender „links“- und „rechts“-gerichteter Politik herzustellen. Das versuchen Teile des deutschen Neonazismus, aber auch manche linksgerichtete Gruppen und Parteien mit nationalistischen Tendenzen.“

Weiter heißt es dort:

„Heute werden Querfront-Bestrebungen besonders im deutschen Rechtspopulismus sichtbar. Dazu zählt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Storz die Zeitschrift Compact von Jürgen Elsässer seit 2010, das Internetportal KenFM von Ken Jebsen seit 2011, die Partei Alternative für Deutschland seit 2013, die Mahnwachen für den Frieden, das islamfeindliche Demonstrationsbündnis Pegida und seinen Ableger Legida seit 2014. Kennzeichnend für diese neue Querfront seien eine leistungsfähige eigenständige Gegenöffentlichkeit und einfache populistische Fronten: „Volk gegen Eliten, Wahrheit gegen Lügenpresse“. … “

Die Diskussion ist wie schon angedeutet ein paar Monate alt. Sie füllte fast ausschließlich das Feuilleton oder die politischen Kolumnen der Linkspresse. Begonnen hat die Aufmerksamkeit zu diesem Thema mit einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall im Jahre 2015 aus der Feder des im obigen Zitat erwähnten Wolfgang Storz.

Die Studie „Querfront – Karriere eines politisch publizistischen Netzwerkes“ geht von einem Netzwerk zwischen publizistischen Akteuren wie Jürgen Elsässer, Ken Jebsen und Michael Vogt und bestimmten Verlagen (z.B. Kopp-Verlag) und Webportalen aus. Historische oder weitere aktuelle Aspekte werden in der Studie nicht abgehandelt. Von einer wissenschaftlichen Studie kann man bei dieser Schrift ohnehin nicht sprechen, und Sinn und Zweck der Arbeit bleiben letztendlich offen.

Heftige Kritik erfährt denn der Autor mit seiner Arbeit und letztlich auch der Auftraggeber (vulgo die IG Metall) von dem ausgewiesen linken Publizisten und ehemaligen SPD-Spitzenbeamten unter Willy Brandt, Albrecht Müller (Nachdenkseiten).

Ein bekannter Schwindel-Verzapfer vom „Cicero“, Alexander Grau, nahm sich unmittelbar nach dieser Studie des Themas an und meinte

„Während Deutschland die Rechtsextremen fürchtet, hat sich eine Bewegung formiert, die Ansätze linker und rechter Ideologien kombiniert: die Querfront. Mit ihren antiwestlichen und antiliberalen Ressentiments erreicht sie frustrierte Bürger.“

Es wurde auch schon gemutmaßt, das Erbe autoritärer Denkmuster könnte der Kitt zwischen ganz rechts und links sein (Süddeutsche Zeitung).

Auch der Bayerische Rundfunk beschäftigte sich damit und die sattsam bekannte Annette Kahane hat natürlich das Thema entdeckt.
Sie betont die „antiwestliche Haltung“ der angeblich existierenden „Querfront“ und behauptet in einem Interview:

„Sie sind antiliberal, gegen die Globalisierung, gegen den Kapitalismus und gegen das, was sie für Imperialismus halten. Wobei sie nur bereit sind, eine Art von Imperialismus zu sehen, und das ist der amerikanische. Sie sehen nicht den russischen oder chinesischen. … Beide Lager haben außerdem ein stark dualistisches Weltbild. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Entweder man ist Freund oder Feind. Sie sind gegen eine moderne, vielfältige Gesellschaft und lehnen deshalb Homo- oder Transsexuelle ab. Sie sind auch extrem antisemitisch. Was sie noch eint, ist ihr Denken in ethnischen oder sozialen Kollektiven. Sie generalisieren und sagen: „Die Deutschen“, „die Arbeiter“ oder „die Finanzoligarchie“.“

Natürlich muss auch ihr Netz gegen Nazis die angeblich neue und perfide Strategie „der Braunen“ Stellung beziehen.
Dabei diagnostiziert man auch bei der Vorzeige-Linken Sahra Wagenknecht „einen gewissen Chauvinismus und Rassismus“.

Im Juni 2016 greift Albrecht Müller in seinen Nachdenkseiten das Thema noch einmal auf und läßt den Soziologen Rudolf Bauer zu Wort kommen. Bauer hatte vorher in der linksradikalen „Jungen Welt“ über das Thema referiert. In dem Interview in den „Nachdenkseiten“ wendet sich dieser vornehmlich gegen Frau Kahane, der er u.a. Geschichtsblindheit vorwirft:

„Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung argumentiert nach dem Muster „links gleich rechts“, „kapitalismuskritisch gleich antisemitisch“, „pazifistisch gleich Putinfreund“. …(Sie) subsumierte unter de(m) Oberbegriff „Querfrontler“ dabei alle möglichen Gruppierungen: völkische, populistische, antikapitalistische, „anti-amerikanische“, rassistische, antisemitische, homophobe, antiliberale, europaskeptische, globalisierungskritische, antidemokratische und angeblich verschwörungstheoretische.
Natürlich auch Linke, Friedensfreunde, Antimilitaristen und NATO-Gegner. Alles durcheinander, Kraut und Rüben, Hackepeter und Sachertorte. Fakten spielen bei ihr keine Rolle. Argumente und Analysen ebenso wenig …
Hier wird ein Stil der politischen Auseinandersetzung als „demokratisch“ und „liberal“ hoffähig gemacht, der bei den Rechten beheimatet ist, um Linke damit pauschal zu diskreditieren und zu denunzieren. „

Da wendet sich der (linke) Sozialwissenschaftler und Künstler (kann so einer anders als links sein?) gegen eine linke Aktivistin und deren Interpretation des Begriffes, die sicher auch deswegen beunruhigt ist, da ja schon Fahnen und Symbole der Linken bei diesen schändlichen Pegida-“Aufmärschen“ zu sehen waren, wo sich nach offiziöser Lesart ohnehin nur Pack, Pöbel und Dreck, vulgo Nazis tummeln.

Es scheint mir eine im Wesentlichen von den Linken geführte Diskussion, die sichtlich um ihre Deutungsmacht fürchten.

Linke gegen Linke: Sollen sie sich ruhig zerfleischen, möchte man einflechten. Aber für die Linke gilt: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Die Linken jeder Schattierung leiden nicht an der Abgrenzeritis untereinander, wie die neue, von ihnen definierte „Rechte“.
Die Linke zeigt keine Betroffenheit angesichts der über 100 Millionen Toten, die sie seit der Französischen Revolution zu verantworten hat; sie ist gegen jegliche „Relativierung“ gefeit und sieht sich unverändert in der Funktion als Menschheitsbeglücker.

Es ist aber auch festzustellen, dass die medial lautstarken linken, angeblich liberalen  Eliten in Amerika und Europa seit Jahren – sämtliche Lordsiegel-Bewahrer aller political correctness – einer kapitalistischen und imperialistischen Linie der dirigierenden Führungsmacht folgen. Man spricht denn in diesem Zusammenhang auch von „neokonservativen Souffleuren“, denen wesentliche Teile der Linken folgen und die damit das einst die Linke einende antikapitalistische und antiimperialistische Grundprinzip aufgegeben haben.

Damit der Leser sich bei dieser Diskussion positionieren kann, soll einmal kursorisch beschrieben werden, was eigentlich „links“ bedeutet. Ich greife hierzu auf den großen konservativen Gelehrten Erik von Kuehnelt-Leddihn mit seinen Definitionen zurück:

Was ist links?

• Materialismus – ökonomischer, biologischer, soziologischer Natur.
• Messianische Rolle einer Gruppe – Volk, Rasse, Klasse.
• Zentralismus. Unterdrückung lokaler Verwaltungen, Eigenarten etc.
• Totalitarismus. Alle Lebensbereiche von einer Doktrin durchdrungen.
• Gewalt und Schrecken anstelle von Autorität, einer endogenen Kraft.
• Ideologischer Einparteienstaat.
• Völlige, staatliche Kontrolle von Erziehung und Unterricht.
• „Sozialismus”: Gegenteil von Personalismus.
• Versorgungsstaat von der Wiege bis zum Grab.
• Militarismus, nicht Bellizismus.
• Starre Staatsideologie mit „Feindbild”.
• Antimonarchisches Führerprinzip. Der Führer, Duce, Vozdj verkörpert das Volk. Er ist nicht Vater sondern Bruder – Big Brother!
• Antiliberalismus. Freiheitshass.
• Antitraditionalismus. Man kämpft gegen die „Reaktion”.
• Expansionsstreben als Selbstbestätigung.
• Exklusivismus: Keine anderen Götter werden geduldet.
• Ausschaltung der Zwischenkörperschaften, der „corps intermediaires”.
• Gleichschaltung der Massenmedien.
• Abschaffung oder Relativierung des Privatbesitzes. Falls letzterer nominell bleibt, gerät er restlos unter Staatskontrolle.
• Verfolgung, Knechtung oder Kontrolle der Glaubensgemeinschaften.
• „Recht ist was dem Volke nutzt, der Partei nutzt!” Partijnost
• Hass auf die Minderheiten.
• Verherrlichung der Mehrheit und des Durchschnitts.
• Glorifizierung der Revolution, des „Umbruchs” etc.
• Plebejismus: Kampfansage an frühere Eliten.
• Jagd auf „Verräter”. Wut auf die „Emigranten.
• Populismus und Uniformismus: Volksempfänger, Volkswagen, Volksdemokratien, Volksgerichte etc.
• Berufung auf das demokratische Prinzip.
• Ideologische Wurzel in der französischen Revolution.
• Dynamischer Monolithismus: Staat, Gesellschaft, Volk werden eins.
• Koordination durch Schlagworte, Gedichte, Lieder, Symbole, Redewendungen, Klischees.
• Einsetzung von Säkular-Riten als Religionsersatz.
• Der Konformismus als Existenzprinzip. „Gleichschaltung”.
• Anfeuerung von Massenhysterien.
• Technologisierter Herrschaftsmodus.
• Freiheit – vom Gürtel abwärts.
• Alles für den Staat, alles durch den Staat, nichts gegen den Staat.
• Politisierung des gesamten Lebens: Kinder, Touristen, Sportler, Erholung als Objekte.
• Nationalismus oder Internationalismus gegen Patriotismus.
• Kampf gegen außerordentliche Menschen, gegen „Privilegien”.
• Totalmobilmachung des Neids im Interesse von Partei und Staat.

Bildergebnis für französische revolution

Wie hieß es in der Wikipedia-Definition zu „Querfront“: „gegensätzliche Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus zu verbinden“.
Folgt man den obigen Konkretisierungen von Kuehnel-Leddihn, dessen was links ist, sind Nationalismus und Sozialismus keineswegs gegensätzliche Ideologien, die einer Querfront bedürfen.
In einem weiteren Beitrag wird darauf einzugehen sein, wie die derzeitige angebliche  Rechte sich beim Thema Querfront darstellt und was jenseits von links konkretisiert werden sollte.

Fortsetzung folgt!